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Wir Deutschen werden schnell missverstanden

, Susanne Kilian

Wie lassen sich international Missverständnisse vermeiden und damit Zeit, Nerven und Geld sparen? Uno-Dolmetscherin Susanne Kilian berichtet aus Ihrem täglichen Erfahrungsschatz.

Susanne Kilian Act Different
Susanne Kilian

Capital ist Medienpartner der Konferenz ACT D!FFERENT, die am 21. Mai in Berlin stattfindet. Diese Konferenz für Andersmacher, ist erdacht und anders gemacht vom Econ Verlag in Berlin.
Menschen, die andere Ansichten haben, genießen nicht ausschließlich Bewunderung. Dabei sind viele Erfolge nicht deswegen entstanden, weil sich alle an die üblichen Spielregeln gehalten haben, sondern weil sie jemand gebrochen hat.
Lesen Sie diese Woche vorab einen Gastbeitrag von Susanne Kilian*, die Sie auf der ACT D!FFERENT als Vortragenden persönlich treffen können. 


Deutsch gehört zu den wenigen funktionalen Sprachen dieser Welt. “Sagen wie es ist,  „zum Punkt kommen“, empfinden wir als effizient, höflich und professionell. International treten wir damit – ungewollt und unbemerkt – in Fettnäpfchen.

Deshalb beginne ich meine Seminare zunächst mit einem Gedankenspiel: Stellen Sie sich vor, wir sind beim Wiener Opernball und es ist Damenwahl. Ich lächle Sie an und gehe auf Sie zu.  Erwarten Sie nun ein paar freundliche Worte oder die Aufforderung zum Tanz ? „Schönen guten Abend, mein Name ist Susanne Kilian und ich bin eine wirklich gute Dolmetscherin“, begrüße ich einen der Kursteilnehmer.  Während alle lachen, blickt derjenige verdattert, dem ich die Hand schüttle. Er weiß nicht, wie er auf die unerwartete Situation reagieren soll.

International hinterlassen wir schnell genau diesen Eindruck. Uns ist nicht bewusst, dass auch im Geschäftsleben zunächst „eine Runde Wiener Opernball“ von uns erwartet wird: „Willkommen, schön Sie zu sehen, was für ein sonniger Tag, hatten Sie eine gute Anreise?“ Gerne begeben wir uns bei Treffen ohne Umschweife auf die Sachebene. Dieser „Kaltstart“ irritiert und überfordert  unsere Gesprächspartner.

Als Uno-Dolmetscherin erklärte ich regelmäßig: „We Germans are not naturally born rude. We just have a very different communication culture.“

Da die meisten von uns ein „technisch“ gutes Englisch – mit ausreichendem Vokabelschatz und passabler Grammatik – beherrschen, setzt man zugleich auch unsere Kenntnis von Nuancen der englischen Sprache voraus. Diese internationale Erwartungshaltung erfüllen wir nicht. Dazu bedarf es eines Trainings jenseits des klassischen Englischunterrichts. Ein Trost: Wir stehen nicht vollkommen alleine da, auch Finnisch, Hebräisch und Estnisch zählen zu den sehr direkten Sprachen, die im Rest der Welt gerne mal anecken.

Small Talk ist Sales Talk

Für uns „Direktsprachler“ bedeutet Small Talk Zeitverschwendung und Stress.  Warum sollten wir zehn Sätze über das Wetter verschwenden? Es regnet und damit ist doch alles gesagt! Mein Tipp: Halten Sie sich nicht beim Wetter auf. Machen Sie Komplimente, über das schöne Büro, das angenehme Ambiente, den freundlichen Empfang. Sie fühlen sich dabei nicht wohl? Schleimen liegt Ihnen nicht? Sie schleimen nicht! Sie eröffnen den Gesprächstanz!  Sie schaffen eine positive Atmosphäre, holen damit Ihr Gegenüber „ins Boot“. So fühlt sich Ihr Gesprächspartner respektiert und anerkannt. Erst dann kann Ihre Information empfangen und verarbeitet werden.

Bei uns tickt ständig die Uhr. Wir denken an das Flugzeug oder den Zug, der noch zu erwischen ist. Also kommen wir so schnell wie möglich zur Sache. Das ist genau der Punkt, an dem es hakt. Wir geben unserem Gegenüber nicht genug Zeit, mit uns warm zu werden, sich ein Bild von uns zu machen. Spannenderweise verlieren wir gerade hier Zeit, denn Verhandlungen gehen mühsamer voran, wenn unser Geschäftspartner uns noch nicht einzuordnen vermag.

Zielführend sind alle Small-Talk-Themen, die Anerkennung zeigen. „Danke, dass Sie sich die Mühe gemacht haben hierher zu kommen. Wie war die Fahrt? Es ist doch ein langer Flug aus Amerika. Haben Sie noch Jetlag? Fühlen Sie sich wohl? Trinken Sie Tee oder Kaffee? Ach, Sie trinken auch Tee!“ Erfolgreicher Small Talk bedeutet Gemeinsamkeiten zu finden und somit eine solide Gesprächs- beziehungsweise Beziehungsbasis zu schaffen.

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Danke für die Blumen-Floskeln und Ihr Gegenüber blüht auf

„I am so terribly sorry, Mrs. Kilian is not in“, gilt das überall auf der Welt als klare, eindeutige Information. Der gleiche Satz  auf Deutsch: „Oh es tut  mir so furchtbar leid, ich befürchte fast, Frau Kilian ist nicht da“, löst in uns Misstrauen aus. Floskeln verwirren und verunsichern uns. Wir bevorzugen „die klare Ansage“. In den meisten Kulturen ist das „freundliche Verpacken“ von Informationen unverzichtbar.

„I so much appreciate you took your time and the extra effort to come all the way from New York.“ Was im Deutschen schnell übertrieben und schmeichlerisch wirkt, ist international der Schlüssel zu einer guten Gesprächsatmosphäre.

„Fantastic, outstanding, marvellous“, Amerikaner präferieren Superlative,  die für uns schnell exaltiert klingen können. In Staaten wie Brasilien, Indien, China oder Südafrika dauert der Small Talk länger. Zwischen Männern in China gehört es zum guten Ton, sich Komplimente zu machen. Deshalb rate ich chinesischen Kunden: ,,Machen Sie beim ersten Treffen mit einem deutschen Mann bloß keine Komplimente. Der kriegt Angst.“

Es gibt auch Tabus

Religion, Politik und schwierige soziale Themen gehören zu den klaren Tabus. „Mensch, in Mexiko habt ihr momentan ein echtes Problem mit der Drogenmafia“, stellen die deutschen Kollegen einer mexikanischen Seminarteilnehmerin gerne fest. Diese empfindet es als zutiefst verletzend, regelmäßig auf die Missstände in Ihrem Heimatland angesprochen zu werden.

Wir geben einem Gespräch gerne Tiefe auch dadurch, dass wir Probleme direkt ansprechen. Die Dinge beim Namen zu nennen kann für unseren Gesprächspartner ein schmerzhafter „Gesichtsverlust“ sein. Auch Südafrikaner und  Inder werden nicht gerne auf die Gewalt und Massenvergewaltigungen in ihrem Land angesprochen. Es ist so, als würde man uns ständig an Hitler und den Zweiten Weltkrieg erinnern.

Schwärmen Sie einfach: ,,Mexiko hat eine spannende Kultur und 5000 Jahre Geschichte.“ Jeder redet gerne über sein Land - warum fangen wir nicht bei den schönen Dingen an? Dann klappt’s auch mit den Nachbarn - weltweit!

 

Susanne Kilian erlebte als Uno-Dolmetscherin, wie schnell es zu Missverständnissen kommt, die viel Zeit und Geld kosten. Aus den Erfahrungen ihrer mehr als 15-jährigen UN-Laufbahn hat sie einen „Kommunikations-Werkzeugkasten“ entwickelt. In ihren Seminaren und Vorträgen erstellt sie für und mit ihren Kunden wirkungsvolle sowie erfolgreiche Gesprächsstrategien. Im Juni 2015 erscheint Ihr Buch : „Don’t let me be misunderstood“.


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