5
  • Facebook
  • Twitter
  • Google Plus
  • Management

Wie Sie falsche Entscheidungen umgehen

, Peter Brandl

Enttarnen Sie ihre Entscheidungs-Gespenster! Manches, was gut aussieht, ist es in Wirklichkeit nicht. Von Peter Brandl

Peter Brandl
Peter Brandl

Peter Brandl ist Kommunikationsprofi, (ehemaliger) Berufspilot, Unternehmer, Fluglehrer und Autor. Seit über 20 Jahren gehört er zu den gefragtesten Vortragsrednern im deutschsprachigen Raum. Zuletzt erschien im Gabal Verlag sein Buch "Hudson River. Die Kunst schwere Entscheidungen zu treffen" www.peterbrandl.com 


Die Motoren röhren auf. Es ist, als würde der Jet unter ihrem Po weggezogen. Zum Glück werden Sie in eine bequeme Rückenlehne gepresst. Nach Newtons Trägheitsgesetz verharren Körper in Ruhe, wenn keine Kräfte auf sie wirken oder deren Summe gleich null ist. Der Schub ist die Kraft, die erforderlich ist, die Maschine mit Ihnen darin in Bewegung zu setzen und auf ca. 300 km/h zu beschleunigen, damit sie aufsteigen kann.

Gewissermaßen sind Menschen wie Flugzeuge. Wer in seinem Leben schon mal zu neuen Zielen aufgebrochen ist, kennt das Gefühl nur allzu gut. Zuerst rafft man sich auf, dann fasst man Zutrauen in seine Kraft und schließlich hebt man ab. Die verständliche Angst, dass der Take-off misslingen könnte, verwandelt sich in Leichtigkeit und Euphorie. Es ist ein großartiges Gefühl, fliegen zu können.

Was Psychologen beim Menschen „Antrieb“ nennen, ist der Schub, den sie benötigen, um den Hintern hochzukriegen. Doch sie fürchten die Anstrengung des Starts, scheuen das Risiko der Veränderung und verharren im „Ganz-okay“ statt ihr Leben und sich selbst zu etwas Besonderem zu machen. Werden sie dann plötzlich vor wichtige Entscheidungen gestellt, versagen sie. Es ist, als würden sie zum ersten Mal im Cockpit ihres Lebens sitzen und vom Heer der Instrumente erschlagen.

Warum aber kleben Millionen Menschen am Boden statt durchzustarten? Sie leben ihr eigenes Trägheitsgesetz, und das Resultat ist Bequemlichkeit. „Ich sollte, (würde, müsste, könnte) eigentlich was ändern, aber die Umstände sind gegen mich.“ Viele haben diesen Konjunktiv permanent im Kopf und blenden dabei eine einfache Wahrheit aus: Wer sein Leben nicht gestaltet, den verunstaltet es am Schluss. Man wiegt sich in trügerischer Sicherheit und hat keine Ahnung davon, was droht und was man alles verpasst. Kommt es dann zwangsweise zum Start und sind Entscheidungen gefragt, wird man leicht das Opfer von Gespenstern, die eine wirklich gute Wahl verhindern.

Doch hier gilt: Gefahr erkannt, Gefahr gebannt. Oft genügt es, eine einfache Checkliste von drei Punkten abzuarbeiten, um auf der sicheren Seite zu sein:

1. Halo-Effekt – der schöne Schein

„Halo“ kommt aus dem Englischen und heißt „Heiligenschein“. Der Halo-Effekt besagt, dass unsere vermeintlich rationalen Meinungen massiv von Störfaktoren beeinflusst werden. Wir sehen die Dinge nicht als das, was sie wirklich sind, sondern nehmen sie immer nur im Kontext wahr. Andere Faktoren, die für unsere Beurteilung einer Sache oder einer Situation eigentlich unerheblich sind, überstrahlen plötzlich unsere Überlegungen und lassen uns zu Schlüssen kommen, die alles andere als rational sind. Wissenschaftler sprechen auch von einer Wahrnehmungsverschiebung oder kognitiven Verzerrung.

Hat man eine Entscheidung gefällt, dominiert sie alle zukünftigen Informationen, auch wenn die ihr widersprechen sollten. Ein einfaches Beispiel: Wer das Brot eines Bäckers mag, wird vielfach auch dessen Brötchen lieben, selbst wenn diese eher durchschnittlich sind. Eine klassische Verblendung, die sehr häufig vorkommt. Dennoch liefert ein guter Brotbäcker oft auch prima Frühstücksbrötchen.

Natürlich ist das praktisch und dient menschlicher Effizienz. Es führt aber auch dazu, dass wir vielleicht nie die besten Croissants der Stadt genießen werden.

Im Geschäft ist Vertrauen ein wichtiger Faktor. Vertrauen muss aber nicht in Kritiklosigkeit münden. Es ist jeden Tag aufs Neue erstaunlich, dass erwachsene Menschen 3000 Euro auf ein afrikanisches Konto einzahlen, weil ihnen ein Nigerianer per Mail 12 Mio. Dollar Vermittlungsprovision in Aussicht gestellt hat. Manchmal ist das Leben ein übler Heiratsschwindler, und wir gebärden uns so irrational wie ein verliebtes Mauerblümchen auf Männerfang. 

[Seitenwechsel]

2. Sekundäre Rationalisierung – bloß nicht zweifeln!

Die sekundäre Rationalisierung ist ein Programm, das zunächst einmal sinnvoll erscheint. Dass Zweifel gar nicht zugelassen sind und Alternativen ausgeblendet werden, verleiht Menschen Sicherheit. Eigentlich ist es ganz angenehm, wenn man von Geburt an so gepolt ist, dass das, wofür man sich einmal entschieden hat, auch das Beste bleibt.

Dann kommen erst gar keine negativen Gefühle auf: „Wäre es vielleicht doch besser gewesen, den Kombi statt des Cabrio zu nehmen? Brauche ich die 150 Extra-PS überhaupt und ist Weiß nicht in zwei Jahren aus der Mode?“ Schön, wenn man keine solcher Spaßbremsen im Kopf hat, während man sich auf den nagelneuen Porsche freut. Dumm allerdings, wenn der Kindersitz nur noch aufs Faltdach passt. Allerdings ist man dafür mit dem Geschoss auch schneller beim Kinderarzt, wenn Junior plötzlich Pusteln bekommt. Sicher – ein etwas absurdes Beispiel, aber es zeigt dramatisch, wohin uns unsere Zweifelsparmaßnahmen treiben können.

Und so kaufen wir alle von Zeit zu Zeit einen imaginären Porsche, obwohl sich Nachwuchs ankündigt – sei es, dass wir wegen ein paar Euro mehr den Job beim Sklaventreiber angenommen haben oder dass wir im Management Geld in ein teures Software-Monster investiert haben, obwohl es die einfachere Variante auch getan hätte. Nur weil wir uns in ein tolles Feature verliebt haben, bedeutet das nicht, dass diese Lösung unter dem Strich die beste für unser Unternehmen ist. Wir sind dann einfach nicht mehr objektiv. Das Element, für das wir uns so begeistern, liefert permanent und penetrant fadenscheinige Rechtfertigungen, die nur in unserem Kopf wirklich plausibel sind. 

3. Das Prinzip der Kohärenz – alles aus einem Guss

Die meisten Menschen wünschen sich ein Leben wie ein großes Bild – ein harmonisches Meisterwerk, in dem jedes Element zu allen anderen und jeder Farbtupfer zum Nachbarn passt. Dummerweise folgt das Leben nicht diesem Ideal. Deshalb sind auch echte Querdenker so selten und in Unternehmen extrem begehrt. Das Kohärenzprinzip lässt uns alle Handlungen so wählen oder anpassen, dass diese bestmöglich zum gefühlten Rest unserer Lebensumstände passen. Ganz klar, dass wir im Schatten der Kohärenz oft danebengreifen, wenn wir vor einer schwierigen Wahl stehen. 

Fatalerweise funktioniert das nicht nur mit guten Sachen. „Never change a winning team!“ lautet eine englische Fußballweisheit, die man als Trainer meistens beherzigen kann. Was aber, wenn Ihr Mittelfeldmotor nur noch ein Schatten früherer Tage ist? Beim Stürmer können Sie immerhin die Tore zählen. Den alternden Strategen aber stellen sie noch lange auf, weil sie es schon immer getan haben. Und die sekundäre Rationalisierung hilft: „Ist nur ein Formtief. Da kommt er wieder raus“, redet sie Ihnen ein, während ein großes Talent Ihren Club verlässt, weil sie ihm keine Chance geben.

Ohne das Prinzip der Kohärenz gäbe es keine schlüssige Unternehmens-CI und keine tragfähige Firmenphilosophie. Nur beschwindeln wir uns hier entweder gern selbst oder lassen uns hinters Licht führen. Wer uns vorgaukelt, dass sein Angebot zu unserem Selbstverständnis passt, kann uns Dinge verkaufen, die uns später nachhaltig enttäuschen. Und oft sind wir selbst die Gaukler. Gerade Unternehmer und Manager sind dann besonders gut in ihrem Job, wenn sie eine Nase genau für die Situationen haben, in denen ein Produkt seinen Zenit überschritten, ein Lieferant ausgedient oder ein Vertriebsweg sich totgelaufen hat. 

Eine Aufgabe fürs Pflichtenheft

Die geschilderten Phänomene sind keine Erfindungen von Küchenpsychologen. Sie sind reale Prozesse im Gehirn, die uns auch helfen, Entscheidungen überhaupt erst zu treffen. Leider können sie so stark werden, dass sie den klaren Blick auf die Umstände verstellen, unter denen wir entscheiden. Deshalb ist es enorm wichtig, vor Entscheidungen von großer Tragweite mindestens einmal innezuhalten, um die aktuelle Idee im Hinblick auf die drei Effekte kritisch zu bewerten. Jeder, der etwas zu entscheiden hat, sollte diesen Prüfmechanismus durchlaufen.

Wenn wir lernen, unsere Trägheit dauerhaft zu überwinden, sind wir zunehmend geübt darin, unsere Gespenster zu enttarnen. Und erst, wenn wir sicher sein können, nicht dem schönen Schein auf den Leim zu gehen, sollten wir schließlich handeln. 


Artikel zum Thema
Autor
  • Management
Ankommeritis - fatale Zielfixierung

Unister-Chef Wagner hat vor seinem tödlichen Absturz Risiken ignoriert. Opfer des Erzwingenwollens kann jeder werden. Von Peter BrandlMEHR

  • Management
Das Meinungsdiktat der Schreihälse

Lautstärke bestimmt die Kommunikation - auch in der Wirtschaft. Die klugen Zweifler bleiben ungehört. Von Peter BrandlMEHR

5

LESERKOMMENTARE

 

Kommentare Einblenden

Datenschutz

Die Kommentarfunktion "Disqus" wird von der Big Head Labs, Inc., San Francisco/USA., zur Verfügung gestellt. Weitere Informationen, insbesondere darüber, ob und wie personenbezogene Daten erhoben und verarbeitet werden, finden Sie in unseren Datenschutzbestimmungen.

Moderation

Die Kommentare werden von Capital moderiert. Das heißt, Kommentare werden von der Redaktion freigeschaltet. Kritik und auch in der Sache harte Diskussionen sind willkommen, Beleidigungen werden wir dagegen nicht zulassen. Näheres hierzu finden Sie in unserer Netiquette.