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Wie der Mittelstand Fachkräfte anlockt

, Max Schaber

Überzeugend anders: Mittelständische Firmen können beim Buhlen um Fachkräfte mithalten. Von Max Schaber

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Max Schaber ist Gründer und Vorstandschef des IT-Dienstleisters Datagroup AG. Das Unternehmen beschäftigt rund 1400 Mitarbeiter in DeutschlandMax Schaber ist Gründer und Vorstandschef des IT-Dienstleisters Datagroup AG. Das Unternehmen beschäftigt rund 1400 Mitarbeiter in Deutschland


„Der Fachkräftemangel ist ein Mythos“ – immer wieder findet sich diese Aussage in Zeitungen wieder. Und sie ist Unsinn. Zumindest für den Bereich der IT. Hier ist der Fachkräftemangel seit Jahren handfeste Realität. So musste der IT-Fachverband Bitkom Ende vergangenen Jahres rund 41.000 offene Stellen in der IT-Branche vermelden.

Aber damit nicht genug. Überschriften wie „Google versus die deutschen Autokonzerne“ werfen ganz aktuell ein Schlaglicht auf die großen Veränderungen in Wirtschaft und Gesellschaft. Die Digitalisierung schreitet in rasantem Tempo in allen Branchen voran. Händeringend suchen jetzt auch Konzerne wie BMW, Daimler oder Porsche IT-Fachkräfte, die in der Lage sind, den digitalen Herausforderungen zu begegnen. In der Automobilindustrie und anderen „Anwenderbranchen“ zählte der Bitkom Ende 2014 weitere 24.500 unbesetzte IT-Stellen. Tendenz steigend.

Für mittelständische IT-Unternehmen scheint die Fachkräfte-Situation besonders angespannt. Mussten sie bei der Suche nach Talenten immer schon gegen große, international agierende IT-Anbieter in den Ring steigen, sehen sie sich jetzt zusätzlich Weltkonzernen und Top-Arbeitgebern aller Branchen gegenüber, die ebenfalls um die kostbare Ressource IT-Fachkräfte buhlen. Für die solchermaßen umworbenen Arbeitnehmer ist die Situation natürlich komfortabel.

Jobs mit Entwicklungs- und Gestaltungsmöglichkeiten

Aber auch die mittelständische Arbeitgeberseite steht nicht so schlecht da. Wenn die großen Budgets fehlen, ist halt ein anderes Vorgehen gefragt. Mittelständische Unternehmen sind gut beraten, ihre traditionellen Vorteile gegenüber den Weltkonzernen auszuspielen. Denn engagierte Köpfe suchen mehr als nur einen Job zum Geldverdienen. Und der Mittelstand bietet mehr als nur eine anspruchsvolle Aufgabe.

Sein größter Pluspunkt: flache Hierarchien und kurze Entscheidungswege. Gerade gut ausgebildete Fachkräfte suchen Jobs mit Entwicklungs- und Gestaltungsmöglichkeiten. Viele Bewerber sagen uns, dass sie diese Möglichkeiten eher bei einem mittelständischen Arbeitgeber als bei einem Großkonzern vermuten. Zu recht! Denn noch so verheißungsvolle Karriere- und Traineeprogramme ändern nichts daran, dass bürokratische Silostrukturen und starre Kommunikationskanäle in Konzernen die Handlungsfreiheit der Mitarbeiter stark einschränken, egal auf welcher Ebene.

Der Mittelstand hat dagegen die Chance, seinen Mitarbeitern mehr als nur eine „eigene kleine Schublade“ zu bieten, aus der man sich nur schwer herausarbeiten kann. Wer sich in Richtung neuer beziehungsweise zusätzlicher Aufgaben orientieren will, der muss aktiv gefördert werden. Dafür sind keine großen Personalentwicklungskonzepte notwendig, sondern passgenaue Weiterbildungsangebote die richtige Lösung.

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Der Mitarbeiter ist bei uns keine Nummer

Ein zweiter wichtiger Vorteil des Mittelstands ist Kommunikation auf Augenhöhe. Sie überzeugt viele kreative Köpfe, den richtigen Arbeitgeber gefunden zu haben. Hier muss der Unternehmer und/oder Geschäftsführer durch persönliche Nähe punkten und ein Gegengewicht zur Anonymität der Großkonzerne bilden. So lässt sich eine Situation à la „Die da oben, wir hier unten“ vermeiden. Das schlagende Argument des Mittelstands lautet: Der Mitarbeiter ist bei uns ein Mensch, keine Nummer.

Drittens werden Schnelligkeit und Agilität im Personalauswahlprozess immer wichtiger. Das beginnt bei der zügigen Reaktion auf die Bewerbung. Kandidaten sind oft positiv überrascht, wenn wir sie nur wenige Stunden nach Abgabe ihrer Unterlagen zum Vorstellungsgespräch einladen. Auch die direkte Einbindung aller Entscheider in das Erstgespräch ist noch lange nicht die Regel, beschleunigt den Auswahlprozess aber erheblich. So können beide Parteien schneller erkennen, ob sie zueinander passen.

Ein guter Draht zwischen Personalern und Fachverantwortlichen kann hier den entscheidenden Geschwindigkeitsvorteil bedeuten, um einen interessanten Kandidaten für das Unternehmen zu gewinnen. Unbürokratische Strukturen und schnelle Entscheidungen signalisieren zudem Wertschätzung und überzeugen die neuen Mitarbeiter davon, dass Nähe und Agilität im Unternehmen groß geschrieben werden.

Digitalisierung verschärft Problem

Schließlich können Unternehmen dem Thema Fachkräftemangel nicht nur auf Recruiting-Ebene begegnen. Auch Akquisitionen bieten hierfür eine gute Möglichkeit. Ein kluger Eingliederungsprozess vorausgesetzt, kann ein Unternehmen so auf einen Schlag viele neue Fachkräfte gewinnen. Damit das gelingt, muss das Management vor allem einen „Kampf der Kulturen“ zwischen den beiden Unternehmensteilen vermeiden. Auch hier sollte Offenheit und Ehrlichkeit gegenüber den Mitarbeitern an erster Stelle stehen, um große emotionale Turbulenzen für die Belegschaft und unnötige Risiken zu vermeiden.

Fazit: Der IT-Fachkräftemangel ist seit Jahren Realität. Die Digitalisierung in Anwenderbranchen wie der Automobilindustrie verschärft das Problem zusätzlich. Der Mittelstand als Motor der deutschen Wirtschaft ist durch diese Situation besonders betroffen. Er verfügt jedoch über probate Mittel, sich angesichts der Herausforderungen auch gegen „die Großen“ durchzusetzen. Nicht „den Kopf in den Sand stecken“ muss daher die Devise lauten, sondern anders zu denken, anders zu arbeiten und bestrebt sein, die bessere Lösung zu finden.


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