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Das Tönnies-Drama

, Thomas Steinmann und Jens Brambusch

Der jahrelange Familienkrieg beim Fleischriesen Tönnies ist vorbei. Wie es zu dem erbitterten und millionenteuren Streit zwischen Onkel und Neffe kam, hat Capital vor zwei Jahren nachgezeichnet

Jahrelang Seite an Seite: Robert Tönnies (l.) und sein Anwalt Mark Binz © Heinrich Holtgreve
Jahrelang Seite an Seite: Robert Tönnies (l.) und sein Anwalt Mark Binz

Die flache Hand saust mit einem lauten Knall auf das Holzpult im Bielefelder Landgericht. Das Gesicht rot vor Zorn, die Halsadern dick. „Das kann nicht sein!“, ruft Clemens Tönnies wieder und wieder. Seine Stimme wird lauter und lauter. „Robert Tönnies, bist du verrückt geworden?“, brüllt er seinem Neffen quer durch den Saal zu. Dann schleudert er dessen Anwälten entgegen: „Was Sie mit dem Jungen machen, ist hanebüchen!“

Jetzt haut Mark Binz auf den Tisch. „Was soll das heißen?“, empört sich der Anwalt des Neffen. Und auch Robert Tönnies platzt der Kragen, vor Wut schlägt er gegen das Mikrofon. Er habe zig Beispiele, warum er seinem Onkel heute misstraue: die privaten Geschäfte, die Stiftungen in Liechtenstein, dessen Rechtsstreit mit seiner Mutter. „Ich könnte da wochenlang drüber sprechen“, donnert er. Nach einer kurzen Pause schiebt er hinterher: „Und meine Anwälte beeinflussen mich auch nicht.“

Bahlsen, Dussmann, Riegel und Oetker

Seit fast drei Jahren bekämpfen sich Neffe und Onkel nun vor mehreren Gerichten, in einem halben Dutzend Prozessen. Es geht um die Macht in einem der größten Fleischkonzerne Europas. 5,6 Mrd. Euro Umsatz. 8 000 Mitarbeiter. Und es geht um eine Familie, die am Streit zerbrochen ist. So wie die Bahlsens, Dussmanns, Riegels und Oetkers.

Eine Einigung scheint fast unmöglich, seit die Familientreffen bei Tönnies vor Gericht stattfinden. Zu groß ist die Wut über den anderen.

Dabei brüstet sich der Mann mit dem weißen Schopf, der an jedem Prozesstag in seiner schwarzen Robe neben Robert sitzt, damit, ein Friedensstifter zu sein. Mark Binz sieht sich selbst als Spezialist für die Bereinigung von Konflikten in Unternehmerdynastien und reichen Clans. Er freue sich, „wenn sich Familienmitglieder oft Jahre später bei mir dafür bedanken, dass meine Arbeit geholfen habe, den Familienfrieden wiederherzustellen und das Unternehmen zu erhalten“, hat er einmal in einem Interview erzählt.

Sollten sich die verfeindeten Tönnies-Lager doch noch einigen, Mark Binz könnte das nicht als seinen Erfolg verbuchen. Wie die in Bielefeld erscheinende Neue Westfälische am Wochenende berichtete, soll sich Robert Tönnies von seinem Anwalt getrennt haben. Für Einigungsgespräche unter Leitung eines Mediators hatte Robert Tönnies bereits die Kanzlei Taylor-Wessing (Düsseldorf) beauftragt. Für die prozessuale Vertretung setzt er nun auf die US-Kanzlei Latham & Watkins. In gesellschaftsrechtlichen Angelegenheiten lässt Robert Tönnies sich künftig von der Düsseldorfer Kanzlei Rellermeyer + Partner vertreten.

Ein Schlag für den erfolgsverwöhnten Stuttgarter Anwalt, der dafür bekannt ist, tief in die Trickkiste zu greifen, um Druck auf die Gegenseite aufzubauen. Capital hatte bereits im Mai vergangenen Jahres das Geschäftsmodell des Anwalts genauer unter die Lupe genommen.

Mehr als 300 große Fälle

Tatsächlich ist seine Stuttgarter Kanzlei selten weit weg, wenn es in großen deutschen Familienunternehmen kracht. Im Streit bei Haribo hat er mitgemischt. Und auch bei Voith, Breuninger, Electronic Partner (EP) und Heitkamp&Thumann. Als 2010 eine Fehde in der Verlegerfamilie Neven DuMont begann, bot Binz dem Sohn des Patriarchen sogleich seine Dienste an – obwohl er selbst bis Ende 2008 im Aufsichtsrat des Medienkonzerns gesessen hatte. Konstantin Neven DuMont lehnte ab.

Mehr als 300 große Fälle habe er in den vergangenen 30 Jahren betreut, sagt Binz – „mit einer Erfolgsquote von mehr als 90 Prozent“. Reinhold Würth hat er dabei beraten, aus seinem Schraubenimperium eine Stiftung zu machen. Fielmann und Boss begleitete er bei ihren Börsengängen. Nach eigenen Angaben ist die Nachfrage so groß, dass seine Kanzlei eine Warteliste führen muss.

Allerdings haben die Einigungen, die Binz vermittelt, oft einen Preis – in jeder Hinsicht: für die Familien, weil Binz wie kaum ein Zweiter die Klaviatur der Eskalation beherrscht. Damit rühmt er sich immer wieder. Und auch für seine Mandanten: Denn je länger der Streit dauert, desto lukrativer wird es für Binz.

Capital hat Binz schriftlich um Stellungnahme zu seinen Methoden und seinem Geschäftsmodell gebeten. Doch statt zu antworten, schaltete er einen Medienanwalt ein.

Lästige Gesellschafter

Binz gilt nicht nur als einer der bekanntesten deutschen Anwälte, seit er 2000 mit einer Strafanzeige den Mannesmann-Prozess gegen Josef Ackermann und Klaus Esser ins Rollen brachte. Sondern auch als einer der bestbezahlten. Und jetzt ist also Tönnies dran. Der Fall sollte sein Meisterstück werden.

Seine Strategie für Familienfehden hat Binz im Herbst 2011 im „Unternehmermagazin“ offen beschrieben. Der Beitrag mit dem Titel „Lästige Gesellschafter in Familienunternehmen: Opfer und Täter“ wirkt wie ein Drehbuch, wie eine Anleitung zur Kriegsführung. Sein Text will nicht so recht passen zum Image des auf Ausgleich bedachten Vermittlers, das Binz behutsam pflegt. Und er weist frappierende Parallelen zu seinem Vorgehen im Fall Tönnies auf – Punkt für Punkt:

„Geradezu klassisch ist die Kombination zweier Neffen mit Onkel. (…) Für eine gemeinsame ­Unternehmenspolitik fehlt es an wechselseitiger Wertschätzung und ­Vertrauen“ *

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Firmenpatriarch Clemens Tönnies in der Konzernzentrale in Rheda-Wiedenbrück © Christian Protte
Firmenpatriarch Clemens Tönnies in der Konzernzentrale in Rheda-Wiedenbrück

Klassische Kombination für Familienstreit

Bei Tönnies hätte Hollywood die Rollen nicht besser besetzen können. Zwei Männer, beide von „Forbes“ in der Liste der Milliardäre geführt, zerfleischen sich in aller Öffentlichkeit. Auch an diesem Prozesstag Mitte ­April liefern sie sich im holzvertäfelten Saal 255 des Landgerichts Bielefeld filmreife Szenen. Der Richter reibt sich oft verwundert das Kinn.

Auf der einen Seite steht Clemens, 58: der Konzernchef, „CT“ genannt. Aus der Firma in Rheda-Wiedenbrück, die sein Bruder Bernd 1971 gründete, hat er im Laufe der Jahre einen Fleischriesen gebaut. Er ist Aufsichtsratschef bei Schalke 04, Jagdfreund vieler Größen der deutschen Wirtschaft, mit Privatjet und bestem Draht in den Kreml.

Sein Gegner ist Neffe Robert, 36: Autofan, Freizeitvolleyballer, „der Junge“, wie sein Onkel ihn manchmal nennt. Robert und sein Bruder Clemens junior haben nach dem Tod ihres Vaters 1994 dessen 60-Prozent-Anteil am Unternehmen geerbt.

2008, als die Familie noch intakt war, schenkten die Neffen ihrem Onkel je fünf Prozent am Unternehmen. Drei Jahre später übertrug Clemens junior seinen Anteil auf seinen Bruder. Seitdem gehört „CT“ die eine Hälfte des Konzerns, Robert die andere. Eine „klassische Kombination“ für Familienstreit.

Robert Tönnies - der Traummandant

Und damit für Binz. Im Jahr 2011 schaltete Robert Tönnies den Anwalt ein. Der Streit um die Macht im Unternehmen, der damals schon eine Weile schwelte, eskalierte. Der Neffe klagte gegen seinen Onkel.

Ein Doppelstimmrecht in der Firmenholding, das Clemens für sich beanspruchte, hat Robert bereits erfolgreich gekippt. Nun fordert er seine Schenkung zurück. Er bezweifelt, dass sein Vater dem Onkel schon zu Lebzeiten eine 50:50-Beteiligung am Unternehmen versprochen habe, wie dieser immer behauptet hat, und wirft ihm „groben Undank“ vor. Würde Robert diesen Prozess gewinnen, hätte er die Mehrheit im Konzern. Dann könnte er „CT“ aus dem Tagesgeschäft drängen – „vom Hof jagen“, wie sie es bei Tönnies nennen.

In Robert Tönnies hat Binz einen Traummandanten gefunden. Vermögend, gekränkt, unsicher. Vor den Prozesstagen, so heißt es in Bielefeld, ziehe sich Robert mit Binz und dessen Team in ein Hotel zurück, um die Auftritte vor Gericht zu studieren. Binz mag Inszenierungen. Im Prozess tritt er mitunter auf wie ein Schauspieler, mit ausladenden Gesten und Sätzen, in denen er jedes Wort betont. Für Robert hat er einen Berater verpflichtet, der schon Ex-Bayern-Präsident Uli Hoeneß durch dessen Steuerprozess begleitet hat.

Binz denkt in Schlachtplänen und Kriegsführung

Früher lief es bei Tönnies so: Clemens entschied, die Neffen stimmten zu – und kassierten, weil der Konzern erfolgreich war. Doch inzwischen sehen sie manche Aktivitäten ihres Onkels anders. Der Patriarch habe seine Neffen nach dem Tod des Vaters über den Tisch gezogen, sagt Binz. Ihre Rechte seien „kas­triert“ worden – mithilfe des Testamentsvollstreckers, der sie schützen sollte. Im Prozess spielen vor allem „CTs“ Privatgeschäfte in Russland und beim Wettbewerber Zur Mühlen eine Rolle. Binz sagt, Clemens habe heimlich ein „Schattenreich“ aufgebaut. Zum Schaden der gemein­samen Firma.

Auf den ersten Blick ist Mark Binz ein eloquenter, charmanter Mann. Im Gericht begrüßt der stets gut gebräunte Hobbysegler die Vertreter der Gegenseite mit Handschlag. Er trägt den Titel eines Honorarprofessors und sitzt in mehreren Aufsichtsräten, etwa bei Fielmann und Faber-Castell. 2014 feierte er seinen 65. Geburtstag mit einer Gala, zu der etliche Familienunternehmer und Manager erschienen.

Doch Binz führt Krieg. Er denkt in „Schlachtplänen“ und „Kriegsführung“. In einer E-Mail, die Capital vorliegt, schreibt er über den aktuellen Prozess bei Tönnies: „Unsere Siegchancen sehen wir bei 90 Prozent. Gleichzeitig ist ja Clemens Tönnies gesundheitlich schwer angeschlagen. Und muss (in Person!) 100 Mio. Euro Geldbuße an das Kartellamt bezahlen, sodass die Kriegskasse geplündert werden muss. Beides zusammen ist gewiss keine gute militärische Ausgangsbasis, sich mit uns anzulegen... Warten wir es ab!“

Einem Anwalt wie Binz spielt in die Hände, dass Familien ihre Dinge untereinander in guten Zeiten häufig anders regeln als Konzerne – ohne Juristen, ohne Verträge. Im Fall Tönnies gilt das ganz besonders: Selbst als das Unternehmen schon Milli­onen umsetzte, führten es Bernd und Clemens Tönnies wie die Eltern früher ihre kleine Metzgerei mit sieben Schweinen in der Woche.

Hemdsärmelige Regelung

Nach Bernds Tod wurden wichtige Gesellschafterfragen ebenso hemdsärmelig geregelt, oft an Heiligabend kurz vor der Bescherung. Im Prozess erklärte Robert, wichtige Papiere habe er „allenfalls überflogen“ – selbst die Urkunde für die Schenkung an seinen Onkel.

Diese Art sei „typisch Tönnies“, sagte der Notar Horst-Dieter Swienty, der das Unternehmen nach eigenen Worten „seit dem ersten Schwein“ vertritt. „Auf formelle Dinge wurde in der gesamten Entwicklung der Firma kein Wert gelegt.“ Umso heftiger kämpfen nun beide Seiten darum, jedes noch so kleine Detail juristisch für sich zu nutzen. Umso mehr Angriffspunkte gibt es für Binz.

Aus allen Wolken sei er gefallen, sagte Robert vor Gericht, als er von Clemens’ Aktivitäten bei der Zur Mühlen Gruppe erfahren habe. In Roberts Lager wird erzählt, wie die Neffen ihren Onkel im Mai 2009 bei einem Essen in einem Sterneres­taurant mit dem Verdacht konfrontiert hätten, dass er „hinter ihrem Rücken“ eigene Geschäfte betreibe. Und der habe alles eingeräumt.

Heute sagt Clemens, er sei bei der angeschlagenen Firma eingestiegen, weil Zur Mühlen auch ein wichtiger Kunde für Tönnies gewesen sei. Wegen des großen Risikos habe er dies privat getan – mit Billigung des Testamentsvollstreckers.

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Robert Tönnies © Christian Protte
Robert Tönnies

Nach dem Knall versuchten beide Seiten zuerst, den Vertrauensschaden zu reparieren. Monatelang wurde über eine Integration der Zur Mühlen Gruppe und eine neue Führungsstruktur für den Gesamtkonzern verhandelt. Die Neffen wollten einen unabhängigen Aufsichtsrat, der den Konzernchef kontrolliert. Doch die Gespräche scheiterten.

„Mehrheitsgesellschafter sind (…) meist machtlos gegen die ausgefuchsten Strategien lästiger Gesellschafter, die ihre Ansprüche notfalls auch vor Gerichten vertreten“ *

Dann tauschte Robert im Herbst 2011 seine Bielefelder Anwälte aus. Gegen Binz, den Familienstreitexperten, der im Jahr zuvor eine Einigung bei Haribo erreicht hatte – zugunsten der Neffen des Firmenpatriarchen. Am 9. Januar 2012 erklärte Robert in einem Schreiben an die Mitarbeiter, sich aus dem Tagesgeschäft zurückzuziehen, um die Folgen der „strukturellen Probleme“ im Gesellschafterkreis von der Firma fernzuhalten. Einige Monate später reichte Binz die erste Klage gegen Clemens ein.

Für Binz ist es eine ungewohnte Situation. Nur selten zieht er vor Gericht. Meist knicken seine Gegner vorher ein, wenn sie es mit „lästigen Gesellschaftern“ zu tun bekommen. Sie scheuen Ärger, Kosten und die Aufmerksamkeit eines Prozesses.

„CT“ scheut das alles nicht. Der Konzernchef ist ein aufbrau­sender Typ, der noch nie klein beigegeben hat. Wenn man ihm ans Bein pinkelt, pinkelt er zurück. Er habe es niemals für möglich gehalten, dass er sich einmal für seine „Lebensleistung“ vor Gericht verantworten müsse, polterte er im Prozess.

Vom Vaterersatz zum Patriarchen

Anfangs, nach dem Tod seines Vaters, sei der Onkel für ihn „eine Art Vaterersatz“ gewesen, hat Robert einmal erzählt. Heute sieht er Clemens als Patriarchen, der niemanden neben sich duldet. Seine eigene Firma kann der Neffe nicht mehr betreten. Nach dem Rückzug aus dem Tagesgeschäft wurde seine Chipkarte deaktiviert, Mails ins Unternehmen werden blockiert. Auch zu Weihnachtsfeiern werde er nicht eingeladen, klagt Robert. Den Jahresabschluss erhalte er nur, wenn er danach frage.

Clemens spielt die Leistung seines Neffen herunter. Roberts Umgang mit Mitarbeitern sei desas­trös gewesen, grundlos habe er Leute ­gefeuert. Den Betriebsrat in Rheda weiß „CT“ hinter sich. In einem Brief warfen die Arbeitnehmervertreter Robert im Herbst 2012 vor, „den sozialen Frieden in der Belegschaft auf das Empfindlichste zu stören“. Der Neffe stelle sich als ein Beschützer der Mitarbeiter dar, der er früher nie gewesen sei. Robert glaubt, dass sich Betriebsrat und Geschäftsführung gegen ihn verbündet haben.

Wer Binz als Gegner hat, muss mit allem rechnen. Selbst sein Freund Götz Werner, der Gründer der Drogeriemarktkette DM, sagt, ­jemanden wie Binz zu kennen sei ein großes Glück – „zumindest wenn man in einer juristischen Auseinandersetzung nicht auf der Gegenseite steht“. In seinem Aufsatz schreibt Binz, auch anonyme Strafanzeigen gehörten zu seinem Arsenal. Sie sind eines von vielen Mitteln, um Druck aufzubauen. Selbst wenn sich die Vorwürfe mitunter in Luft auflösen, irgendwas bleibt immer hängen.

Drohszenario als Erfolgsrezept

Seine Kanzlei, lobt sich Binz gegenüber einem Mandanten, sei „wie keine andere in der Republik dafür bekannt, jeden Weg zu Ende zu gehen und auch nicht davor zurückzuschrecken, im Interesse unserer Mandanten Fehlverhalten von Granden der deutschen Wirtschaft notfalls sogar dem Staatsanwalt anzuzeigen“. Eine „Hälfte unseres Erfolges“, schreibt er, entfalle „auf das Drohszenario, das wir von der ersten Minute an allein durch unsere ­Einschaltung und unsere vorausgegangenen­ beruflichen (abschreckenden) Erfolge in anderen Mandaten wie Haribo oder EP aufgebaut haben“.

„Zunächst sind ‚Nadelstiche denkbar, etwa die exzessive Nutzung von Kontroll- und Auskunftsrechten“ *

Zehn Tage vor dem Eklat im Landgericht sitzt Clemens Tönnies in seiner Firmenzentrale in Rheda. Aus seinem Büro im dritten Stock blickt er auf die „Tönnies-Arena“, ein Stadion mit mehr als 3000 Sitzplätzen. Nebenan stauen sich die Lastwagen vor dem riesigen Schlachthof.

Clemens greift zum Telefon und ruft einen Mitarbeiter an: „Hömma, wie viele Seiten dick ist der Familienstreit?“ Er hört zu, lächelt. „Und was hat das bislang gekostet?“ Er legt auf. „120000 Seiten à 300 Euro“, sagt er dann. Viele davon seien Antworten auf Auskunftsersuchen, die Binz in Roberts Namen stelle. Die Nadelstiche, die Zeit und Geld kosten.

25000 Schweine werden in Rheda jeden Tag geschlachtet. Fleisch von Tönnies gibt es bei Aldi, Lidl und Rewe. Beliefert wird die halbe Welt, von Nordamerika bis China. Clemens hat ein Imperium aufgebaut – mit Logistiktochter und Pharma­sparte, die Mittel zur Blutverdünnung aus Schweinedärmen herstellt.

Die Firma und der Fußball, das ist Tönnies’ Welt. An diesem Morgen war schon Schalkes Finanzchef in seinem Büro. Am Abend saßen Trainer und Manager bei ihm zu Hause, um an einem Coup zu feilen. Tönnies will Weltmeister Sami Khedira von Real Madrid verpflichten. „Was auf Schalke passiert, wird in Rheda entschieden“, sagt er. „CT“ ist es gewohnt, dass er der Boss ist – egal wo.

"Die wollen mich madig kochen"

Nur sein Neffe will das nicht einsehen. „An meiner Seite wäre es ihm gut gegangen“, sagt Clemens gönnerhaft. 4 bis 5 Mio. Euro bekomme Robert jedes Jahr aus dem Konzern. „Netto!“, schiebt er nach und hebt dabei den Zeigefinger, als wolle er ein Ausrufezeichen in die Luft setzen.

Hinter Roberts Klagen wittert der Onkel einen größeren Plan. „Die wollen mich madig kochen, damit ich verkaufe“, zischt er. Ausgerechnet Binz habe ihm im Namen eines Finanzinvestors ein Angebot für seine Anteile gemacht: 500 Mio. Euro. Aber ein Verkauf komme gar nicht infrage. Jeden Tag, sagt Clemens, gehe er mit einem Lächeln auf den Lippen in diese Firma, die sein Lebenswerk sei. Warum sollte er das aufgeben?

„Berichte in der lokalen und in der überregionalen Presse über Kabalen im Gesellschafterkreis können den Nerv (…) des Mehrheits­gesellschafters empfindlich treffen, zumindest aber den Versuch, business as usual zu praktizieren, beeinträchtigen“ *

„Ich schäme mich für das, was ich in der Zeitung lesen muss“, sagt Clemens Tönnies. Längst gibt es in der Schlacht keine Rücksicht mehr auf die Familienehre. Vor Gericht geht es um Lügen, Intrigen und Geliebte. Verwandte und Top-Manager werden in den Streit hineingezogen.

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"Eine Sauerei hoch drei"

Nachdem Binz übernahm, dauerte es nicht lange, bis erste Informationen über den Streit an Medien durchgestochen wurden. Den Auftakt machte das „Manager Magazin“, das aus einer Mail Roberts an die Belegschaft großzügig die Vorwürfe gegen den Onkel zitierte. Es folgten Berichte in Lokalzeitungen, die in der Belegschaft für Unruhe sorgten.

Aber auch „CT“ spielt mit allen Tricks. Er verbreitet, die Lage der Firma sei „desaströs“ gewesen, als sein Bruder 1994 starb: 460 Mio. D-Mark Umsatz, 8,6 Prozent Eigenkapitalquote, 178 Mio. D-Mark Schulden. Tönnies habe „kurz vor dem K. o.“ gestanden. Soll heißen: Der Konzern existiert nur noch dank ihm.

Vor Gericht empörte sich Robert, die Darstellung sei „eine Sauerei hoch drei“. Sein Vater habe niemals ein „Pleiteunternehmen“ hinterlassen. Clemens’ Zahlen bezögen sich nur auf das absolute Kerngeschäft. Capital liegt die Bilanz des Jahres 1994 für die gesamte Tönnies-Gruppe vor. Umsatz: 1 Mrd. D-Mark.

„Sind lästige Gesellschafter erst einmal in Fahrt, nutzen sie gern auch die Option, ihre Gesellschaftsrechte von spezialisierten Beratern ausüben zu lassen. Diese professionellen ‚Wadlbeißer‘ (…) erschweren vor allem die konstruktive Zusammenarbeit“ *

Haribo - Binz' Meisterstück?

„Binz ist einer, der alle Register zieht“, sagt ein Mann, der erlebt hat, wie der Anwalt bei Haribo agierte. 2010 stritt die Familie um die Nachfolge von Hans Riegel. Die Neffen des Patriarchen schalteten den Anwalt ein. Binz habe den Konflikt erst ­richtig befeuert, sagt der ­Insider. „Er hat alle Tabus gebrochen. Das ging sehr ins Persönliche.“

Binz sei ein „äußerst unangenehmer und gefährlicher Zeitgenosse“, heißt es in einer Mail aus dem Haribo-Umfeld. Er sei „tausendfach chemisch gereinigt und schreckt vor nichts zurück“. Am Ende sei es auch nicht Binz gewesen, der die Einigung in der Familie erreicht habe, sondern sein Partner Götz Freudenberg. „Binz war zu weit gegangen, das haben alle Beteiligten so gesehen“, sagt der Insider. Capital hat Binz zu diesen Vorwürfen befragt, doch er wollte sich dazu nicht äußern.

In einem Briefwechsel mit dem Unternehmer Ulrich Bettermann bezeichnete er den Fall Haribo noch vor wenigen Monaten als „Meisterstück“. Er habe für beide Familien den „Königsweg“ gefunden. Auch Hans Riegel sei „mit sich im Reinen“ gewesen. Für Bettermann eine glatte Lüge: „Mein verstorbener Jagdfreund Hans Riegel hat sich viele Jahre über Sie ärgern müssen“, schrieb er an Binz.

Der Unternehmer ist geschäftsführender Gesellschafter von OBO Bettermann, einem Konzern für Gebäudetechnik mit einer halben Milliarde Euro Umsatz, in dritter Generation. Bettermann ist Mitbegründer des Weltwirtschaftsforums in Davos und exzellent vernetzt. Ende 2013 stellt er Hans-Dietrich Genscher seinen Privatjet zur Verfügung, um den Kreml-Kritiker Michail Chodorkowski nach der Freilassung auszufliegen.

Die Festschrift, dick wie eine Bibel

Als Bettermann vor wenigen Monaten unaufgefordert von Binz eine Festschrift zu dessen 65.Geburtstag zugesandt bekam, platzte ihm der Kragen. Bettermann sagt, das Anschreiben habe wie ein billiger Akquiseversuch gewirkt.

Der Unternehmer verfasste eine geharnischte Antwort. Sein Konzern sei bestens aufgestellt, es gebe keinerlei Familienprobleme, klärte er Binz auf. Ihm sei „kein einziger Fall bekannt, bei dem man positiv über Sie spricht“. Statt einer freundlichen Schlussformel wählte Bettermann die offene Konfrontation: „In meinem Konzern haben Sie auf Lebenszeit Hausverbot.“

Binz schien getroffen, seine Antwort geriet mehrere Seiten lang. Darin brüstete er sich mit seiner Festschrift zum 65. Geburtstag, „in der mir mehr als 100 renommierte Unternehmer und Wissenschaftler ihre Referenz erwiesen haben“. Das Werk ist dick wie eine Bibel, im Handel kostet es 179 Euro.

Schon im Grußwort feiert EU-Kommissar Günther Oettinger den Anwalt als eine Persönlichkeit, die für den dauerhaften Erfolg von Familienfirmen mitverantwortlich sei. „Ich bin mir sicher, dass unser Jubilar Mark Binz mit seiner Kreativität – und Hartnäckigkeit! – noch viele positive Impulse für die Zukunft, insbesondere von Familienunternehmen, geben wird.“ Unter diesem Lob geht es in dem Wälzer nicht.

Bettermann hat sich umgehört. Etliche Unternehmer seien auf die gleiche Art angeschrieben worden, sagt er. Bei allen sei der Eindruck entstanden, Binz bewerbe sein Institut für Familienunternehmen (IFF). Bettermann drohte Binz sogar, in Davos vor ihm zu warnen. Denn das Institut könnte ein Vehikel sein, um Beiräte und Aufsichtsräte in Unternehmen zu platzieren, die herausfinden sollen, wo es Streit geben könne. Binz’ Taktik sei es, den schwächeren Gesellschafter gegen den stärkeren aufzuwiegeln, sagt Bettermann. Auch auf Anfrage gab Binz keine Antwort.

„Schwarze Kassen, geheime liechtensteinische Stiftungen, nicht bilanzierte Warenvorräte (…) können notfalls anonym angezeigt werden und für große Unruhe im Unternehmen sorgen“ *

Der Verlierer der Schlacht: die Familie

Im Fall Tönnies läuft alles nach Drehbuch. Mittlerweile wird nicht nur in der Heimat prozessiert, sondern auch in Liechtenstein. Ein lästiger Kriegsschauplatz mehr. Es geht um eine Vaduzer Gesellschaft und zwei Stiftungen, gegründet zu Lebzeiten von Bernd Tönnies. Und um den Kauf einer Finca auf Mallorca, den „CT“ über Liechtenstein finanziert hat. Die Staatsanwaltschaft in Vaduz witterte Untreue. Doch der Fall scheint zu verpuffen – zumindest für Roberts Bemühen, seine Firmenanteile zurückzubekommen. Der Richter in Bielefeld sagte bereits, er sehe hier „keine Pflichtverletzung“ von Clemens gegenüber dem Kläger.

So könnte der Streit ewig weitergehen. Zwar gibt es hinter den Kulissen immer wieder Treffen, um eine außergerichtliche Lösung zu finden. Und von Zeit zu Zeit heißt es, man nähere sich an. Doch bislang war das immer nur die Ruhe vor dem nächsten Sturm. Im Spätsommer scheiterten die Gespräche an der Frage, wann sich der Onkel von der Konzernspitze zurückziehen soll.

Der Verlierer dieser Schlacht steht längst fest: die Familie. Das Vertrauen ist verbrannt, ebenso wie viele Millionen Euro. Gewonnen hat bislang nur Binz. Er wird sich den Zwist ordentlich vergolden lassen.

Heitkamp gegen Thumann

Wie im Fall von Engelbert Heitkamp. Im Jahr 2011 geriet der mit seinem Cousin, dem ehemaligen BDI-Chef Jürgen Thumann und mittlerweile Ehemann von Unternehmerin Maria-Elisabeth Schaeffler, aneinander. Beiden Familien gehört je zur Hälfte die Düsseldorfer Heitkamp&Thumann Group, ein Verbund aus 20 Firmen aus der Kunststoff- und Metallverarbeitung.

Heitkamp hatte Thumann vorgeworfen, das Unternehmen nach Gutsherrenart zu seinem Vorteil zu führen. Ein Fall wie aus dem Drehbuch. Als Heitkamp Binz engagierte, verhärteten sich die Fronten. Dann einigten sich die zerstrittenen Clans – allerdings ohne den Anwalt.

Mitte Mai 2014 flatterte ein Brief auf Heitkamps Schreibtisch, Betreff: „Abrechnung 2011 bis 2013“. In wohlfeilen Worten gratulierte Binz zu der Einigung. Dann kam er zu seiner Forderung. Sie hätten damals eine Kombination aus Zeithonorar und Erfolgsbonus vereinbart. „Wir gehen davon aus, einen Bonus in der Größenordnung von 2 Mio. Euro ‚verdient‘ zu haben“, schrieb Binz.

Der Anwalt brüstete sich damit, „einen Keil“ durch die Gegenseite getrieben zu haben, Drohszenarien aufgebaut und „erfolgreich die Karte ‚Manager Magazin‘ gespielt“ zu haben. „Es ist uns gelungen, frühzeitig ein ‚Sündenregister‘ zu entwickeln und dieses wie ein Damoklesschwert über den Köpfen von Herrn Thumann und seiner Mitstreiter baumeln zu lassen.“

Als Verdienst führte Binz an, dass er „immer wieder damit ‚gewinkt‘“ habe, „das Verhalten der Akteure auf der anderen Seite auch strafrechtlich durch die dafür zuständigen Behörden prüfen zu lassen“. Doch Heitkamp ließ sich nicht beeindrucken. Für ihn hat Binz mit der Einigung nichts zu tun.

Das gleiche Drehbuch, andere Hauptrollen

Kurz darauf schaltete sich Peter May ein. May ist Gründer der auf Familienfirmen spezialisierten Beratung Intes. „Da ich, wie Dir bekannt ist, mit Mark Binz eine angemessene Gebührenaufteilung vereinbart habe, bin ich gewiss nicht geeignet, mich in Eure Verhandlungen einzumischen“, schrieb er. Dennoch lobte er den Erfolg „des von uns gemeinsam entwickelten ‚Schlachtplans‘“, der in wesentlichen Teilen Mark Binz zu verdanken sei. „Ohne ihn – und die von ihm grandios gespielte Rolle des bad guy – ist das schlussendlich erreichte Ergebnis nicht vorstellbar.“

Auf die Verbindung zu Binz angesprochen, sagt May: „Ich bin nicht Mitglied eines ‚Netzwerkes‘ von Herrn Binz und unterhalte mit ihm auch keine formale Kooperation.“ Er habe jedoch mit Binz in einzelnen Fällen gut zusammengearbeitet.

So ist das immer: Binz schreibt das Drehbuch, führt Regie, spielt selbst den Kämpfer für Gerechtigkeit und sät in Wahrheit Zwietracht. Nur die Hauptrollen wechselt er aus. Und die Rechnungsanschrift.

* Zitate aus: Unternehmermagazin 9–10/2011, Autor: Mark Binz

Hinweis: Der Artikel erschien in seiner Erstfassung in der Capital-Ausgabe Juni/2015


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