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Studieren auf Knopfdruck

, von Monika Dunkel

Das Online-Studium wird auch in Deutschland populär. Iversity-Chef Hannes Klöpper hält Videoclips für die besseren Vorlesungen.

Online-Vorlesung © Mareike Müller
Online-Studium: im Ausland schon etabliert

Hannes Klöpper ist Gründer von Iversity, einem deutschen Start-up für Onlinebildung. Die erste deutsche Online-Universität sitzt in Bernau bei Berlin. Klöpper führt durch das Büro, das er „die Zahnarztpraxis“ nennt: vier Räume mit Neonlicht und hellblauen Teppichböden. Die GmbH ist unabhängig von den deutschen Hochschulen – die Kurse werden aber von Unidozenten gehalten. Themen etwa: „Dunkle Materie im Universum“ oder „Einführung in das Marketing“.

Finanziert wird das Start-up von der Telekom und einigen kleineren Investoren. Mittlerweile hat es 21 Mitarbeiter und erwirtschaftet erste Umsätze, zum Beispiel mit den Gebühren für Abschlussprüfungen und Zeugnisse. Teilnehmer der Kurse in BWL und Marketing etwa zahlen 149 Euro für ihr Zertifikat. 100 Kurse und eine Million Onlinestudenten weltweit hat Klöpper für 2014 als Ziel gesetzt. Ein Bildschirm im Flur zeigt die neuesten Zahlen: 350.000 Studenten aus aller Welt haben sich seit Oktober regis­triert. Capital-Redakteurin Monika Dunkel sprach mit Klöpper:

Capital: Wie kamen Sie auf die Idee, Iversity zu gründen?

Hannes Klöpper
Hannes Klöpper, Gründer von Iversity

Hannes Klöpper: Das war schon während des Studiums. Mich hat unheimlich viel interessiert, ich habe erst internationale Beziehungen in Dresden und Straßburg und später Liberal Arts in Berlin studiert. Aber oft war mir das System zu starr. Manchmal hätte ich gerne Kurse anderer Unis belegt, an denen ich aber gerade nicht studierte. Viele Kurse hätte ich mir aber auch schenken können. Ich fing an darüber nachzudenken, wie man Lehre verbessern und Unis reformieren könnte. Zusammen mit einigen Freunden gewann ich einen studentischen Ideenwettbewerb. Bevor ich mich jedoch daran machen konnte diese Idee in die Praxis umzusetzen, ging ich noch für ein Jahr an die Columbia University. Die Vielfalt des dortigen Angebots zeigte mir, wie toll es wäre, wenn jeder sich sein Studium maßgeschneidert zusammenstellen könnte.

In den USA ist das virtuelle Lernen schon selbstverständlich. Es gibt große Anbieter mit sehr viel Geld und Millionen Online-Studenten. Sie sind eines der ersten digitalen Bildungs-Start-ups in Deutschland. Wie war der Start?

In Deutschland sind die Wagniskapitalgeber viel vorsichtiger. Hier herrscht eine andere Mentalität als im Silicon Valley. Auch sind die Erwartungen an ein IT-Start-up viel größer als an Produktionsbetriebe. Wenn ich losziehe und sage, ich will Schuhe machen und eine Schuhfabrik aufbauen möchte, dann fragt mich die Bank oder der Investor auch nicht am dritten Tag: “Wieso hast du immer noch  keinen Umsatz und geschweige denn Gewinn gemacht?” Die wissen, dass ich noch nicht mal Leder eingekauft habe. Aber bei einem IT-Start-up glauben viele, dass das Geld ganz schnell fließen muss, gerade in Deutschland. Das liegt wohl daran, dass die Website vom ersten an Tag sichtbar ist. 

Deutschland hinkt bei der digitalen Bildung hinterher. Was sind die größten Hürden?

Hierzulande hört man häufig lieber den Bedenkenträgern zu als Menschen mit innovativen Ideen. So wird z.B. immer wieder behauptet, MOOCs und deren Anbieter hätten das Ziel, traditionelle akademische Strukturen zu ersetzen. Das Gegenteil ist jedoch der Fall: Schließlich produzieren wir die Kurse auf unserer Plattform ja nicht selbst, sondern sind auf die Zulieferung von Kursinhalten durch die Unis angewiesen. Iversity macht den Universitäten also das Angebot, ihre Kurse einer weltweiten Community von Lernenden zugänglich zu machen.

Eine weitere Hürde liegt in der noch mangelhaften Anerkennung von Kursen. Wir wünschen uns, dass Leistungen, die Studierende in Online-Kursen erbringen, auch in klassischen Studiengängen anrechenbar sind. Denkbar und problemlos machbar wäre dies im Rahmen des ECTS-Systems, bei dem europaweit gültige Leistungspunkte (Credits) vergeben und von anderen Unis anerkannt werden.

Bei Ihnen laufen rund 30 Kurse. Wie wählen Sie die aus? Welche Qualitätsstandards haben Sie?

Kriterien für qualitativ hochwertige Online-Lehre sind zum Beispiel: eine gute Struktur der Inhalte, Verständlichkeit, Methoden- und Medienvielfalt. Hinzu kommt die soziale Komponente, die sich u.a. an der Aktivierung der Kursteilnehmer und der Präsenz und Interaktion der Lehrenden ablesen lässt. Sobald sich ein Lehrender bei uns bewirbt, bewertet unsere Chefdidaktikerin dessen Kurskonzept dahingehend, ob es diesen Kriterien genügt und ob es umsetzbar ist: Wird ein klares Lernziel deutlich? Schätzen die Dozenten den Aufwand richtig ein und planen ausreichend finanzielle und personelle Ressourcen ein? Ist dies der Fall, wird der Kurs minutiös geplant und in Kurskapitel und -einheiten, Übungsaufgaben und Klausuren heruntergebrochen.

Gemeinsam mit den Lehrenden evaluieren wir das Konzept dann nochmals, um daraufhin ein erstes Testkapitel des Kurses zu produzieren. Erst nach diesen Maßnahmen zur Qualitätssicherung beginnt die Produktion des gesamten Kurses. Begleitet wird dieser Prozess von Feedbackgesprächen während und nach dem Kurs sowie von Umfragen unter den Teilnehmern. Diese Standards werden allerdings ständig weiterentwickelt. iversity versteht sich als lernende Organisation: Wenn wir selbst nicht wissen, was funktioniert und was nicht, experimentieren wir und werden Schritt für Schritt immer besser.

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Capital 05/2014
Die ganze Geschichte lesen Sie in der neuen Capital

Kritiker sagen, die Online-Bildung bringe vor allem Akademiker weiter, also diejenigen, die schon wissen, wie man lernt. Der Rest lernt nichts. Allzu viele brechen die Kurse auch ab, ernsthaftes Lernen sie das nicht.

Sicherlich ist es leichter, einem Online-Kurs auf akademischen Niveau zu folgen, wenn man schon mal an einer Universität studiert hat. Aber es macht doch keinen Sinn, besser gebildete Menschen gegen weniger Gebildete auszuspielen. Fakt ist: Die Zugangsschwellen sind bei MOOCs wesentlich niedriger als an traditionellen Universitäten. Man braucht weder ein Abitur noch irgendeine andere formale Qualifikation, um daran teilzunehmen. Man braucht nicht einmal die deutsche Staatsbürgerschaft oder eine Aufenthaltsgenehmigung, da Online-Kurse von jedem beliebigen Ort der Welt aus besucht werden können. Kosten entstehen zudem nur dann, wenn man ein verifiziertes Zertifikat erwerben möchte. Der Besuch der Kurse selbst ist und bleibt kostenlos. Das heißt: Es entfallen sowohl administrative als auch räumliche als auch finanzielle Hürden.

Zu den hohen Abbruchraten ist zu sagen: Es kostet nur einen Mausklick, sich für einen Kurs anzumelden. Der Arbeitsaufwand ist aber vergleichbar mit dem in einem Proseminar an einer deutschen Universität. Da das MOOC-Phänomen noch relativ neu ist, unterschätzen wahrscheinlich viele, dass sie zwischen zwei und vier Stunden pro Woche für ihren Kurs einplanen müssen. Die Zahlen trügen aber auch: Wenn nur zehn Prozent von 20.000 Teilnehmern ihren Kurs erfolgreich abschließen, dann sind das auch immerhin 2000 Menschen, die substantiell etwas gelernt haben.

Auch große Unternehmen interessieren sich für Ihre Online-Kurse. Werden Sie künftig auch Weiterbildung für Firmen konzipieren?

Die Kurse bei Iversity werden weiterhin von Universitäten erstellt. Wir arbeiten derzeit daran, möglichst viele Kurse anzubieten, in denen berufsrelevante Fertigkeiten vermittelt werden. So wird z.B. der Kurs “Grundlagen des Marketing” der FH Lübeck ab Anfang Mai schon zum zweiten Mal angeboten. Im ersten Durchlauf haben wir Studierende kennengelernt, die von ihren Arbeitgebern eigens für den Besuch des Kurses freigestellt worden sind. Die Kosten für das Zertifikat in Höhe von 129 Euro wurde auf von deren Arbeitgebern übernommen. Dies sind ermutigende Zeichen, dass auch die Wirtschaft das Potential von MOOCs bei der Qualifikation von Mitarbeitern erkannt hat.

Welche MOOCs belegen Sie denn gerade?

Die Europäische Union wird immer wichtiger für das Leben der Europäer, nicht nur im Bildungswesen. Deshalb und wegen meines Studienhintergrundes verfolge ich den Kurs “The EU in Global Governance” ganz genau. Der ist wirklich gut gemacht und wird von einer Gruppe von Experten und Praktikern gelehrt, wie sie so keine Universität der Welt zu bieten hat.

Mehr zum „Studieren auf Knopfdruck“ in der aktuellen Capital-Ausgabe: Eine Bildungsrevolution rollt seit rund drei Jahren um den Globus: das digitale Studium im Internet. Vorlesungen als kurze Filme, Diskussionen mit Professoren in Chatforen, die abschließende Prüfung auch im Netz – und das Zertifikat kommt am Schluss per Post. „Massive Open Online Courses“ heißen diese Studiengänge. Kurz: Moocs. (Gesprochen: „Muhks“.) Der Markt dafür ist riesig. 

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