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Raus aus der Ich-muss-Falle

, Martin Wehrle

„Kein Mensch muss müssen.“ Nehmen Sie sich die Freiheit, Nein zu sagen – auch im Berufsleben. Von Martin Wehrle

Hände Tastatur schnell © Rainer Sturm / pixelio.de
Sie müssen schnell noch eine Mail beantworten? Sie müssen gar nichts

Martin Wehrle ist Karriere- und Gehaltscoach. Der gelernte Journalist hat die erste systematische Ausbildung für Karriereberater (-coaches) in Deutschland entwickelt. In seinem neuen Buch „Sei einzig, nicht artig!“ fordert er seine Leser auf, aus der geistigen Gleichschaltung in die Selbstbestimmung abzubiegen.Martin Wehrle ist Karriere- und Gehaltscoach. Der gelernte Journalist hat die erste systematische Ausbildung für Karriereberater (-coaches) in Deutschland entwickelt. In seinem neuen Buch „Sei einzig, nicht artig!“ fordert er seine Leser auf, aus der geistigen Gleichschaltung in die Selbstbestimmung abzubiegen.


Meinem Beraterkollegen wäre fast das Sektglas aus der Hand gefallen. „Das glaub ich jetzt nicht!“, rief er übertrieben laut. Die anderen Partygäste in dem alten Tanzsaal sahen zu uns herüber. Ungläubig wiederholte er: „Du hast kein Smartphone?“

„Nicht nur kein Smartphone“, präzisierte ich. „Kein Handy.“

Seine Augäpfel traten so weit nach vorne, als wollten sie ins Sektglas hüpfen. „Aber das geht doch nicht! Du bist doch ein gefragter Mann, ein bekannter Karriereberater und Autor! Du musst doch per Handy erreichbar sein.“

Ich nippte an meinem Sekt. „Wer sagt, dass ich muss?“

„Ich kenne keinen Geschäftsmann, der heute ohne Handy klarkommt!“ Wie zum Beweis tippte er mit dem Zeigefinger sein iPhone an, das vor uns auf einem Stehtisch lag.

„Ich komme gut ohne Handy klar“, erwiderte ich.

„Aber du musst doch mit der Zeit gehen!“

„Muss ich das? Ich sehe die Zeit nicht als Diktator. Und mich nicht als ihren Untertan.“

Sein Kopf leuchtete röter, als es zwei Glas Sekt erfordert hätten. „Ich wette: Wenn du erst mal ein Smartphone hast, wirst du es nicht mehr missen wollen.“

„Darum hab ich keines.“

Er schüttelte den Kopf und stürzte seinen Sekt mit einem Gesicht hinab, als wäre es bittere Medizin. Da klingelte sein Handy. Unser Gespräch war vorbei.

lassen Sie Ihr Leben nicht in Zwangs-Haft nehmen!

Wann immer Ihnen jemand sagt, dass Sie dieses oder jenes „müssen“, sollten Sie ein dickes Fragezeichen dahinter setzen. Lassen Sie Ihre Individualität, lassen Sie Ihr Leben nicht in Zwangs-Haft nehmen! Lessing schrieb in seinem „Nathan“ den standesgemäß weisen Satz: „Kein Mensch muss müssen.“

Buchcover "Sei einzig, nicht artig"
"Sei einzig, nicht artig" ist im Mosaik-Verlag erschienen

Prüfen Sie einmal Ihren Wortschatz: Wie viele „Muss“-Sätze springen Ihnen jeden Tag über die Lippen? Ein paar Beispiele:

• Müssen Sie im Beruf erfolgreich sein?

• Müssen Sie Ihren Rasen mähen?

• Müssen Sie mit Ihrer Kapitalanlage eine Top-Rendite erzielen?

• Müssen Sie nach Feierabend für Ihren Chef erreichbar sein?

• Müssen Sie sich heutzutage online bewerben?

• Müssen Sie Ihre Dienstmails fortlaufend abrufen?

• Müssen Sie Freunden beim Umzug helfen?

Nein, Sie müssen nicht – Sie können sich jedes Mal entscheiden: dafür oder dagegen. Nur wer wählt, kann abwählen. Nur wer entscheidet, scheidet das Falsche vom Richtigen. Ohne Wahl keine Freiheit. In jedem der genannten Fälle liegt die Entscheidung bei Ihnen. Aber sie hat auch ihren Preis, und den sollten Sie kennen.

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Sie brauchen den Mut zum Nein-Sagen

Wahr ist: Sie müssen Ihre geschäftlichen Mails nicht im Minutentakt abrufen. Wenn Sie sich dafür entscheiden, es nur zweimal am Tag zu tun, wer sollte Sie daran hindern? Schließlich weist eine Studie nach, dass regelmäßiges Mailabrufen für den Verstand ungünstiger als Kiffen ist. Der Preis kann darin bestehen, dass Ihr Chef eine Todesanzeige für Sie aufgibt, wenn er nach fünf Minuten auf seine Mail noch keine Antwort hat. Aber wer weiß, vielleicht hebt Sie der Mut zu dieser begründeten Entscheidung gerade aus der Reihe der allzeit Mailbereiten und qualifiziert Sie für besondere Aufgaben.

Wahr ist: Sie müssen Ihren Freunden nicht beim Umzug helfen. Erst recht nicht, wenn Sie kurz vor einem Burnout stehen und sich am Wochenende erholen wollen. Oder wenn Sie Umzüge hassen. Dann wäre es geheuchelt, den fleißigen Helfer zu spielen. Und nichts macht unglücklicher, als „Ja“ zu sagen, obwohl das Herz „Nein!“ schreit. Solche kleinen Unstimmigkeiten im Alltag können sich zu einer großen Depression summieren.

Es ist Ihr gutes Recht, Ihre eigenen Bedürfnisse mindestens so wichtig wie die der anderen zu nehmen. Der Preis? Sie brauchen den Mut zum Nein-Sagen und die Souveränität, damit umzugehen, dass die anderen zunächst irritiert sind.

Es gibt kein Muss, auch nicht im Business. Das machte der Aldi-Gründer Theo Albrecht vor: Als 1993 die fünfstelligen Postleitzahlen kamen, ließ er keine neuen Briefumschläge für seine Korrespondenz drucken. Nein, der vielfache Milliardär strich die alte vierstellige Postleitzahl durch und kritzelte die neue darüber – diese Sitte behielt er 17 Jahre bei, bis zu seinem Tod. Kein anderer Großunternehmer, ja kaum ein Privatmann wagte das. „Wir müssen neues Briefpapier haben“, dachten alle. Niemand musste!

Bekennen Sie Farbe!

Umgehen Sie die Muss-Falle, bekennen Sie Farbe! Dadurch ziehen Sie die (für Sie) richtigen Menschen an – und stoßen die (für Sie) falschen ab. Wenn der Chef Sie nicht mehr kennt, nur weil Sie seine Mails nicht wie Bälle beim Tischtennis retournieren, dann ist es für Sie garantiert der falsche Chef – während einer, der dieses Verhalten schätzt, ein guter Sparringspartner wäre.

Je schärfer Ihre Konturen sind, desto weniger Missverständnisse entstehen. Das sehe ich an meinem Handy-Verzicht: Die einen zollen mir Respekt für meinen Eigen-Sinn. Solche Kunden passen gut zu mir, und ich genieße den Kontakt. Andere aber pochen schon beim Erstkontakt auf meine Handynummer. Offenbar halten Sie mich für eine Beratungsfeuerwehr, die ihre Probleme zu jeder Tages- und Nachtzeit löscht. Solche Klienten passen nicht zu meiner Philosophie. Gut, dass wir’s rechtzeitig merken. Sie müssen nicht mit mir. Und ich muss nicht mit ihnen.

Denn: „Kein Mensch muss müssen.“ 


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