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"Inseln des Wohlstands schaffen"

, von Marina Zapf

Chinesen, Inder, Brasilianer, sie alle investieren bereits stark in Afrika. Ausgerechnet der Nachzügler Deutschland startet im Vorsitz der G20-Staaten nun eine Investitionsinitiative. Warum, erklärt der Afrika-Beauftragte der Kanzlerin, Günter Nooke.

virtual-Reality-Brille von Google © dpa
Angela Merkel schüttelt Hände bei einem Afrika-Besuch

Zum ersten Großereignis der deutschen G20-Präsidentschaft der Industrie- und Schwellenländer lädt Angela Merkel nächste Woche Staats- und Regierungschefs aus Afrika nach Berlin.

Herr Nooke, die G20 hat zum Ziel, die Weltwirtschaft zu stabilisieren. Warum muss sie sich um Afrika kümmern?

Wir haben das erste Mal einen solchen regionalen Fokus gesetzt. Die G20 sind sich einig, dass der Kontinent für alle eine besondere Herausforderung ist. Afrika ist vielleicht der Kontinent, der zu spät kommt, weil Industrieproduktion, Rohstoffveredelung, Wertschöpfungsketten in anderen Erdteilen schon aufgebaut sind und die Transportkosten niedrig sind. In Afrika fehlt fast die gesamte Infrastruktur. Es hat einen Wettbewerbsnachteil. Wir alle haben aber ein Interesse daran, dass Afrikaner in Afrika eine bessere Perspektive finden, dass dort investiert wird und Jobs entstehen. Es ist doch nicht normal, dass mehr Menschen ein Handy haben als Wasserversorgung. Der Kontinent hat zum großen Teil keine Stromversorgung. Anderswo wäre das eine Lizenz zum Gelddrucken. Aber in Afrika gibt es eine Reihe von Problemen, die man differenziert angehen muss.

Welches Risiko geht von Afrika aus?

Wenn ein Vakuum entsteht, wie in Libyen, wenn es an der Südgrenze Europas in Nordafrika zu Verwerfungen kommt, ist das destabilisierend. Wo das geschieht, ist auch die Weltwirtschaft bedroht. Wir erinnern uns ja noch an die Folgen der Piraterie am Horn von Afrika. Afrikas Weg zur Stabilität geht über wirtschaftliches Wachstum. Die G20 hat da eine gemeinsame Verantwortung. Ein prosperierender Nachbarkontinent in Süden wäre eine positive Aussicht im Vergleich zu vielen fragilen Ländern, aus denen viele Wirtschaftsmigranten dann nach Europa kommen. Sie machen sich doch auf den Weg, um dort Geld zu verdienen und davon einen Teil an ihre Familien zurückzusenden. Wir wollen daran arbeiten, dass diese Menschen dafür nicht den gefährlichen Weg durch die Wüste und das Mittelmeer nehmen müssen, sondern ihr Geld in Tunis, Daressalam, Lagos und Kinshasa verdienen können.

Nun soll aber die gesamte G20 neue Wege gehen?

Die G20 haben als Treffen der Finanzminister begonnen, sie haben ein Interesse an stabilen Strukturen. Mit der Initiative von Investitionspartnerschaften, so genannten „Compacts with Afrika“ sollen die Rahmenbedingungen für Investitionen verbessert werden, damit private und öffentliche Finanzierung besser genutzt werden können. Für die G20 haben Weltbank, der IWF und die Afrikanische Entwicklungsbank allen afrikanischen Ländern Vorschläge gemacht, die zu gegenseitigen Verpflichtungen führen. Sieben Länder haben sich hier bereits ernsthaft engagiert. Jetzt geht es darum, konkrete politische Maßnahmen in den Ländern und die Flankierung der internationalen Partner zu vereinbaren.

Deutschland strebt offenbar Partnerschaften mit Tunesien, Ghana und Elfenbeinküste an. Heißt das, die G20-Partner teilen Afrika unter sich auf?

Im Gegenteil. Die G20 machen ein Angebot an alle afrikanischen Länder. Die entscheiden selbst und eigenständig, ob sie sich dem Prozess anschließen. Der Compact soll den afrikanischen Ländern helfen, leichter privates und öffentliches Kapital für die Finanzierung ihrer Investitionen und Infrastrukturprojekte zu bekommen. Das ist kein Geschenk, sondern funktioniert nur, wenn die Länder politische Reformen umsetzen. Dafür werden im Compact konkrete Absprachen getroffen.

Was ist die neue Qualität? Die meisten G20-Länder sind bereits führende Investoren in Afrika, allen voran China...

Die G20 nehmen sich und die internationalen Finanzorganisationen auch selbst in die Pflicht, sich besser zu koordinieren. Eine African Advisory Group wird den Compact-Prozess begleiten. Ziel sind mehr öffentliche und private Investitionen, vor allem in Infrastruktur, damit die Produktivität steigen kann. Die Verpflichtungen sind beiderseitig und betreffen sowohl makroökonomische Rahmenbedingungen wie die Unternehmensebene und einzelne Finanzinstrumente. Es geht darum, was einzelne Länder brauchen und wollen, um angepasste Lösungen. Und wir erzeugen eben auch einen Wettbewerb.

"Es gibt enormen Investitionsbedarf"

Bisher sind vor allem Länder am Start, die im Doing Business- und Investment-Ranking schon attraktiv sind. Ghana, Äthiopien, Marokko, Ruanda, etwa. Was muss man da noch anschieben?

Diese Länder stehen vergleichsweise gut da. Dennoch fehlt großen Teilen der Bevölkerung eine verlässliche Stromversorgung, der Zugang zu schnellem Internet. Straßen, Schienen und Häfen fehlen und sind teils im maroden Zustand. Es gibt einen enormen Investitionsbedarf. Dieser kann nicht allein von der öffentlichen Hand gedeckt werden. Das ist ja in Deutschland nicht anders. Bei dem Compact geht es darum, dass die Länder konkret politisch etwas verändern, damit leichter Zugang zu den internationalen Finanzmärkten erhalten und private Investoren tätig werden können.

Wird man damit erreichen, mehr globale Liquidität nach Afrika zu lenken?

Der Entwicklungsökonom Paul Collier, der Finanzminister Wolfgang Schäuble berät, spricht davon, sogar Pensionsfonds zu nutzen für die Finanzierung des Infrastrukturbedarfs Afrikas. Würden wir jährlich ein Prozent ihrer weltweit investierten Gelder nehmen, würde das reichen. Solche Anlagemöglichkeiten müssen aber abgesichert werden, da gibt es interessante Modelle wie z. B. in Schweden Aber immer gilt: Wir brauchen klare politische Maßnahmen der afrikanischen Länder. Es geht um fördern und fordern. Das heißt, wir erwarten und verlangen mehr. Für mich geht es auch um ein anderes Niveau der Ernsthaftigkeit. Unser Ambitionsniveau muss schon deshalb höher sein als früher, weil alle wissen, wie stark der Migrationsdruck über Jahrzehnte bleiben wird.

Öffentlich-private Partnerschaften haben auch in Europa nicht den besten Ruf. Meist gewinnen Unternehmen, und Verluste werden sozialisiert.

Ich würde PPPs auch nicht als das entscheidende große Modell für Afrika sehen. Man muss nicht gleich die kompliziertesten Finanzprodukte und Kooperationsformen anbieten. Es muss ganz einfach anfangen: gute Regierungsführung und dass Staatspräsidenten sich um die eigene Bevölkerung kümmern. Der Wille dazu ist ja bei allen nicht gleich ausgeprägt.

"Energieversorgung ohne Kernkraft und Kohle"

Wäre es nicht sinnvoller, weniger entwickelte Volkswirtschaften zu gewinnen?

Wenn sie das politisch richtig wollen, sollten wir auch in diese Länder gehen. Die Initiative ist nachfrageorientiert. Die UN-Nachhaltigkeitsziele gebieten es, niemanden zurückzulassen. Das gilt auch für die fragilen Staaten. Selbst ein stabiler Staat kann wieder fragil werden, deswegen sprechen wir über öffentliche Absicherung von privatem Risiko.

Sollten in den ärmsten und fragilen Ländern nicht vielmehr die politischen Institutionen gestärkt werden?

Ja, der politische Rahmen ist wichtig. Zugleich gilt: Je mehr Unternehmen in ein Land gehen und Jobs und Ausbildung schaffen, umso mehr zieht das auch einen passenden Rechtsrahmen nach sich. Wir gehen in Vorleistung mit Investitionsgarantien. Man sollte nicht darauf warten, dass sich der Rang im Doing Business-Index verbessert. Man muss auch nicht immer das ganze Land sehen. Manchmal reicht eine Sonderwirtschaftszone: Marokko hat in seiner „Automotive City“ 100 000 Arbeitsplätze geschaffen, mit dem vernünftigen Ansatz: Von privat zu privat. In Ägypten sind es Staat und Armee, die private Unternehmen anziehen wollen, da ist das Vertrauen schon geringer.

Ein Ziel der Kanzlerin ist es, die Früchte der Globalisierung besser zu verteilen... Wie würde denn eine wohlstandsmehrende und nachhaltige Investition in Afrika aussehen?

Zum Beispiel eine Energieversorgung ohne Kernkraft und Kohle. Es ist mit Sonne und Wind genug im Angebot. Insgesamt wollen wir eine selbsttragende Wirtschaftsentwicklung. Das ist die unterschwellige Melodie bei der G20-Konferenz und allen Papieren der Ministerien– ob sie nun Compact, Marshallplan oder Pro Afrika! heißen. Es liegt auch im Interesse von China und Indien, dass bald zwei Milliarden Menschen auf einem Kontinent gut bezahlte, sichere und würdige Arbeit finden. Es wäre also schon viel gewonnen, wenn wir in einigen Ländern Inseln des Wohlstands schaffen. Es geht auch nicht nur um Großinvestitionen. Afrikas Unternehmertum – kleinste bis mittlere Unternehmen sollten stärker vorangebracht werden, aus Subsistenzbauern profitable Kleinbetriebe machen, zeigen, dass man mit Handwerksbetrieben auch als Dachdecker, Maurer oder Klempner gutes Geld verdienen kann.

Von besseren Rahmenbedingungen profitieren alle Unternehmen – ausländische und inländische, kleine und große. Seit 2010 bin ich Afrika-Beauftragter und habe jetzt erstmals den Eindruck, das Deutsche, Europäer die G20, die Entwicklungsleute und natürlich die Afrikanerinnen und Afrikaner selbst alle vom gleichen Blatt singen. Vielleicht noch nicht ganz schön, aber die Partitur stimmt erst einmal.


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