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Pioniere für den Aufbruch gesucht

, Fredmund Malik

Wirtschaft und Gesellschaft stecken in einem fundamentalen Wandel. In der Übergangsphase ist Leadership gefragt. Von Fredmund Malik

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Die "Große Transformation" verändert die grundlegenden Einstellungen

Fredmund Malik gehört zu den renommiertesten Managementexperten. Er ist Professor an der Uni St. Gallen und leitet die Unternehmensberatung Malik Management Zentrum St. Gallen. Soeben erschienen ist sein neues Buch „Navigieren in Zeiten des Umbruchs. Die Welt neu denken und gestalten“, Verlag Campus, Frankfurt a.M.Fredmund Malik gehört zu den renommiertesten Managementexperten. Er ist Professor der Uni St. Gallen und Inhaber der nach ihm benannten international tätigen Institution für Komplexitätsmanagement, Governance und Leadership. Soeben erschienen ist sein neues Buch „Navigieren in Zeiten des Umbruchs. Die Welt neu denken und gestalten“, Verlag Campus, Frankfurt a.M.


Manager-Bashing sollte ein Auslaufmodell sein. Mehr denn je, brauchen wir nicht nur für die wirtschaftlichen, vor allem auch für die sozialen und ökologischen Herausforderungen unternehmerische Lösungen und effektives Management. Wir brauchen die Innovationskraft der Unternehmen der Wirtschaft. Und wir brauchen die besten Leute dafür – Pioniere für den Aufbruch. Menschen, die bereit sind heute zu handeln, auch wenn sie davon ausgehen müssen, dass sie nicht wissen, wie die Zukunft sein wird. Menschen, die bereit sind Chancen zu ergreifen. Und Chancen ergreifen, heißt immer auch Risiken einzugehen.

Mehr als je zuvor treffe ich auf allen, selbst den obersten Führungsebenen auf Menschen, die mir darlegen, was nicht geht, auch unter jenen, die so etwas früher nie gemacht haben. Auffallend zugenommen hat das mit der Lehman-Krise.

Mittlerweise scheint es mir fast ein Zeichen der Zeit zu sein, dass die Zahl der „notorischen“ Neinsager stetig steigt, und wenn ich die Zögerer und Zauderer noch hinzuzähle, dann ist es schon die Mehrheit. Aus dem früheren „Alles ist möglich ...“, ist schon beinahe ein „Nichts mehr ist möglich…“ geworden.

die Große Transformation

Die heutigen Neinsager sind aber anders als die früheren. Denn sie sind meistens nicht einfach „nur so dagegen“, sondern sie haben gute Gründe für ihre ablehnende Haltung. Viele haben sogar Recht, denn tatsächlich geht vieles nicht oder nicht mehr.

Ich nehme das alles als ein Indiz dafür, dass der vor sich gehende fundamentale Wandel – die Große Transformation – nun in die Phase der Beschleunigung und Intensivierung kommt. Die Menschen spüren, dass sich Grundlegendes ändert – und dass es irreversibel sein wird.

In der Alten Welt geht vieles nicht mehr, weil sie ihrem Ende zugeht. In der Neuen Welt geht vieles noch nicht, weil es noch nicht richtig da oder noch nicht reif genug ist. Gerade deshalb gehört es zu den Führungsaufgaben nach Wegen zu suchen, auf denen es dennoch geht. Wir betreten Neuland und wissen noch nicht, wie wir damit umgehen werden.

Von der Alten Welt zu einer Neuen Welt

Wirtschaft und Gesellschaft aller Länder gehen durch eine der größten Transformationen, die es je in der Geschichte gab. Wir sind Zeitzeugen einer umwälzenden Transformation der Alten Welt, wie wir sie kennen, in eine Neue Welt des noch Unbekannten. Was an der Oberfläche wie eine Finanz-, Wirtschafts- oder Schuldenkrise aussieht, kann man eine Dimension größer besser verstehen als die Geburtswehen einer Neuen Welt, in der fast alles anders sein wird als bisher. Vermutlich stehen wir erst am Ende des ersten Drittels dieser fundamentalen Transformation, die weit mehr ist als ein Paradigmenwechsel. Sie ist ein kategorialer Wandel.

Selbst wenn der Wandel später rückwärts blickend weniger gravierend sein sollte, so hätte man strategisch keinen Fehler gemacht. Herausforderungen zu überschätzen ist weniger gefährlich als das Gegenteil.

[Seitenwechsel]

Ein sich selbst beschleunigender Wandel

Als ich 1997 an meiner Kritik des amerikanischen Shareholder Approaches arbeitete, analysierte ich den sozio-politischen und wirtschaftlichen Wandel, der bereits im Gange war. Wichtige Quellen dafür waren mir unter anderem Karl Polanyi und Peter F. Drucker, die auf ihre je verschiede Weise solche Prozesse beschrieben hatten. Beide kannten sich gut. Während Polanyi an seinem bekannten Standardwerk zur Großen Transformation unter dem ersten Titel „The Origins of Our Time“ arbeitete, schrieb Drucker „The Future of Industrial Man.“ Der gegenseitige Einfluss macht sich bemerkbar, auch wenn beide völlig andere Auslegungen vorlegten. Beide Autoren sind jedoch auf ihre Art und Weise noch heute aktueller als vieles andere, das neueren Datums zu lesen ist.

Den Begriff „Transformation“ verwendet auch Peter F. Drucker als Überschrift der Einführung zu seinem 1993 publizierten Buch „Post Capitalist Society“, wo er unter anderem die großen Entwicklungslinien vom Kapitalismus zur Wissensgesellschaft und vom Nationalstaat zum transnationalen Megastaat skizziert.

Mit meiner eigenen Begriffswahl vollziehe ich die Integration einiger der bisherigen Bedeutungen in einen verallgemeinerten fundamentalen Umwandlungsvorgang für das 21. Jahrhundert. Unter anderem ist dieser Prozess durch exponentiell wachsende Komplexität, durch die Entstehung global vernetzter Systeme und durch die Dynamik des sich selbst beschleunigenden Wandels charakterisiert. Dies führt zu historisch vollständig neuen Herausforderungen, die sich vor allem durch radikal innovative Systeme für Management, Governance und Leadership, sowie revolutionär wirksame Sozialtechnologien meistern lassen.

Für sich genommen ist Change nichts Außergewöhnliches. Innovationen, Verbesserungen und Adaptierungen gibt es immer. Hier geht es um eine ganz bestimmte Art von Wandel, die das Bestehende durch etwas Neues verdrängt und ersetzt. Es geht um Substitution. Der österreichische Ökonom Joseph Schumpeter nannte diesen Typ des Wandels „Schöpferische Zerstörung“. Damit formuliert er das Grundgesetz dieses Wandels.

Navigieren ins Unbekannte

Was immer existiert, es wird ersetzt. Nur weniges ist davon ausgenommen – etwa Naturgesetze und Prinzipien, die diesen ähnlich sind. Irgendwann geht das Alte zu Ende und wird abgelöst durch das Neue - nicht weil das Alte schlecht geworden wäre, sondern weil das Neue besser ist.

Die eingangs erwähnten Menschen, die einem erklären, was nicht geht – die Neinsager – werden an Zahl zunehmen, denn immer mehr geht tatsächlich nicht mehr – und immer mehr geht noch nicht. Daraus können in jeder Organisation unüberbrückbare Spannungen entstehen. Daher wird die Große Transformation mehr und besseres Leadership brauchen, als jede andere bisherige Transformation. Leadership in der Umbruchsphase wird maßgeblich sein dafür, wie die Neue Welt aussehen und funktionieren wird.


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