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Peter Navarro - Trumps Protektionist

, Kathrin Werner

Bei Merkels Trump-Besuch geht es auch um die Handelsbeziehungen. Der Ökonom Peter Navarro ist Trumps Berater - ein Gegner des Freihandels. Ein Porträt.

Peter Navarro: Wirtschaftsprofessor an der University of California und Donald Trumps Chefberater in Handelsfragen © Getty Images
Peter Navarro: Wirtschaftsprofessor an der University of California und Donald Trumps Chefberater in Handelsfragen

Peter Navarro kommt ins Stottern. Erst sagt er noch einen seiner Lieblingssätze auf: Donald Trump werde hart mit China verhandeln – damit die amerikanische Wirtschaft wieder „great“ wird. Ronny Chieng, Reporter der Daily Show, will das genauer wissen: „Lassen Sie uns doch ein Rollenspiel spielen. Sie sind Donald Trump und ich bin China! Seien Sie hart zu mir!“, sagt Chieng. Navarro spielt mit. Er legt den Kopf schief, setzt eine ernste Miene auf, schnalzt mit der Zunge und sagt würdevoll: „Das amerikanische Volk verlangt…“ Chieng fällt ihm ins Wort. Auf Chinesisch. Navarro versteht kein Wort. Aber die Fernsehzuschauer sehen die Untertitel: „Was bildest du dir ein? Du dummer Amerikaner. Du denkst, wir machen einfach, was du sagst?“, sagt Chieng. Navarro starrt und stottert: „Kriege ich einen Übersetzer?“ Chieng redet einfach weiter, auf Chinesisch: „Verschwinde, du F**k. Raus! Raus!“ Navarro verdreht die Augen: „Jaja, ich kapiere es schon. Aber das hier funktioniert für mich nicht.“ Chieng gibt ihm recht: Die Verhandlungen sind gescheitert, sagt er. „Und jetzt Handelskrieg.“

Der Mann, der da im Fernsehen stottert, ist der mächtigste Ökonom der Welt, der nicht in einer Zentralbank arbeitet. Peter Navarro, Wirtschaftsprofessor an der University of California in Irvine, ist Donald Trumps Chefberater in Handelsfragen, Chef des neu gegründeten Nationalen Handelsrats des Weißen Hauses. Was im Fall Navarros und Trumps allerdings vor allem bedeutet, Freihandel einzudämmen, statt zu fördern.

Chiengs Vermutung, dass ein Handelskrieg mit China ansteht, ist nicht aus der Luft gegriffen. Trump fordert einen Importzoll von 45 Prozent für Einfuhren aus China – eine Idee seines neuen Handelsberaters. „Zölle sind nicht Donald Trumps Endziel. Das Endziel ist, China zu zwingen, die Handelsverträge neu zu verhandeln und aufzuhören zu tricksen“, sagt Navarro im Interview. Aber eine bloße leere Drohung sei das nicht. „Donald Trump würde definitiv Zölle auferlegen, wenn die Trickserei nicht aufhört.“ Und wenn das einen Handelskrieg bringt, dann sei das eben so. Japan, Mexiko und Deutschland hat Navarro auch schon attackiert. Der Rest der Welt sei auf die USA mehr angewiesen als die USA auf den Rest der Welt, sagt er.

In Navarros Welt kann es nur einen Handelssieger geben: die USA

Navarros Welt ist einfach. Es gibt die Guten, das sind die Amerikaner. Und es gibt die Schlechten, das sind die anderen. Zu den anderen gehören Länder wie Deutschland, Japan und Mexiko, die den Guten, also Amerika, etwas wegnehmen wollen. Und dann gibt es in Navarros Welt noch den Oberbösewicht: China. China hat es auf den amerikanischen Wohlstand abgesehen, China trickst und betrügt. Navarro hasst China. In Navarros Welt kann es nur einen Sieger geben, wenn Staaten miteinander handeln. Ab sofort will er dafür sorgen, dass das die USA sind.

Navarro ist der einzige Wirtschafsberater im Trump-Team, der tatsächlich Ökonom ist – und auch noch einer mit Doktortitel. Allerdings ist der 67-Jährige einer mit einer absoluten Mindermeinung. Seit Adam Smith und David Ricardo sind sich die Volkswirte der Welt weitgehend einig, dass freier Handel gut ist sowohl für die Weltwirtschaft als auch die Volkswirtschaften der einzelnen Länder, die miteinander handeln. Navarro sieht das anders, was ihm in der Wissenschaftsszene keine großen Erfolge eingebracht hat – aber nun einen Posten im Weißen Haus. Ein gigantischer Erfolg für einen Professor an einer mittelguten Universität, der vor allem Studienanfänger in den Grundlagenfächern unterrichtet und dessen Namen vor einem Jahr noch kaum jemand kannte.

Jetzt wird Navarro zum „household name“, wie die Amerikaner sagen. Vor allem, weil er andere Länder gegen sich aufbringt. Deutschland hat er vorgeworfen, die USA und EU-Partner durch einen schwachen Euro „auszubeuten“. Deutschland profitiere in seinen Handelsbeziehungen von einer „extrem unterbewerteten, impliziten Deutschen Mark‘“, sagte er der „Financial Times“. Auch Japan sei ein Währungsmanipulator, assistiert sein Präsident. Als Trump das Freihandelsabkommen TPP mit Pazifik-Anrainerländern wie Japan aufkündigte, stand Navarro freudestrahlend hinter ihm im Oval Office. Das nordamerikanische Freihandelsabkommen Nafta ist das nächste große Ziel. „Bill Clinton hat 200.000 neue Jobs innerhalb von zwei Jahren versprochen, als er Nafta 1993 unterschrieben hat. Bis heute haben wir mehr als 850.000 verloren“, sagt Navarro. „Als wir Nafta unterschrieben haben, hatten wir einen Warenexportüberschuss mit Mexiko in Höhe von einer Milliarde Dollar. Heute haben wir ein Defizit von rund 60 Milliarden Dollar.“ Trump werde Nafta neu verhandeln. „Und wenn es nicht nachverhandelt wird, wird er den Deal aufkündigen.“

Neben dem Ende von Nafta drohen Navarro und Trump Mexiko mit einer Importsteuer von 20 Prozent auf alle Produkte – um die Grenzmauer zu bezahlen und Arbeitsplätze zurück in die USA zu holen. Importsteuern hält Navarro ohnehin für eine gute Idee – anders als zum Beispiel amerikanische Einzelhändler, die höhere Preise befürchten. Navarro wurde patzig, als eine CNBC-Reporterin ihn auf eine Citigroup-Studie hinwies, die berechnet hat, dass die Importsteuer US-Firmen heftige Verluste bringen würde. Es sei eine „fake study“, sagte er. „Citigroup genießt keine Glaubwürdigkeit.“

Navarros Attacken auf den Freihandel wirken ungewöhnlich und düster, insbesondere für die republikanische Partei. Freie Märkte gehörten schließlich seit fast einem Jahrhundert zu den Grundfesten des amerikanischen Kapitalismus – zumindest auf den ersten Blick. Doch ganz so unerschütterlich war die amerikanische Liebe zum „free trade“ nie, die Amerikaner haben Handelspolitik stets für ihre eigenen Interessen genutzt – und auch Protektionismus, wenn es gerade passte. „Die Debatte über den Freihandel ist so alt wie die amerikanische Republik und sie ist verwoben mit ökonomischen Theorien zum Wettbewerb und mit Geopolitik“, sagt I.M. Destler, Professor an der University of Maryland und Autor des Buchs „American Trade Politics“.

[Seitenwechsel]

Es begann mit Alexander Hamilton. Der erste Finanzminister der Vereinigten Staaten plädierte 1791 vor dem Kongress für Schutzzölle und Subventionen für die noch jungen amerikanischen Industrien, um sie vor der großen Konkurrenz aus dem Ausland abzuschotten. Die USA verhängten immer mehr und immer höhere Zölle, im Jahr 1828 zum Beispiel einen Zoll in Höhe von 45 Prozent auf Wollprodukte. Das sollte den Industrieunternehmen des amerikanischen Nordens helfen. Die Verbraucher und die Bauern im Süden der USA waren allerdings nicht einverstanden mit den höheren Preisen und immer weiter verschlechterten Exportmöglichkeiten für ihre Agrarprodukte, denn andere Länder schlugen mit Zöllen zurück. Der Süden taufte die Regeln des Jahres 1828 den „Zoll der Scheußlichkeiten“. Freihandel war eines der großen Streitthemen zwischen Norden und Süden.

Im 20. Jahrhundert setzte sich der amerikanische Protektionismus fort. Berühmt ist der Smoot-Hawley Tariff Act von 1930, der Zölle für mehr als 20.000 Produkte auf Rekordniveau anhob. Andere Länder schlugen zurück. Henry Ford nannte das Gesetz eine „ökonomische Dummheit“. Die Importe und Exporte der USA sanken danach um mehr als 50 Prozent. Es folgte eine Protektionismus-Abwärtsspirale weltweit. Historiker geben dem Gesetz einen großen Anteil am Zusammenbruch des Welthandels während der Weltwirtschaftskrise. Im Kalten Krieg entwickelte sich Freihandel zur Möglichkeit, kapitalistische, demokratische Staaten per Abkommen an die USA zu binden – und dem Westen Wohlstand zu bringen als Gegenmodell zur sowjetischen Planwirtschaft. Sanktionen waren das Mittel gegen die anderen.

Und auch in modernen Zeiten gab es immer wieder protektionistische Gesetze, die nach den Ideen von Trump und seinem Handelsberater Navarro klingen. Sogar der republikanischen Präsident Ronald Reagan hat einige erlassen. Etwa der Deal mit Japan aus dem Jahr 1981: Die Japaner verpflichteten sich damals, nicht mehr als 1,68 Millionen Autos in die Vereinigten Staaten zu exportieren. Das sollte den strauchelnden US-Autobauern in Detroit helfen. Als Reaktion bauten die japanischen Autokonzerne Fabriken in den USA. Das amerikanischste aller Autos, also das mit den meisten Teilen Made in America, ist heute der Toyota Camry. 1983 hat Reagan außerdem einen Zoll in Höhe von 45 Prozent auf japanische Motorräder eingeführt. Einziges Ziel: Die Rettung von Harley-Davidson. Und auch die Stahlindustrie kennt sich aus mit amerikanischen Zöllen. Trump redet immer wieder davon, wie ausländischer „Dumping“-Stahl die heimische Wirtschaft ruiniert – er klingt wie einst George W. Bush, der die amerikanischen Stahlhersteller mit Zöllen helfen wollte. 2002 verhängte er Schutzzölle von bis zu 30 Prozent verhängt, die Welthandelsorganisation nannte das rechtswidrig. 2003 kippte die US-Regierung nach gerade einmal einem Jahr Bushs Sonderzölle auf Stahlimporte wieder, um einen Handelskrieg mit der EU und asiatischen Staaten zu vermeiden.

Trump nennt Navarro einen Visionär

Navarro kennt die Geschichte des amerikanischen Protektionismus. Reagans Zölle nannte er in einem seiner älteren Bücher „gefährlich und ansteckend“. Erst seit er seine Abneigung gegen China entdeckt hat, scheint sich seine Meinung zum Freihandel geändert zu haben. Inzwischen regt er sich besonders lautstark über das US-Handelsdefizit auf, für ihn kommt es einem direkten volkswirtschaftlichen Verlust gleich.

Dass sich die USA zum Beispiel auf höherwertige Produkte spezialisieren können und die Verbraucher profitieren, wenn billige Ware aus China eingeführt wird, ignoriert er. „Peter Navarro hat nie zu der Gruppe Ökonomen gehört, die das Welthandelssystem erforschen“, sagt Lee Branstetter, VWL-Professor an der Universität Carnegie Mellon und Handelsexperte am Peterson Institute of International Economics, dem Web-Nachrichtendienst Business Insider. „Er weiß einfach nicht, wovon er spricht, wenn es um Handelspolitik geht.“ Sein Kollege Laurence Jacob Kotlikoff von der Boston University lästert: „Peter Navarro braucht einen Auffrischungskurs in Volkswirtschaft.“ Donald Trump hingegen nennt Navarro einen „Visionär“.

Navarro hat kaum Aufsätze in wichtigen Volkswirtschafts-Zeitschriften veröffentlicht. Seine Dissertation hat nichts mit Freihandel zu tun, seine Forschungsinteressen schwankten. Ein wenig öffentliche Aufmerksamkeit hat Navarro für seinen Dokumentarfilm über Chinas Übeltaten bekommen, er heißt „Death by China“ und hat eher miese Kritiken bekommen. Die Doku sei auf dem Niveau „eines an der Straßenecke zeternden Wracks“, schrieb ein Kritiker. Trump, der fast keine Bücher liest, liebte den Film. „Diese wichtige Dokumentation zeigt anschaulich unser Problem mit China mit Fakten, Zahlen und Einsichten“, lobte er. „Ich dränge Sie, den Film zu sehen.“ Grundlage für den Film war Navarros gleichnamiges Buch. In den vergangenen Jahren hat er sich ziemlich auf China eingeschossen, drei seiner 13 Bücher richten sich gegen das Land.

Nach Kalifornien kam er aber wegen seiner Arbeit zur Energieregulierung, später veröffentlichte er zu Online-Lernprogrammen, Anlagestrategien (“If It’s Raining in Brazil, Buy Starbucks”), Selbstoptimierung und zu den volkswirtschaftlichen Kosten des Terrorismus. Vor seiner Zeit mit Trump war er selten im Fernsehen oder in der Zeitung, er wird kaum irgendwo zitiert. Das Laguna Beach Magazine hat immerhin einen Artikel über sein Haus geschrieben, das seine Frau, eine Architektin, komplett umgebaut hat. Es hat Gras auf dem Dach, gut 350 Quadratmeter Wohnfläche und ein eigenes Poolhaus. Genug Platz für den Ökonom, die Architektin, den gemeinsamen Sohn und die Katzen Bob, Jack, Luna, Nike, Pumpkin und Shadow.

Navarro: "Ich bin ein Trump-Demokrat"

Navarro hat sich schon vier Mal auf verschiedene politische Ämter im kalifornischen San Diego beworben und jedes Mal verloren. Übrigens als Kandidat der demokratischen Partei. Wie konnte das denn passieren, dass ein überzeugter Demokrat jetzt Trump unterstützt? „Es gab in den Achtzigerjahren die Reagan-Demokraten, all die Arbeiter, die eigentlich Demokraten waren und trotzdem für Ronald Reagan gestimmt haben“, sagt er. „Ich bin ein Trump-Demokrat, von meiner Partei verlassen bei allen Fragen zu Wirtschaft, Handel und nationaler Sicherheit.“ Er sei so überzeugt von Trump, weil dieser als Geschäftsmann einfach wisse, wie die Weltwirtschaft tickt, sagt Navarro. „Trump ist ein Genie und ein Milliardär.“

Die Daily Show ließ Navarro nicht davonkommen mit seinen Versprechen zum großen amerikanischen Wirtschaftswachstum unter Trump. „Sie sind ein alter weißer Typ im Anzug, Sie passen offensichtlich gut in die Zielgruppe“, sagt Moderator Chieng zu Navarro. „Ähm“, antwortet Navarro. „Sie sind doch jung und gut angezogen. Wenn das größte Problem Ihres Landes die Wirtschaft ist, dann können Sie doch gar keinen anderen wollen als einen Geschäftsmann als Präsidenten.“ Chieng ist nicht überzeugt. „Na klar, wen kümmert schon der ganze rassistische Krempel? In Amerika geht es nur um eins: das Finanzergebnis“, sagt er. „Als Milliardär darf man in Amerika alles machen, was man f***ing will? Man muss von niemandem Rat annehmen. Man kann den Sh*t einfach erledigen.“ Navarro nickt und lächelt milde. „Schön ausgedrückt, Ronny.“

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