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Luxus als Zukunft Europas

, Interview: Martin Kaelble

Europa steckt in der Krise. Doch eine Branche widersetzt sich vehement dem Abwärtstrend: Die Luxusindustrie. Capital sprach mit zwei Köpfen der Branche. 

© © Getty Images

Trotz Eurokrise boomt das Geschäft europäischer Luxushersteller. Anlässlich des 50. Jubiläums des Élysée-Vertrages trafen sich kürzlich 70 CEOs der Luxusbranche in Berlin. Die großen Firmen aus Deutschland und Frankreich haben sich in den Vereinigungen Comité Colbert und Meisterkreis zusammengeschlossen. Capital sprach mit den Geschäftsführern der beiden Verbände, Clemens Pflanz und Elisabeth Ponsolle des Portes.

Capital: Beim Konsum läuft heute vieles über Masse – sei es in neuen Märkten wie China oder im Internet. Bei Ihnen geht es eher um Exklusivität und hohe Handwerkskunst. Wie kann sich ein so altes Gewerbe in der heutigen Zeit behaupten?

Elisabeth Ponsolle des Portes: Ohne Frage, unsere Industrie basiert auf Handwerkskunst und Kreativität. Das sind unsere wichtigsten Werte. Und auch unser größtes Asset für die Zukunft. Bei uns geht es darum die Dinge so perfekt zu machen, wie es nur geht. Das ist eine große Herausforderung.

Clemens Pflanz: Nach der Dekade des Discount ist es nun unsere Mission den Leuten wieder den Wert von Qualität bei den Produkten nahe zu bringen. Ja, es geht um traditionelles Kunsthandwerk, aber auch um technische Innovationen. Das braucht Zeit, aber wir sind auf einem guten Weg. 

Capital: Wie sehr spüren Sie, dass die Leute wieder mehr darauf achten, was sie kaufen?

Pflanz: Unsere Marktforschungen und Analysen bestätigen diesen Trend. Die Menschen schauen wieder mehr auf Qualität und interessieren sich für Dinge, die weit über das Produkt selbst hinaus gehen. Luxusgüter liefern Geschichten. Sie verbinden eine perfekte Produktqualität mit einer besonderen Aura. Sie haben einen besonderen Wert. Genau danach suchen die Leute heutzutage wieder mehr: Weniger kaufen, aber dafür bessere Qualität.

Ponsolle des Portes: Dieser Trend zeigt sich ja auch beim Erfolg von Bio-Produkten. Auch da interessieren sich die Menschen dafür, wie und von wem das Produkt hergestellt wird.

Capital: Warum, glauben Sie, stehen die Leute plötzlich wieder auf mehr Handwerkskunst und Qualität?

Ponsolle des Portes: Wir kommen aus einer Phase, wo man alles stets preiswert haben konnte, produziert in China. Aber dann kam die Zeit, wo man realisiert hat, dass die Sachen nur für ein Jahr halten, oder sogar nur für ein paar Tage.

Pflanz: Das war eine Evolution. Wir gingen durch diese Zeit des „Schnäppchenjagens, Hauptsache noch billiger“. Doch viele dieser Produkte sind selten ihren Preis wert. Vielleicht auch wegen der ökonomische Krise wollen die Leute wieder mehr Produkte mit einer Bedeutung und einer Werthaltigkeit.

Elisabeth Ponsolle des Portes © © Getty Images
Elisabeth Ponsolle des Portes ist Geschäftsführerin bei der Vereinigung Comité Colbert

Capital: Fühlen Sie sich nach der Finanzkrise, nach der Zeit des schnellen Geldes, bestärkt in Ihren Werten?  

Ponsolle des Portes: Umfragen zeigen, dass familiengeführte Unternehmen krisenfester sind, weil sie langfristige Investitionen machen. Ich gehe noch einen Schritt weiter. In Qualitätsprodukten liegt die Zukunft für Europas Wirtschaft. Europäische Firmen müssen sich auf darauf fokussieren, um im Weltmarkt zu bestehen. Und genau das ist unser Alleinstellungsmerkmal in der Luxusgüterindustrie.

Capital: Weil sich diese Produkte aufgrund ihrer Qualität aber auch ihrer Tradition schwerer von China kopieren lassen?

Ponsolle des Portes: Unsere Mitglieder sind familiengeführte Firmen, die auf Handwerkkunst und Kreativität bauen. Das sind sehr gewachsene Strukturen. Eines unserer Mitglieder Mellerio dits Meller feiert sein 400-jähriges Jubiläum in Händen derselben Familie, mit demselben Namen. Das lässt sich nicht einfach woanders hinsetzen, es ist eng an unsere europäische Heimat gebunden...

Capital: Jedenfalls nicht im Original...

Ponsolle des Portes: Die Originale verkaufen sich sehr gut im Ausland. Wir profitieren sehr von der Nachfrage in den neuen Wachstumsmärkten. In Frankreich haben wir in unserer Branche eine Exportquote von 84 Prozent. In Frankreich schaut man oft neidisch nach Deutschland, was die Exporte in die neuen Märkte angeht. Im Luxussektor sind wir aber eine Ausnahme im eigenen Land.

Pflanz: ...der im Übrigen von seiner Struktur sehr dem deutschen Mittelstand ähnelt. Das hat in beiden Ländern sehr viel mit unternehmerischer Haltung zu tun, mit der Suche nach Innovation in den Herstellungsprozessen und Expansion auf dem Weltmarkt. Hier passen unsere Mitglieder aus beiden Ländern sehr gut zusammen und ergänzen sich gut.

Capital: Ein Zusammenwachsen der europäischen Luxusindustrie wäre also wichtig für die Stellung des Kontinents im Weltmarkt, gegenüber großen Playern wie China?

Ponsolle des Portes: Nennen Sie mir doch mal eine chinesische Luxusmarke!

Capital: Mmmh, Shang Xia. Die wurden allerdings von Hermès ins Leben gerufen...

Ponsolle des Portes: Sehen Sie. Gemessen an der wirtschaftlichen Macht und Größe Chinas gibt es nur erstaunlich wenige. Das sagt alles. In anderen Branchen sind bereits viele chinesische Wettbewerber aus dem Boden gewachsen. Doch die Luxusindustrie mit Marken wie Chanel oder Louis Vuitton hängen eng an unserer Kultur, am Know-how und Geschichte. Für Europa ist das auch die Zukunft. Wir sind so etwas wie Botschafter für europäische Werte in der Welt.

Clemens Pflanz © © Getty Images
Clemens Pflanz ist Geschäftsführer bei der Vereinigung Meisterkreis

Capital: Aber können hier wirklich Jobs entstehen? Das zählt aktuell in der Eurokrise...

Pflanz: Wir haben in unserem Sektor in Deutschland 160 000 direkte Beschäftige. Bis 2020 rechnen wir damit, dass 100 000 hinzukommen. Und wir reden hier über hochqualifizierte Jobs. Wir haben das vierte Jahr in Folge in Deutschland in unserem Sektor ein zweistelliges Wachstum. Das können nicht alle Branchen von sich behaupten.

Ponsolle des Portes: In der französischen Luxusbranche ist die Beschäftigung in den vergangenen fünf Jahren um 10 Prozent gestiegen, während sie in Frankreich insgesamt kontinuierlich gesunken ist. Wir profitieren von der Globalisierung. Auch wenn derzeit in der französischen Regierung einige die Globalisierung zurück drehen wollen. Wir glauben an die Globalisierung seit Louis XIV. Unser Industrieminister Montebourg ist aber gleichzeitig der erste Minister seit langem der viel für die Industrie tut. Lange setzte man eher auf die Finanzbranche. Jetzt sieht man ein, dass Industrie sehr wichtig ist.

Capital: Woher kommt dieses Wachstum?

Pflanz: Es kommt von der angesprochenen Veränderung der Einstellung bei vielen Käufern, aber auch durch wachsende Zahlen von Touristen, die fast 50 Prozent des Umsatzes bei den sogenannten persönlichen Luxusgütern in Europa ausmachen...

Ponsolle des Portes: ...für viele Leute werden Luxusprodukte heute auch zum Investment...

Pflanz: ... das gilt für Uhren, Wein, Diamanten und auch besondere Automobile. Schließlich ist das Internet auch ein Wachstumstreiber für uns. Es kann zwar für uns auch Bedrohung sein, im Bereich Produktpiraterie. Aber es bietet auch ganz neue Möglichkeiten. Wir können Gemeinschaften aufbauen und entwickeln. Die Meister treffen hier die Kenner. Das geht einfacher in der digitalen Welt. Wenn Produkte nicht mehr das liefern was die Käufer erwarten, verbreitet es sich viral in Windeseile. Mit dem Internet lässt sich dieser Prozess, insbesondere für die Kunden, viel besser überprüfen.

Capital: Das Massenmedium Internet nutzt Ihnen also eher als es schadet?

Pflanz: Vor zehn Jahren war man sehr skeptisch. Da dachte man ein Parfum muss man riechen, testen. Das wird die digitale Welt nicht liefern, jedoch kann man den Konsumenten in eine faszinierende Welt „entführen“, der die Sinne schult. Heutzutage gibt es ganz neue Wege, auch technische Produkte emotional zu inszenieren. Das passt gut zu Marken wie Porsche oder Gaggenau zum Beispiel.

Ponsolle des Portes: So ist die Luxusindustrie ein großer Akteur in den sozialen Medien geworden. Nehmen Sie nur den Web-Film von Cartier. Wir sind Storyteller. Produkte von Chanel oder Hermès funktionieren über die Geschichten und eine höhere Bedeutung dahinter.

Fotos: © Getty Images


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