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"Irgendwann geht es banal um Cash"

, Christian Kirchner

Carlyle Technologie-Experte Wand über strapazierte Bewertungen von Technologiekonzernen, Mittelständler im Tiefschlaf - und den nahenden Moment der Wahrheit für viele deutsche Start-ups.

Michael Wand
Michael Wand

Michael Wand ist Leiter für Technologieinvestments in Europa beim Finanzinvestor Carlyle


Capital: Herr Wand, die Begeisterung für technologische Start-ups ist immens. Droht uns ein ähnliches Schicksal wie nach der Blase im Jahr 2000 – oder sind die Bewertungen der Unternehmen fundiert?

Michael Wand: Es gibt unübersehbare Warnsignale, und das vor allem bei vorbörslichen Beteiligungen. Für Firmen aus den Bereichen Fintech und IT-Security ist es sehr einfach, Geld für eine Idee aufzunehmen. Es kursiert enorm viel Geld, viele neue Akteure lassen sich nur noch von einem Motiv lenken: Wie viel Geld ist das Unternehmen wohl in der nächsten Finanzierungsrunde wert? Die Cashgenerierung von Geschäftsmodellen oder der Ausstieg sind nachrangig. Da fahren wir in der Breite auf einen Abhang zu.

Das müssen Sie sagen, weil Sie es als Finanzinvestor mit immer mehr Konkurrenz zu tun haben.

Nein, Carlyle ist nicht als Start-up- oder Zwischenfinanzierer bei Technologieformen tätig, sondern steigt bei Firmen in einem viel späteren Zeitpunkt des Zyklus ein – zum Beispiel, wenn es darum geht, die nächste Stufe der Internationalisierung eines funktionierenden Modells zu begleiten, wenn die Nachfolge unklar ist oder wir schlicht glauben, dass ein Unternehmen nicht da ist, wo es bei Umsätzen und Potenzial  sein könnte. Aber auch in diesem  Marktsegment sind die Bewertungen in der Breite – gemessen etwa am Vielfachen des Gewinns vor Steuern, Zinsen und Abschreibungen (EBITDA) – in den letzten drei Jahren stark gestiegen, weit über das historisch übliche Maß hinaus. Historisch üblich war hier ein Multiple von acht bis neun, derzeit sind zwölf bis 15 normal.

Man könnte spotten, dass es dem Anleger doch egal sein kann, wenn Finanzinvestoren vorbörslich Mondpreise für Technologiebeteiligungen zahlen.

Das ist ein Trugschluss. Schließlich kommt das Geld nicht aus dem Nichts, Finanzinvestoren verwalten ihrerseits auch Gelder, die ihnen zum Beispiel von Pensionskassen und Versorgungswerken anvertraut werden. Deren Begünstigte wissen meist gar nicht in Detail, wo sie indirekt beteiligt sind. Wir zahlen zudem auch einen hohen Preis für die Tatsache, dass selbst erfolgreiche Technologiekonzerne wie Facebook, Twitter oder Linkedin ebenfalls erst sehr spät an die Börse kommen, wenn ihre Bewertung schon hohe zweistellige Milliardenbeträge erreicht hat. Das heißt: Die Schaffung von Werten bei den Siegern findet vor allem privat statt.

Mittelständler verschlafen Digitalisierung

Wie beurteilen Sie den deutschen Markt für Technologiekonzerne derzeit aus Sicht eines Investors?

Eher kritisch. Es gibt einerseits eine ganze Menge mittelständischer Unternehmen, die ein immenses Potenzial heben könnten, wenn sie sich ernsthaft mit den Chancen der Digitalisierung oder des „Internets der Dinge“ beschäftigen würden und selbst einen Wandel hin zu einem Technologiekonzern einleiten würden. Aber das tun nur wenige. Dabei vollzieht sich derzeit nicht weniger als eine Industrierevolution, getrieben eben von der Automatisierung und dem Internet der Dinge.

Ist das nicht auch eine branchentypische Übertreibung – die laufende Industrierevolution und das „Buzzword“ Internet der Dinge?

Nein, Europa bekommt ökonomisch ein Riesenproblem, wenn wir die Chance jetzt nicht nutzen. Die Wahrnehmung in weiten Teilen Europas – auch bei den Investoren - ist, dass Technologiesprünge vor allem ein „Business to Consumer“-Thema sind. Sie denken an soziale Medien, den Fahrdienst Uber oder den Zimmervermittler Airbnb. Tatsächlich aber greifen derzeit außereuropäische Technologiekonzerne die Gewinne im ökonomischen Herzstück Europas an etwa die Auto- und Luxusgüterindustrie. Die Schweiz verschläft, dass Apple und Samsung mit Macht in den Luxusuhrenmarkt eindringen. Google baut ein selbstfahrendes Auto. Tesla greift in den Luxusgütermarkt ein, denkt hier sehr stark in Prozessen und Software. Das alles sorgt für einen immensen Innovationsdruck.

"Finanzierungsbedingungen sind in den USA besser"

Was ist mit den echten deutschen Tech-Konzernen?

Bei den größeren neueren Technologiekonzernen Deutschlands stecken fraglos superintellektuelle Unternehmer dahinter. Allerdings ticken sehr viele gleich, weil sie aus ähnlichen Managementschulen und Unternehmen kommen. Sie verstehen es meisterhaft, Investoren zu begeistern, indem sie laufend selbst neue Kennzahlen erfinden beziehungsweise so definieren, dass sie für sie relevant sind – „Key Performance Indicators“, Kundenloyalität, monatlich wiederkehrende Umsätze oder auch Gewinne vor Marketing- oder Kundengewinnungskosten – ganz wie in den schlimmsten Zeiten des „Neuen Markts“. Das ist oft eine eigene Welt, in der man gar keinen Realitätscheck mehr vollziehen kann. Aber eines ist klar: Früher oder später kommt der Punkt, an dem es ganz banal darum geht, wie viel Cash ein Geschäft tatsächlich generiert.

Warum gibt es trotz der guten Finanzierungsbedingungen ein so starkes Gefälle bei der Zahl der „Unicorns“, also Technologiefirmen mit einer Milliarde Dollar Bewertung? In den USA gibt es mit rund 180 sechsmal so viele wie in Europa.

Die Arbeits- und Finanzierungsbedingungen sind in den USA fraglos nochmals besser als in Europa. Es gibt aber auch einen sehr einfachen Grund, leicht zu übersehenden Grund: Skaleneffekte. Die USA haben 320 Millionen Einwohner und sind ein riesiger Markt. Den kann ich mit einem Produkt in einer Sprache ansprechen und komme so sehr schnell auf signifikante Umsätze. Europa ist sprachlich und kulturell viel diverser und es ist ungleich schwieriger, über die Landesgrenzen hinweg aktiv zu werden.

Hinzu kommen natürlich noch kulturelle Unterschiede: Scheitern ist gerade in Deutschland eher noch stigmatisierend für Unternehmer, Risiko verpönt. Und: Viele europäische Unternehmer steigen nach einem erfolgreichen Verkauf schlicht aus dem Geschäft aus, lassen es sich gut gehen, riskieren nichts mehr und betreiben allenfalls als Hobby noch ein paar Beteiligungen. Wenn ein Unternehmer in den USA mit einem Produkt Erfolg hat wie Elon Musk von Tesla oder Jeff Bezos von Amazon oder auch die Köpfe hinter Google und Facebook, dann haben sie häufig den Ehrgeiz, gleich noch einmal einen draufzusetzen und allen zu beweisen, dass das kein Zufallstreffer war. Samt finanzieller Risiken.


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