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Flüchtlinge - Chance des 4. Sektors

, Christian Schuldt und Christiane Varga

Die Flüchtlingskrise zeigt: Unsere Gesellschaft braucht neue Strategien für komplexe soziale Probleme. Dabei wird Gemeinnützigkeit eine zentrale Rolle spielen – als “Vierter Sektor”. Von Christian Schuldt und Christiane Varga

Gemeinnützigkeit wird in der Flüchtlingskrise eine zentrale Rolle spielen. © Getty Images
Gemeinnützigkeit wird in der Flüchtlingskrise eine zentrale Rolle spielen.

Christian Schuldt und Christiane Varga forschen am Zukunftsinstitut zu Veränderungsprozessen in Deutschland. Das Zukunftsinstitut zählt zu den wichtigsten Think Tanks der Trend- und Zukunftsforschung.


Der enorme Flüchtlingszustrom stellt unsere Gesellschaft vor unbekannte Herausforderungen. Gewaltsame Ausschreitungen und Hasstiraden gegen Flüchtlinge auf Facebook verraten viel über die Fragilität menschlichen Miteinanders, das sich schnell zum Gegeneinander verkehren kann. Gleichzeitig wird auf eindrucksvolle Weise sichtbar, wie die Netzwerkgesellschaft des 21. Jahrhunderts neue Formen von Selbstorganisation und Kollaboration gedeihen lässt. Diese neuen Netzwerkkräfte ergänzen die traditionellen drei Sektoren – Staat, Wirtschaft, Gemeinnützigkeit – um eine neue, zukunftsweisende Dimension: einen “Vierten Sektor”, der gemeinnützige Werte auf breiter gesellschaftlicher Basis etabliert.

Das Zukunftsinstitut hat diese neue gesellschaftliche Macht im vergangenen Jahr in der Studie „Die Zukunft der Gemeinnützigkeit“ untersucht. Zum Vorschein kam ein neues Mindset, das unsere Netzwerkgesellschaft prägt und einen tiefgreifenden Wandel im Miteinander zeigt. Angetrieben von der Suche nach Sinn, vom Wunsch nach selbstermächtigtem Handeln und von den kommunikativen Möglichkeiten digitaler Infrastrukturen, entstehen zunehmend eigenständige Formen von gesellschaftlicher Partizipation und Selbstorganisation. Diese neu etablierten Netzwerke läuten die Ära eines “Vierten Sektors” ein, der die Resilienz unserer Gesellschaft nachhaltig stärken kann. Genau das veranschaulicht auch der selbstorganisierte Umgang mit der aktuellen Flüchtlingssituation.

“Merkel? Egal, ich mach das selber”

Aktuell sprießen unzählige Initiativen aus dem Boden, die helfen wollen, Flüchtlinge menschenwürdig in unsere Gesellschaft zu integrieren. Die sozialen Medien sind voll von Aufrufen, Spendensammlungen und Diskussionen, immer mehr Menschen engagieren sich in Privatinitiativen schnell und unbürokratisch selbst, frei nach dem Motto: „Vergiss Merkel, ich mach das selber.“ Zum Beispiel die Hamburger Initiative Refugees welcome, die am vergangenen Wochenende ein spontanes Volksfest initiierte, bei dem Anwohner mit ihren neuen Nachbarn gemeinsam grillten, feierten, tanzten. Oder die Initiative „Flüchtlinge willkommen“, die Flüchtlinge über eine Online-Plattform an Wohngemeinschaften vermittelt.

Letztlich spiegelt sich darin eine neue soziale Realität: Der gesellschaftliche Wandel, angetrieben vom Megatrend Konnektivität, prägt ein neues Netzwerk-Mindset – und verändert damit auch das Bild vom Sozialstaat als hauptverantwortlichem Wohlstandsgenerator. Die kollektive Selbstsorge der Netzwerkgesellschaft lässt zivilgesellschaftliche, private und gemeinnützige Akteure zunehmend Funktionen ausüben, die ursprünglich nur staatlichen Institutionen zugeschrieben waren. Wir erleben einen fundamentalen Wandel unseres Denkens: Die alte Entweder-oder-Binarität wird abgelöst von einem neuen Sowohl-als-auch-Mindset, Patentlösungen weichen vielfältigen Ansätzen, Krisen werden nicht vermieden, sondern als Chance begriffen, pragmatische Lösungen ersetzen idealistische Grabenkämpfe.

Dieser Paradigmenwandel rückt Gemeinnützigkeit in ein neues, zukunftsweisendes Licht, auch angesichts der anhaltenden Flüchtlingsströme. Gemeinnützige Organisationen können besser reagieren auf hochkomplexe Herausforderungen, weil sie wertorientiert und nicht gewinnorientiert operieren. Und gerade weil gemeinnützige Werte heute nicht mehr exklusiv an den „Dritten Sektor“ gebunden sind, ist das Potenzial für ein gerechteres Miteinander größer denn je. So bildet das neue sektorenübergreifende Denken und Handeln die Basis für einen Evolutionssprung: vom herkömmlichen Dritten Sektor zum neuen, zukunfts- und komplexitätsaffinen „Vierten Sektor“, der ein übergreifendes, ganzheitliches Zusammenspiel aller drei Sektoren ermöglicht.

Die gemeinnützige Gesellschaft

Gemeinnütziges Handeln steht im Zentrum dieser Entwicklung, weil es seit jeher für jene Werte steht, die in der vernetzten Gesellschaft immer relevanter werden: Gemeinschaft, Nachhaltigkeit, Vertrauen, Transparenz. Mit einem Wort: Mitmenschlichkeit – also genau das, was sich in unzähligen Beispielen konkreter Unterstützung auf Facebook & Co. angesichts der aktuellen Flüchtlingslage manifestiert. Von dieser gemeinnützigen Haltung können – und müssen – sozialstaatliche Errungenschaften profitieren. Denn die Haltung der Gemeinnützigkeit wirft auch die Frage nach den künftigen Inhalten und Werten der Demokratie auf: Wie wollen und können wir die Gesellschaft der Zukunft gestalten?

Von zentraler Bedeutung wird es dabei sein, die politischen Rahmenbedingungen den Denkprinzipien des 21. Jahrhunderts anzupassen – und damit auch den netzwerkaffinen Denkmustern der Gemeinnützigkeit. Im Kern stehen dabei die neuen Wir-Werte der Netzwerkgesellschaft: Gemeinwohl, Sinnhaftigkeit, intensiver menschlicher Austausch. Diese Faktoren sind bereits angelegt und trainiert. Jetzt müssen nur noch weitere Möglichkeitsräume – physische wie psychische – entstehen, die als Katalysator für diese Faktoren wirken. Einer dieser Katalysatoren ist die selbstorganisierte Flüchtlingshilfe, die wir aktuell sehen können.


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