• Facebook
  • Twitter
  • Google Plus
  • Unternehmen

Warum China von Elon Musk nicht genug kriegt

, Li Yuan, Wall Street Journal

Um Elon Musk ist in China ein regelrechter Personenkult entstanden. Der Einstieg von Tencent bei Tesla überrascht daher auch nicht.

Tesla-Chef Elon Musk © Getty Images
Tesla-Chef Elon Musk wird in China bewundert

Elon Musks futuristische Projekte und seine Risikobereitschaft rufen in den USA oft durchwachsene Reaktionen hervor. In China dagegen bejubeln ihn Investoren und Tech-Größen als Genie und Visionär. Sie kaufen Tesla-Autos und -Aktien – und betrachten es als Ehre, in seine Projekte zu investieren. An dem Personenkult, der Musk in China umgibt, nehmen sie mit Stolz teil. Wenig überraschend also, dass Chinas wertvollstes Unternehmen, das Social Media- und Games-Schlachtschiff Tencent Holdings, 1,8 Mrd. Dollar in Musks Elektroautohersteller Tesla gesteckt hat.

„Er ist kein gewöhnliches Genie: Es leben weniger als zehn Menschen, die tun und denken können, was er denkt und tut. Höchstwahrscheinlich ist er der nächste Thomas Edison oder Jeff Bezos seiner Generation“, sagt Joe Chen, CEO des Social Media- und Fintech-Unternehmens Renren.

Zeng Liqing, ein Mitgründer von Tencent und Angel Investor, hat eigenen Angaben zufolge über die vergangenen Jahre eine beträchtliche Position in Tesla-Aktien aufgebaut. Für ein dunkelblaues Tesla Model S mit so ziemlich jedem denkbaren Accessoire hat er mehr als 150.000 Dollar hingelegt. Er hat zudem in den Hyperloop One investiert – ein Projekt, das eine von Musk erdachte Technologie einsetzt: eine frei schwebende Kapsel in einer Röhre, in der Menschen und Güter nahezu mit Schallgeschwindigkeit zwischen Städten hin- und hergeschossen werden.

Meister der Nachahmung

Als Musk Neuralink launchte, ein Start-up, das Gehirne mit Computern vernetzen will – da biss Zeng sich in den Hintern. Seit Jahren hatte er eine ähnliche Idee mit sich herumgetragen, aber nur darüber geredet. Nachdem Musk nun losgelegt hat, „muss ich jetzt einen Weg finden, in das Projekt zu investieren“, sagt Zeng, der sich 2007 aus Tencent zurückgezogen hat.

Diese Lobhudeleien scheinen paradox für eine Branche, deren Erfolge sich bisher weitestgehend aus Nachahmung speisen – man baute das Google von China, das Youtube von China oder das Facebook von China. Firewalls, Regularien oder andere Hürden hinderten Ausländer daran, den chinesischen Markt zu durchdringen.

Tencents erstes populäres Produkt, der Instant-Messenger QQ, war eine Kopie des israelischen ICQ. Die erste Version von QQ hieß OICQ. In vielen Fällen verbesserten die chinesischen Nachahmer die Originale erheblich. Doch Marktkräfte legen ihr Innovationsdefizit bloß – und machen Musks Kühnheit noch unwiderstehlicher.

Der Zuwachs an Online-Usern schwächt sich ab, und die Marktdurchdringung von Smartphones ist bereits hoch. Viele Tech-Unternehmen müssen härter arbeiten, um zu überleben. Wer der Welt wirklich seinen Stempel aufdrücken will, braucht echte Innovation, nicht nur eine schrittweise Optimierung der Effizienz. Tencents Mitgründer und CEO Pony Ma sagte auf einer Pressekonferenz im März, ihn halte nachts die Sorge wach, technologisch zurückzufallen.

Chinesen von ausländischen Tech-Größen wie besessen

Tencents Investment in Tesla ist passiv, beinhaltet also keinen Sitz im Aufsichtsrat. Keins der beiden Unternehmen hat zugesagt, das jeweils andere technologisch zu unterstützen. (Nach einem Statement für diesen Artikel gefragt, reagierte Tencent nicht, und Tesla lehnte ab.) Tencent hat bereits in mehrere E-Mobility-Projekte investiert. Doch durch den Erwerb eines Anteils an Tesla beweise Tencent der globalen Tech-Gemeinde seinen Eifer, in avantgardistische Technologie zu investieren, heißt es in Unternehmenskreisen. „Das Signal ist: ‚Kommt zu uns, wenn ihr eine innovative Idee habt’“, sagt eine Person, die Tencent nahesteht. Zudem habe Pony Ma „eine Schwachstelle für Geeks“.

Seit Jahrzehnten sind die Chinesen von ausländischen Tech-Größen wie besessen. Bill Gates wurde wie ein Rockstar behandelt, als er China in den Neunzigern besuchte; noch heute zieht er ein großes Publikum an, wenn er auf Konferenzen auftritt. Solche Bewunderung wurzelt in der utilitaristischen Herangehensweise des chinesischen Bildungssystems an Wissen. Wissenschaftler und Ingenieure werden als gesellschaftlich nützlicher betrachtet als Schriftsteller und Künstler. Aber Wissenschaftler und Ingenieure, die ihr Wissen zu Geld machen können? Das sind die allerbesten.

"Elon Musk hat grandiose Ideen"

Lei Jun, Mitgründer und CEO des Smartphone-Herstellers Xiaomi, vergötterte Steve Jobs und übernahm dessen Angewohnheit, Produktneuheiten in Jeans und schwarzem Rollkragenpullover vorzustellen. Nachdem er sich 2014 im Silicon Valley mit Musk getroffen hatte, sprudelte er auf Social Media über: „Verglichen mit Elon Musk tun wir nichts, was jeder andere nicht auch tun könnte. Er tut, was sich niemand anderes ausdenken kann.“ Lei war einer der ersten Besitzer eines Tesla in China.

Selbst Musks wohlhabende, erfolgreiche Kritiker in Chinas Tech-Universum setzen ihr Geld ein, um Mitglied eines so teuren wie exklusiven Clubs zu werden: der seiner Investoren. Cai Wensheng, Chef der Foto-App Meitu, hält Jobs für einen größeren Innovator als Musk. Er weist darauf hin, dass mehr als eine Milliarde iPhones verkauft worden sind, aber nur ein paar Hunderttausend Tesla-Wagen. „Elon Musk hat grandiose Ideen“, sagt Cai. „Aber seine Produkte haben das Leben nur weniger Leute berührt.“ Eines von Cais Unternehmen hat mehrere Teslas angeschafft, doch er fand es unpraktisch, die Batterie aufzuladen, und die Innenausstattung zu schlicht. Er bevorzugt seinen BMW oder Porsche-Geländewagen.

Dennoch besitzt Cai Tesla-Aktien. Denn „in der Zukunft“, so sagt er, „wird es ein erfolgreiches Unternehmen sein“.

Copyright The Wall Street Journal 2017


Artikel zum Thema