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Drei Lehren für die Integration

, Linh Nguyen

Not macht erfinderisch: Die aus Vietnam stammende Gründerin Linh Nguyen über ihren Weg vom Flüchtling zur Unternehmerin.

Linh Nguyen
Linh Nguyen

Linh Nguyen ist Gründerin und Geschäftsführerin der Personal-Shopping Plattform Kisura.de


Mit fünf Jahren kam ich gemeinsam mit meinen Eltern und meinem älteren Bruder aus Vietnam nach Deutschland. Wir flüchteten nicht vor Krieg, Terror oder Armut. Meine Eltern folgten einer Perspektive und dem Traum, ihren Kindern eine Ausbildung und ein Leben zu ermöglichen, die im Vietnam der 80er-Jahre nicht erreichbar waren. Dennoch war es ein Wagnis, sein Leben in der Heimat aufzugeben. Meine Eltern verließen mit uns ein Land, in dem sie und wir aufgewachsen waren und dessen Wurzeln wir in uns tragen, für ein unbekanntes Ziel – möglicherweise auch nur eine Utopie. 1991 war ihr Ziel mit uns Zwickau in Sachsen.

Wenn ich die Diskussion rund um das Thema „Integration“ verfolge, die aktuell mehr denn je Fragen und Herausforderungen aufwirft, dann fühle ich mich an unsere Anfangszeit in Deutschland erinnert. Natürlich: Unsere Ausgangslage kann nicht mit der heutigen dramatischen Situation von Flüchtlingen verglichen werden. Aber Deutschland setzt das Thema „Integration“ aktuell weit oben auf die Agenda und damit wiederholt sich ein Teil der Geschichte der 90er-Jahre. Aus den Erfahrungen der Einwanderer und der Generation der Einwandererkinder kann viel gelernt werden.

Dass meine Eltern die Zukunft ihrer Kinder über ihre persönlichen Bedürfnisse stellten und mit uns nach Deutschland kamen, hat mein Leben und meine Persönlichkeit stark geprägt. Ihr Streben nach Verbesserung und Weiterkommen ist auch mein Antrieb als Unternehmerin. Denn das macht letztlich einen Unternehmer aus: sich nie mit dem Gegebenen, dem Status-Quo zufriedenzugeben und stets nach neuen Lösungen und Wegen zu suchen. Pragmatisch zu bleiben, sich schnell auf Veränderungen einzustellen und Widerstand als Teil des großen Ganzen oder gar als Motivation anzusehen, stellen dabei wichtige Eigenschaften dar.

1. Bildung als höchstes Gut

In der vietnamesischen Kultur hat Bildung einen extrem hohen Stellenwert: Kinder sollen das schaffen, was der älteren Generation mitunter verwehrt geblieben ist. Es heißt „nur Bildung führt weg vom Reisfeld“ und das ist der Antrieb, die oftmals sehr schlechten Arbeitsbedingungen für ihre Kinder nicht mehr zu akzeptieren. Die Konsequenz: Auswandern. Während wir in Deutschland die Möglichkeit bekamen unser Abitur zu machen, finanzierten meine Eltern uns mit einfachen Jobs. Die Lage auf dem Arbeitsmarkt war zu dieser Zeit schwierig. Insbesondere stellten die mangelnden Sprachkennnisse meiner Eltern eine große Barriere dar. Es blieb daher nur der Weg in die Selbstständigkeit: Schnellimbisse, Blumenverkaufsstände am Straßenrand und kleine Lebensmittelmärkte waren gute Einnahmequellen mit geringen Eintrittsbarrieren. Dass unsere Eltern so hart arbeiteten, stachelte unseren Lerneifer an.

Viele der in Deutschland lebenden Vietnamesen sind selbstständig und fester Bestandteil des öffentlichen Lebens. Ihr Antrieb ist meist die Bildung und Zukunft ihrer Kinder. Die Elterngeneration der Einwanderer zeigt, dass wir Bildung als das Begreifen sollten, was sie ist, nämlich eine Chance, die sich nicht selbstverständlich ergibt. Dafür sind Menschen bereit, ihr Leben umzuwerfen und viel zu riskieren. Für uns Kinder galt daher eine ganz einfache Regel: Gute Noten nach Hause bringen. Ansonsten waren unsere Eltern und ihre Erziehung extrem liberal.

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2. Lösung vs. Problem

Wer in diesen Tagen Angst hat, dass eine vermeintlich funktionierende Ordnung aus den Fugen gerät, ist gut beraten, in die Schulklassen zu schauen! In den Angliederungsklassen zeigen Kinder aus dem Ausland meist enormen Ehrgeiz und Sprache ist die geringste Barriere. Integration wird nicht ein Problem sein, dem Kinder mit Verstand und Vorurteilen, sondern mit Herz begegnen.

Als ich mit sechs Jahren an die Grundschule kam, hatte ich wie alle anderen Kinder die Chance, einen neuen Lebensabschnitt zu beginnen. Die Sprache erwarben mein Bruder und ich spielerisch fast nebenbei – damit hatten wir unseren Eltern etwas voraus. Und in vielen Punkten ist die kindliche Herangehensweise an das Miteinander für mich heute noch Vorbild eines lösungs- statt problemorientierten Denkens, denn jeder hat das Potential sich Ziele zu setzen, zu beweisen und zu wachsen. Das versuche ich mir im Gründeralltag zu bewahren und damit neuen Herausforderungen zu begegnen. Offenheit, Neugier und Mut ermöglichen Wachstum; Unvoreingenommenheit verhilft zu schnellen Lösungen. Bereichernd ist dabei auch das Zusammenkommen unterschiedlicher Kulturen und Denkweisen, das ich als Chance für Fortschritt und Innovation sehe. In meinem Unternehmen Kisura arbeiten mehr als zehn Nationalitäten in einem Team. Andere Kulturen, Sprachen sowie Denkweisen und Gewohnheiten kennenzulernen, kann ungemein inspirieren und Impulse für neue Ideen geben. Ein Team sollte komplementär sein, um wachsen zu können, eine Gesellschaft ebenso.

3. Pragmatismus

Erst mal machen! Diese sehr pragmatische Denkweise und Tatkraft meiner Eltern, die typisch ist für die vietnamesische Kultur, hat mich stark geprägt: Man schaut was passiert, optimiert wird im Nachgang. Als wir nach Deutschland kamen, gab es nur die Hoffnung auf ein besseres Leben. Wie man dahin kommt und wie es genau aussehen würde, war erst einmal zweitrangig. So wurden mein Bruder und ich zum Beispiel ohne jegliche Deutschkenntnisse eingeschult – dennoch war Sprache in diesem Alter keine Barriere.

Noch heute erinnert sich mein Bruder schmunzelnd an seine ersten beiden Schuljahre von der 5. bis 7. Klasse, in denen er so gut wie nichts verstand. Nach der 10. Klasse wechselte er auf das Gymnasium und begann direkt nach dem Abitur sein Jura-Studium in Göttingen. Und auch, wenn meine Eltern keine Sprachkenntnisse hatten, geschweige denn gelernt hatten, wie man ein Restaurant führt, waren sie lange Zeit erfolgreiche Restaurantbesitzer. Zwischenzeitlich wechselten sie die Branche und verkauften Blumen Mit den Einnahmen konnten sie immer ihre inzwischen fünfköpfige Familie ernähren. Sprich: Wenn man will, dann findet sich schließlich auch ein Weg.

Das größte Hindernis für Erfolg und Zufriedenheit ist aus meiner Sicht eitler Perfektionismus. Viele halten zu lange an starren Plänen fest. Natürlich gibt man seine Idealvorstellungen ungern auf. Umstände sind dynamisch und ändern sich. So sollte ein guter Plan ebenfalls flexibel auf Veränderungen reagieren und sich anpassen können. Offenheit stellt hierbei die Basis dar, um Veränderung aber auch die damit immer verbundene, ungeahnte Chance wahrzunehmen. Das Bedürfnis, den ursprünglichen Plan einzuhalten, muss daher immer mit neu aufkommenden Chancen abgewogen werden.

Wenn Menschen mir heute als Unternehmerin begegnen, dann ist mein Werdegang nicht mehr offensichtlich. Aber ich weiß nach wie vor, dass der Wunsch nach Perspektive ein Motivator ist, der viele Menschen nach Deutschland treibt. Einwanderung kann eine Chance für den Bildungsstandort Deutschland sein - wenn die Weichen der Integration richtig gestellt werden. Und die Motivation zur Selbstständigkeit kann eine der vielen Antworten und Lösungen der Integration sein, der wir mit Offenheit und einer gewissen Flexibilität begegnen sollten. So wandert möglicherweise eine neue Generation von Unternehmern ein, die unserem Land neue Möglichkeiten und Wege bereitet, die wir heute noch gar nicht erahnen können.

Der Zugang zu Bildung und die Teilnahme an der Arbeitswelt (egal ob selbstständig, angestellt oder in einer Ausbildung) bieten die Möglichkeit für eine eigene Stimme unserer neuen Mitbürger in öffentlichen Debatten. Die Weichen für diese positive Entwicklung durch Integration zu stellen, wird aber unsere Aufgabe sein.


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