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"Die Menschen werden gezwungen zu gehen"

, Christian Schütte und Marina Zapf

Die Ökonomin Dambisa Moyo über Fluchtursachen und die Verantwortung der Entwicklungspolitik.

Dambisa Moyo
Dambisa Moyo

Dambisa Moyo ist eine Ökonomin aus Sambia. Sie hat für die Weltbank und Goldman Sachs gearbeitet. Bekannt wurde sie durch ihr Buch „Dead Aid“, einer scharfen Abrechnung mit der westlichen Entwicklungshilfe. Das Time Magazine nahm sie 2009 in die Liste der 100 einflussreichsten Persönlichkeiten der Welt auf. Hier kann man sie im TED Talk erleben


Capital: Migration ist auf einen Schlag zum Top-Thema geworden. Ist das eine vorübergehende Krise oder hat im vergangenen Jahr eine neue Ära begonnen?

Dambisa Moyo: Millionen Menschen, die sich auf den Weg machen – das ist ziemlich beispiellos. Bisher hat die Politik sich sehr taktisch verhalten. Aber allmählich wird klar, dass dies ein Problem von Dauer ist. Und zwar ein wachsendes. Die Migration ist inzwischen nicht mehr nur eine politische Frage. Sie betrifft das Wirtschaftswachstum, die Sozialsysteme, den Arbeitsmarkt, die Gesundheitsversorgung. Anfangs hat man sozusagen nur „erste Hilfe“ geleistet. Aber jetzt wird ein sehr viel strukturierter und systematischer Ansatz gebraucht.

Wird die Wanderung unter dem Strich positiv oder negativ für die Aufnahmeländer sein?

Das hängt davon ab, wie die Migranten sich in die neue Gesellschaft integrieren. Die USA sind seit mehr als 300 Jahren das beste Beispiel für einen positiven Effekt. Die Zuwanderung war ein Eckpfeiler der amerikanischen Erfolgsstory. Mit der europäischen Denkweise ist das sehr viel schwieriger, das Bekenntnis zur Immigration steht hier eher auf dem Papier. Wenn eine sehr junge Gruppe ankommt, spricht natürlich viel für positive Folgen. Man kann aber auch argumentieren, dass ein großer Zustrom von - nach westlichem Standard - schlecht Ausgebildeten eher negativ wirken wird, weil Sozial–, Bildungs– und Gesundheitssysteme stärker unter Druck geraten. Das Beispiel USA zeigt, dass es möglich ist, verschiedene Kulturen zu assimilieren. Europäische Staaten haben damit wenig Erfahrung.

Bringen Migranten nicht neuen Unternehmergeist?

Kleine und mittlere Unternehmen sind nach Meinung vieler Ökonomen das Rückgrat des wirtschaftlichen Erfolgs. Viele dieser Unternehmen werden von Zuwanderern geführt. Aber da kommt es wieder auf die Reaktion der Gesellschaft an. Nehmen wir wieder das Beispiel USA: Der amerikanische Traum beruht auf Chancengleichheit beim Weg zu wirtschaftlichem Aufstieg. Dazu kommt der erfolgreiche Strukturwandel von der Landwirtschaft zu Industrie, Dienstleistung und Forschung. Viele Zugewanderte aus Zentralamerika erledigen heute Jobs, die US-Amerikaner scheuen.

"wir brauchen eine Politik für mehr Wachstum"

Ist das europäische Sozialstaatsmodell überhaupt mit Massenzuwanderung vereinbar?

Unter den Kosten des Sozialstaats hat Europa schon vor der Krise geächzt. Angela Merkel hat das immer in drei Zahlen ausgedrückt: 7-25-50. Europa hat sieben Prozent der Weltbevölkerung, 25 Prozent des globalen BIP, und 50 Prozent der Sozialtransfer weltweit. Es ist klar, dass das auf Dauer nicht funktionieren kann. Wenn ein Teil der Zuwanderer wirtschaftlich nichts beitragen kann, müsste der Sozialstaat noch ausgebaut werden. Damit sind wir wieder bei der Frage, welche Zuwanderungsstrategie man verfolgt.

Sollten wir den Mindestlohn kürzen, um ungelernte Migranten in Arbeit zu bekommen?

Es gibt in unseren Gesellschaften heute ein generelles Problem der Ungleichheit und der fehlenden Chancen. Die Zuwanderung verschärft das nur. Transfers und Mindestlohn bieten eine kurzfristige Lösung, die Politik muss einfach die Frage beantworten: welchen Mindestlebensstandard wollen wir sichern, auch wenn die Reallöhne fallen? Auf lange Sicht muss es aber um größere soziale Mobilität gehen. Wir müssen hier und heute eine Absicherung schaffen. Langfristig brauchen wir eine Politik für mehr Wachstum und langfristige Chancen.

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Was empfehlen Sie?

Die Kernfragen sind soziale Mobilität und Bildung.  Die Menschen müssen eine Verbesserung in ihrem Lebensstandard spüren. Und Forschungsergebnisse zeigen, dass die Akzeptanz von Vielfalt oft scheitert, wo Bildung scheitert. Sie braucht viel Zeit und Geld, nicht nur für Integration sondern auch für Möglichkeiten des Aufstiegs und Beschäftigung. Das ist auch wichtig, damit Menschen ein echtes Interesse an dem Land haben, in dem sie leben. Wenn Sie in zehn oder 20 Jahren Menschen haben, die nicht assimiliert sind, keine Aufstiegschancen haben und nicht verankert sind, ist die Integration gescheitert.

Wird die große Diaspora der Zugewanderten immer weitere Menschen nachziehen?

Glauben Sie mir: Mein Idealszenario wäre es, wenn niemand seine Heimat verlassen müsste, um Chancen und einen guten Lebensstandard zu bekommen. Ich selbst wäre auch lieber in meiner Heimat Sambia geblieben, bei den Freunden, meiner Familie und der Gesellschaft, in der ich aufgewachsen bin. Die meisten Menschen würden lieber zuhause bleiben, und genau das muss das Ziel sein. Die internationale Politik denkt aber zu kurzfristig und treibt damit die Arbeitsmigration noch an. So lange wir strukturell auf Entwicklungshilfe und Handelsbeschränkungen setzen, wird die Migrationswelle weitergehen.

Wie kann man Fluchtursachen bekämpfen?

Wir müssen erst einmal anerkennen, dass wir für die Wanderungsprobleme mitverantwortlich sind. Ob hinter der Migration nun eine politische Instabilität steht wie in Syrien oder wirtschaftliches Versagen wie in Nordafrika – das System der  Entwicklungshilfe, wie es vor 10-15 Jahren funktionierte, hat in den Empfängerländern Probleme geschaffen. Ich rede hier nicht über humanitäre Hilfe in Notlagen, sondern von dem langfristig und strukturell angelegten System der Entwicklungshilfe. Dieses System finanziert die Regierungen, aber es untergräbt Handel, Wachstum, Investitionen und verschärft dadurch noch die Instabilität dieser Länder.

Wir sollten mit der Entwicklungshilfe aufhören?

An kurzfristiger humanitärer Hilfe ist nichts auszusetzen. Aber Ländern, die keine Fortschritte zeigen, sollte nicht auf Dauer geholfen werden. Und man muss sich die Langfristfolgen des heutigen Systems klar machen. Schauen Sie, in Sambia kommt beispielsweise tonnenweise billiger Mais aus Iowa auf den Markt. Wenn Sie in Europa oder den USA Ihre Landwirte subventionieren wollen, ist das in Ordnung.  Aber Sie müssen dann auch die Konsequenzen akzeptieren. Die Menschen wollen nicht gehen, sie werden gezwungen, es zu tun.

"Vor allem der freie Handel ist ein Wachstumsmotor"

Wie soll es denn besser gehen?

Wir haben doch viel Erfahrung damit, was wirtschaftliche Entwicklung fördert und was nicht. Es gibt kein Land auf diesem Planeten, das dank Entwicklungshilfe wirtschaftlich aufgestiegen ist. Selbst erfolgreiche Länder wie Botswana oder Südkorea haben sich nur sehr kurze Zeit darauf verlassen. Vor allem der freie Handel ist ein Wachstumsmotor. Die meisten Entwicklungsländer haben es aber schwer, in Europa und den USA Handelspartner zu finden. Auch der Zugang zu Kapital und ein transparenter Kapitalmarkt sind Eckpfeiler von wirtschaftlichem Erfolg. Entscheidend ist, dass man die richtigen Dinge dann auch wirklich tun muss.

Können Überweisungen von Migranten in ihre Heimat sinnvoll eingesetzt werden?

Entwicklungshilfe ist problematisch, wenn sie an Regierungen geht. So gesehen sind Überweisungen etwas Anderes. Sie können aber nur in begrenztem Umfang etwas leisten, ähnlich wie Mikrokredite. Das sind positive Faktoren, aber sie sind nur schwer zu skalieren. Ihr Beitrag zu Wachstum wird die Entwicklungskurve eines Landes nicht entscheidend beeinflussen. Ganz im Gegensatz zur stärkeren Wirkung von Handel, Subventionen und Kapitalströmen. Politisch können wir die Handelsregeln so verändern, dass die Länder ihre Produkte auf den Weltmarkt bringen können. Dafür müsste sich beispielsweise die Agrarpolitik der EU ändern.

Welchen Rat würden Sie dem deutschen Entwicklungshilfeminister geben?

Meine Frage an ihn wäre: Welche fünf oder acht Initiativen für den Freihandel haben Sie unterstützt? Und ich würde über die Agrarpolitik der EU reden. Das ist der Punkt, wo gehandelt werden muss.


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