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Die Lehre meines Lebens

, Peter Wagner

Was lehrt uns die Arbeit für das Leben? Autor Peter Wagner hat sich auf Spurensuche begeben und ganz unterschiedliche Menschen gefragt. Wie die Ordensschwester Liliane Juchli

Gott hat viel zu tun und gegen menschlichen Übereifer kommt auch er nicht an, sagt die Ordensschwester © Getty Images
Gott hat viel zu tun und gegen menschlichen Übereifer kommt auch er nicht an, sagt die Ordensschwester

Peter Wagner hat für sein Buch„Wofür es gut ist“ Menschen nach den Lehren ihres Lebens gefragt. In einer fünfteiligen Serie berichtet Capital.de über die AntwortenPeter Wagner hat für sein Buch„Wofür es gut ist“ Menschen nach den Lehren ihres Lebens gefragt. In einer fünfteiligen Serie berichtet Capital.de über die Antworten


Die Lehre: Nur wer sich um sich selbst kümmert, kann sich kümmern

Was haben Sie erlebt? Was haben Sie daraus gelernt? Was davon können Sie weitergeben? Auf dem Papier oder beim Lesen wirken diese Fragen ein bisschen formelhaft, ich weiß. So ging es mir in den Gesprächen auch, die ich über fast zwei Jahre hinweg mit Menschen führte. Und doch war da eine Wirkung, die ich nicht erwartet hätte: Die Frage nach den Lebenslehren wirkte wie ein Schlüssel zu einem besonders intensiven Gespräch über das Leben und seine Brüche. Bei Schwester Liliane Juchli zum Beispiel.

Sie war mir durch Zufall aufgefallen, als ich durch eine Fachzeitschrift für Pflegewissenschaften blätterte. Ich stieß auf ein Porträt zu ihrem 80. Geburtstag, fing an zu lesen und setzte die Recherche online fort. Mir fiel auf, wieviel Verehrung der Schweizer Ordensschwester von vielen Pflegerinnen und Pflegern entgegengebracht wird. Liliane Juchli schrieb in den Siebzigern das erste Standardwerk der Pflegewissenschaften. Sie ist in dieser Hinsicht eine Pionierin. Immer wieder ist von der „Juchlibibel“ die Rede, die noch heute im Thieme-Verlag erscheint, mittlerweile aber von einem anderen Autorenteam.

Der Mensch braucht Lob

Was viele ihrer Leserinnen und Leser nicht wissen: Liliane Juchli erkrankte bereits während der Arbeit an der zweiten Auflage des Buches an einer Erschöpfungsdepression. Es war eine anstrengende Zeit: Sie war damals klinische Schulschwester in St. Gallen, hatte die Leitung der Krankenpflegeschule in Basel übernommen, absolvierte die Akademie für Erwachsenenbildung und erteilte Unterricht an der Kaderschule. Und dann noch das Buch.

Liliane Juchli verortet als Ursache ihrer Krankheit aber nicht nur die schiere Überlastung. Ihr fehlte es an Resonanz. „Man wird krank, wenn zu wenig Resonanz da ist. Der Mensch braucht Lob. Er braucht die Bestätigung: Was du machst, ist gut. Diesen Satz auch mal auszusprechen war vor 30 Jahren noch nicht so üblich. Da kann eine Frustration entstehen, die zuerst unbewusst ist und dann an den Kräften zehrt.“

Nun ist über Burn-out schon viel gesagt und geschrieben worden. Trotzdem hat mich Liliane Juchlis Geschichte beeindruckt. Entlang ihrer Geschichte kann man verstehen, dass eine Erschöpfungsdepression nicht nur die Symbolkrankheit bestimmter Branchen ist. Auch eine Organisation, die sich in ihrem Kern der Menschenliebe verpflichtet sieht, kann zu einem Ort der Überlastung werden. Das Arbeitsethos vieler Ordensschwestern ist enorm.

Lieber ein bisschen mehr schultern als zu wenig, so heißt es noch heute. Dahinter steckt häufig der Gedanke, dass Gott einen vor dem tiefen Fall schützen wird. Aber Gott hat viel zu tun und gegen menschlichen Übereifer kommt auch er nicht an. „Das Wort Selbstpflege war damals noch kein Thema“, sagt Liliane Juchli. „Zur Pflege braucht es aber parallel die Selbstpflege. Das habe ich später auch in mein Pflegebuch geschrieben. Das konnte ich nur verbreiten, weil ich es selbst erfahren habe.

Zur Pflege braucht es aber parallel die Selbstpflege, hat die Ordensschwester feststellen müssen © ddp images
Zur Pflege braucht es aber parallel die Selbstpflege, hat die Ordensschwester feststellen müssen

Zwangsläufig ungerechte Entscheidungen?

Mit Liliane Juchli wird sichtbar, wie eng Erkenntnisfortschritte mit persönlichen Erfahrungen zusammenhängen. Der Architekt, der selbst am Bau geschuftet hat, wird anders planen. Der Arzt, der selbst viel Zeit im Krankenhaus verbrachte, wird anders behandeln. Die Pflegeschwester, die selbst in Behandlung war, wird den Lesern ihres Standardwerkes tiefere Einblicke in das Wesen des Berufes geben. Liliane Juchli hat es getan und von der „Selbstsorge“ der Pflegenden als wesentlichem Element einer guten Pflege geschrieben.

Das Gespräch mit der Verfasserin der „Juchlibibel“ in Zürich blieb mir länger als andere Treffen in Erinnerung. Nicht nur wegen der Sache mit der Selbstsorge. Mich trieb noch etwas anderes um. Was bedeutet es, wenn eine persönliche Erfahrung die Sicht auf eine Sache so beeinflussen kann?

Kann es sein, dass man bestimmte Ereignisse nur dann versteht, wenn man sie selbst erlebt hat? Sind wir in unseren Entscheidungen nicht zwangsläufig sehr oft sehr ungerecht - schlicht, weil wir nie alle Perspektiven kennen? Wahrscheinlich ist es so. Und es ist okay so. Kein Mensch kann alle Lebenserfahrung in sich vereinen. Aber er kann immer wieder versuchen, die Perspektiven zu wechseln.

In der capital.de-Serie „Die Lehre meines Lebens“ trifft Peter Wagner eine Ordensschwester, einen Taxifahrer, eine Dorfhelferin, einen Autoren und eine Psychiaterin


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