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  • Reportage

Der Kubaner, der die Heimat suchte – und nicht fand

, José de Córdoba, Wall Street Journal

José de Córdoba ist Exilkubaner und Autor des Wall Street Journals. Nach vielen Jahren besuchte er seine Heimat. Eine bewegende Reise in die Geschichte Kubas

Straßenszene aus Havanna © Sven Creutzmann
Straßenszene aus Havanna

Als ich die alte Zuckermühle auf der Farm „La Illusion“ – die Illusion – erreichte, suchte ich nach dem kleinen Haus, das aussah wie aus Lebkuchen. Die ersten Monate meines Lebens hatte ich dort verbracht. Die einzige Erinnerung, die ich an dieses Haus habe, stammt von einem Schwarz-Weiß-Foto. Meine Mutter, jung und wunderschön, knuddelt mich darauf in ihren Armen. Das Foto ist eines der wenigen Erinnerungsstücke, das meine Familie mit in ihr Exil in die USA genommen hatte. Damals, vor vielen Jahrzehnten.

Meiner Familie gehörte dieses flache Stück Land für eine lange Zeit. Für 400 Jahre, vielleicht ein paar mehr oder weniger, war die Familie meiner Mutter, die Sánchez Pereiras, eine der bekanntesten Familien in der östlichen Provinz Camagüey. Die wohlhabenden Familien blieben unter sich, heirateten ihre Cousins, um sicherzustellen, dass ihre Besitztümer auch nach ihrem Tod innerhalb der Familie blieben.

Trotz all dieser halb-inzestiösen Vermählungen gleicht mein Stammbaum einem Dschungel, tief und dunkel, mit vielen verschlungenen Pfaden. Meine Großmutter, die den päpstlichen Segen erhalten hatte, meinen Großvater, ihren Cousin, zu heiraten, sorgte sich darüber, dass ich oder eines ihres anderen Enkelkinder das gleiche tun könnte, und irgendwann in unserer Familie Babys mit Tierschwänzen geboren würden.

Verspottet als "Würmer"

Während der Revolution verließ meine Familie Kuba, da war ich sieben Jahre alt. In meiner Erinnerung blieb ein mystischer Ort zurück. Und jetzt, mit über 60, konnte ich dorthin zurückkehren. Ermöglicht hat das vergangenes Jahr der damalige Präsident Barack Obama mit der kubanischen Regierung. Wir, die Exilanten, bekamen das Recht, nach Kuba zurückzukehren, als Bürger registriert zu werden. Ich müsste nur die Papiere zur meiner Wiedereinbürgerung unterschreiben – und ich könnte wieder auf Kuba leben. Wie jeder andere Kubaner, der niemals das Land verlassen hatte.

Über eine Million Kubaner haben nach der Revolution das Land verlassen, sind geflohen ins Exil, wurden verspottet vom Regime als „gusanos“, als Würmer.

In diesem Tagen rollt die kubanische Regierung uns den Teppich aus, heißt uns willkommen, weil diese „gusanos“ längst „mariposas“, Schmetterlinge, geworden sind. Die Exilkubaner sind verantwortlich für den bescheidenen Reichtum, den es auf der Insel noch gibt. Dank ihrer Überweisungen von Milliarden an Dollar. In den vergangenen zwei Jahren kehrten 13.000 Exilkubaner in ihre Heimat zurück. Nach kubanischem Recht können sie ein Haus kaufen, auch wenn sie damit das US-Handelsembargo von 1962 missachten. Einige verbringen ihren Lebensabend auf Kuba, mit den ersparten Dollar aus dem Exil.

Havanna - eine großartige Ruine

Ich bin zerrissen. Havanna ist eine großartige Ruine, zusammengehalten von Zement und neuer Farbe. Aber sechs Jahrzehnte Repressionen haben die Menschen gebrandmarkt. Obwohl sie aufgeschlossen und freundlich sind, haben viele Kubaner einen geheimen Polizisten im Kopf, einen Zensor, der sie auf Linie hält. Mein ganzes Leben lang habe ich das gesagt, was ich dachte. Ich glaube nicht, dass ich das ändern kann. Kann ich trotzdem zurückkehren? Kann das Exil wirklich enden?

Exilanten sind wie besessen, wenn es um ihre ehemaligen Häuser geht. Sie markieren ihren verlorenen Platz in der Welt. Hier begann der Exodus. Unser altes Haus – ein neoklassizistischer Bau in Havannas Vedado-Viertel, das mein Großvater meiner Großmutter zur Hochzeit im Jahr 1928 schenkte – steht noch. Aber es ist verlebt, die Farbe blättert ab. Es gehört zu einem Komplex der nordkoreanischen Botschaft.

Meine Großeltern verließen das Haus im Jahr 1960, als wir von der Insel flohen, im Glauben, wir würden bald schon zurück sein. Meine Nanny sollte sich um das Haus in der Zwischenzeit kümmern. Doch schon bald nach der Flucht wurde das Haus von einem Offizier in Fidel Castros Revolutionsgarde zwangsgeräumt, der seine Gelibte hier einquartierte. Schließlich wurde das Anwesen an Kim Il Sung übergeben, den Großen Führer Nordkoreas.

Jedes Mal, wenn ich Kuba besuche, spaziere ich die Straße auf und ab. Meine Hoffnung ist, die Nordkoreaner nervös zu machen.

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Zu Weihnachten gab es eine Fidel-Uniform

Auch wenn meine Familie eher zur Oberschicht in Havanna zählte, war sie zur Zeit der Revolution, wie fast alle Kubaner, Anhänger Castros.

Im Jahr vor Castros Triumph spielten meine Cousins und ich Krieg, wir hoben Gräben im Garten aus, damit die Revolutionäre Fidels sie nutzen konnten im Kampf gegen den damaligen Diktator Fulgencio Batista. Am Ende brauchte Fidel unsere Gräben nicht. Batista floh, als meine Eltern am Silvesterabend 1958 in einem Haus von Freunden feierten.

Acht Tage später eroberte Fidel die Hauptstadt ohne Gegenwehr. In einem offenen Jeep triumphierte er mit seiner Garde durch die Stadt. Ich stand auf einem Dach, wedelte mit einer kubanischen Fahne und applaudierte Castro.

Im ersten Jahr nach der Revolution sammelte ich so etwas wie das Äquivalent zu Baseball-Sammelbildern. Es waren Darstellungen von blutigen Szenen der Revolte oder Fotos von Fidel und seinen Offizieren. Ich klebte sie in einer Art Kladde, natte sie „Das Album der kubanischen Revolution“.

An Weihnachten schenkte mir Santa Claus eine Fidel-Uniform, ein grüner Arbeitsanzug samt grünem Käppi, dazu einen Bart zum Ankleben. Es sollte mein letztes Weihnachten auf der Insel sein.

Schauprozesse in Sportarenen

Für meine Familie nahm die Revolution eine schreckliche Wende. Nur sechs Monate nach seiner Machtübernahme erließ er ein Gesetz und enteignete unsere Farmen in Camagüey. Überall im Land war die Anspannung spürbar, als Castro sich der Sowjetunion zuwendete. Gegner – und sogar einige Verbündete aus seiner Armee – wurden in Schauprozessen in Sportstadien zu jahrzehntelangen Haftstrafen verdonnert. Andere exekutiert. Zeitungen wurden geschlossen.

Im Oktober 1960 wurde die El-Senado-Zuckermühle, die mein Ur-Ur-Großvater gegründet hatte, enteignet. Am gleichen Tagschnappte verleibte sich das Regime auch das Sánchez Mola ein, eines der größten Kaufhäuser Kubas, das mein Großvater im Jahr seiner Hochzeit gegründet hatte. Als die Milizionäre in ihren grünen Anzügen die Kontrolle über das Kaufhaus übernahmen, standen alle 100 Mitarbeiter Spalier, als mein Großvater das Sánchez Mola zum letzten Mal verließ. Es war Zeit, das Land zu verlassen.

Zwei Monate später waren wir in New York. Ich war sieben Jahre alt, das älteste von vier Kindern. Mein Vater fand Arbeit bei Macy’s, als Leiter der Herrenabteilung. Meine Mutter verkaufte Magazine, meist an Exilkubaner, gestrandete Existenten, so wie wir. Ich arbeitete als Schuhputzer. Es war eine harte Zeit für meine Eltern und Großeltern, ein Abenteuer für mich.

Ich forderte Fidel zum Duell

In diesem Alter schwor ich mir, ein Kubaner zu bleiben. Für mich war es eine Frage der Ehre. Ein paar Tage vor dem kalten Weihnachtsfest, unserem ersten in New York, schrieb ich einen Brief an Fidel Castro und forderte ihn zum Duell. Er hat nie geantwortet. Es war nicht einfach im großartigen amerikanischen Schmelztiegel. Es dauerte lange bis ich die amerikanische Staatsangehörigkeit erhielt. Das war 1975. Ich war froh, aber es fühlte sich falsch an. So, als würde ich meine Heimat verraten.

Anders als die meisten meiner Freunde im Exil war ich politisch liberal eingestellt. 1979 kehrte ich mit einer Gruppe linker junger Exilanten nach Kuba zurück und half Häuser für Arbeiter aufzubauen. Ich wollte herausfinden, ob meine Eltern einen Fehlern gemacht hatten, als sie das Land verließen und mich mitnahmen. Könnte ich auf Kuba leben?

Die Antwort, nach einem ersten emotionalen Rückfall, war: Nein! Der Preis dafür, die fehlende Freiheit, war zu hoch. Als ich Kuba verließ, fühlte ich mich Kubanischer als jemals zuvor, aber zugleich auch mehr vertrieben. Ein halbes Dutzend Mal kehrte ich nach Kuba zurück, immer als Reporter für das Wall Street Journal, das letzte Mal im Jahr 1993.

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Besuch nach 22 Jahren

Dann stellte ich fest, dass es nichts Neues mehr gibt, das ich lernen könnte. Der Totalitarismus war offensichtlich. Nichts änderte sich. Ich hatte keine Familie mehr auf der Insel. Und mit der Idee, nach Kuba zu kommen, um dort Urlaub zu machen, konnte ich mich nicht anfreunden. Nach meinem letzten Besuch machte mir die kubanische Regierung klar, dass sie mir kein Journalistenvisum mehr ausstellen werde. Es sollte 22 Jahre dauern, bis ich Kuba wiedersehen würde.

Eigentlich war ich sogar ganz zufrieden mit meinem Einreiseverbot. Es machte vieles einfacher – für beide Seiten. Sowohl ich als auch die kubanische Regierung wussten genau, wo wir stehen. Heute bin ich mir da nicht mehr so sicher. Jetzt habe ich wieder einen Fuß auf der Insel, an deren Vergessen ich so lange und so hart gearbeitet hatte. Jetzt gibt es wieder die Möglichkeit, die Vergangenheit, der ich entkommen war, zur Zukunft zu machen.

Alte Chevys mit jungen Touristen

Wenn ich durch die Straßen Havannas spaziere, erinnert es mich an eine Stadt unter Belagerungszustand. Es macht mich verrückt, das Getümmel der Touristen in dieser zerstörten Stadt zu sehen, die in deren Ansicht den Garten Eden vor dem Fall verkörpert. Als sei das unterdrückende, totalitäre System, das das Land Jahrzehnte in seiner Entwicklung zurückgeworfen hat, ästhetischer und moralisch einwandfreier als die McDonald’s-Filialen, von denen die Touristen befürchten, sie würden bald an jeder Ecke der Stadt entstehen.

Vor ein paar Monaten erlaubte mir die kubanische Regierung mit einem speziellen Visum einzureisen, damit ich meine Geburtsurkunde abholen konnte, die ich brauchte, um meinen Ausweis zu verlängern. Als ich das Dokument hatte, stand ich an der berühmten Malecón, der Ufermauer, und beobachtete die alten Chevys mit jungen Touristen, die an mir vorbeisausten. Ich verspürte plötzlich den Drang, die Dokumente an Ort und Stelle zu verbrennen, die Insel zu verlassen und nie wiederzukommen.

Bei meinem jetzigen Besuch, dem dritten mit meinem neuen Ausweis, entschloss ich mich dazu, tiefer in meine Vergangenheit einzutauchen. Ich wollte nach Camagüey, zu der Zuckermühle, an Orte, die eine zentrale Rolle in der Geschichte meiner Familie spielen. In der Mythologie. Ich weiß noch nicht, was ich finden werde.

Kuhdung, Zuckermelasse und Schweiß

Um dorthin zu gelangen, muss ich 300 Meilen fahren. Immer Richtung Osten, auf Kubas Highway, durch langweilige Ebenen, die so platt sind wie Kansas. Nur selten ragt mal eine Palme in den Himmel oder zieht eine Herde Buckelrinder vorbei. Auf dem Weg gibt es nur wenig zu sehen. Ich erinnere mich an ein Sprichwort, das einem US-Abgesandten aus den 30er Jahren in den Mund gelegt wird: „Kuba ist Havanna, der Rest ist nur Landschaft.“

Ein großer Teil des Landes, auf dem einst Rohrzucker gedieh, wurde geschluckt vom „marabú“, einem dicken, dornigen und undurchdringbaren Busch, der nur schwer auszurotten ist. Hin und wieder sieht man einen Fußgänger unter einem großen Strohhut am Straßenrand, der versucht an der wichtigsten Verkehrsader des Landes ein paar Zwiebeln oder Käsestücke an die paar Autofahrer zu verkaufen, die hier vorbeikommen.

Camagüey, das Land der Buckelrindfarmen und Zuckerplantagen, ist das Texas Kubas. Es riecht nach Kuhdung, Zuckermelasse und Schweiß. Nach Blut und Ehre. Hier kämpfte die Kavallerie gegen Macheten schwingende Mambises, wie die Rebellen genannt wurden, die gegen die spanischen Truppen während Kubas erstem – sieglosen – Unabhängigkeitskrieg im 19. Jahrhundert antraten. Die Camagüeyanos, zu denen auch einige Mitglieder meine Familie zählten, spielten eine führende Rolle bei der Rebellion.

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Gespenster lauern an jeder Ecke

Mein erster Stopp ist die Stadt Camagüey, die mittlerweile ein Unesco Weltkulturerbe ist. Ein hübscher, verschlafener Ort im kolonialen Stil. Im Gegensatz zu Havanna sind hier die Straßen sauber und die Bürgersteige intakt. Ich besuche die Künstler Joel Jover und Ileana Sánchez. Sie warnen mich vor. Senado sei in einem schlechten Zustand. „Der Ort liegt in Trümmern“, sagt Jover. „Senado ist eine Geisterstadt.“

Am nächsten Morgen mache ich mich auf den Weg. El Senado, die Mühle, heißt heute Noel Fernández, benannt nach einem Jungen aus der Nachbarschaft, der sich 1959 den Revolutionsgarden anschloss und sich aus Versehen selbst tötete, als er versuchte einen Zug zu kidnappen. Sein Name steht in großen Buchsstabe auf einem Schornstein, der über die verlassene Mühle ragt. Für mich ist Senado nicht nur eine Geisterstadt. Für mich lauern Gespenster an jeder Ecke.

Die Mühle, deren Name übersetzt Senat heißt, wurde 1882 von meinem Ur-Ur-Großvater gegründet, Bernabé Sánchez Adan, von allen nur Papa Né genannt. Papa Né war ein großer Bewunderer der Demokratie in den USA. Seine erste Mühle nannte er Kongress.

100 uneheliche Kinder

Familienfotos zeigen ihn, einen kräftig gebauten Mann, mit einem großen weißen Schnauzbart in einem weißen Leinenanzug vor seinem Schreibtisch. Bernabé war zweimal verheiratet, und, glaubt man dem Klatsch und Tratsch der Familie, hatte er mehr 100 uneheliche Kinder. Daher sein Spitznamen: Der Löwe von Camagüey.

Das mag übertrieben sein. Aber als Papa Né 1926 starb, tauchten zwei junge Männer auf, die behaupteten seine Söhne zu sein. Das erzählt Raul Barrera, ein früherer Lehrer, der ein bislang unveröffentlichtes Buch über El Senado geschrieben hat. Die Söhne von Bernabé hätten jedem der beiden 10.000 Dollar gegeben, damit sie verschwinden, heißt es.

Vor der Revolution blühte die Mühle auf. Ein ganzer Ort entstand. Es gab eine kleine private Landebahn, eine katholische Kirche wurde errichtet, ausgestattet mit einem Altar und Statuen aus Frankreich, ein Kino mit bequemen Sesseln kam hinzu und der Senado-Tennis-Club, dessen ganzer Stolz ein Platz aus Mahagoni war.

Die Mühle hatte ihren eigenen kleinen Park zum Flanieren. Ein Baseball-Team, das sogar zwei Spieler an die Washington Senators abgab. Roberto “The Giant” Ortiz spielte neun Jahre in der höchsten Liga. Sein jüngerer Bruder, Oliverio “Baby” Ortiz, immerhin ein Jahr.

Die Tochter der Französischlehrerin

Im Jahr 1958 war El Senado die effizienteste und wichtigste familiengeführte Mühle auf Kuba. Sie produzierte 65.000 Tonnen Zucker. Aber schon lange davor hatte meine Familie die Kontrolle über die Mühle abgegeben. Mein Ur-Großvater, Papa Nés zweiter Sohn, Pedro Sánchez Batista, der die Mühle führte, war nach Havanna gezogen.

Wie in einer romantischen Novelle aus dem 19. Jahrhundert ist der Grund für den Verlust der Mühle eine junge Frau, die in unserer Familienhistorie immer nur die „Tochter der Französischlehrerin“ genannt wird.

Jahre zuvor hatte Papa Né eine Lehrerin aus dem fernen Frankreich in die Wildnis von Camagüey einschiffen lassen, um meinen Großtanten die Sprache der höflichen Umgangsformen beizubringen. Die Lehrerin hatte eine junge Tochter, Elizabeth. Nach dem Tod seiner ersten Ehefrau verliebte sich Papa Né in die deutlich jüngere Elizabeth. Sie heirateten schnell und hatten sechs gemeinsame Kinder. Als Papa Né starb, sorgte Elizabeth dafür, dass ihre Kinder sich im Streit um das Erbe durchsetzten. Und so wurden die französischen Sánchezes, wie wir sie nennen, immer mächtiger.

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Der Sugar-Daddy von New York

Emilio, ein Sohn von Papa Né und Elizaeth, der der Verwalter von Senado wurde, war als Lebemann verschrien. Er liebte das Nachtleben in New York. Sein Bruder Jorge galt als „Sugar Daddy“, die Boulevardblätter berichteten über ihn, wie er 100-Dollar-Noten in die tiefen Ausschnitte von Show-Girls steckte. Und dann war da noch Emilio, ein bejubelter Sportfischer, der mit Ernest Hemingway abhing.  

Obwohl Emilio es war, der die Geschäfte der Mühle führte, blieben zwei meiner Ur-Onkel in El Senado und lebten in hölzernen, typisch amerikanischen Hütten, die an Lebkuchenhäuser erinnerten.

Und jetzt bin ich hier, spaziere an den Häusern vorbei und frage mich, ob noch irgendwelche Leute von früher hier leben. Und ich habe Glück. Ein Gesundheitsarbeiter, der von Haus zu Haus geht, um die Nachbarn über die Gefahren des Zika-Virus’ aufzuklären, stellt mich Roberto Miranda vor. Der 72-Jährige gilt als der inoffizielle Ortshistoriker.

"Ich habe Gänsehaut"

Ich erzähle Herrn Miranda, einem dünnen Mann, der am Stock geht, dass ich der Ur-Ur-Enkel von Papa Né bin. Es ist ein Schock für ihn. „Schau“, sagt er und zeigt auf seinen Arm. „Ich habe Gänsehaut.“ Dann weint er. Jetzt bekomme ich Gänsehaut. Gerade hat er realisiert, dass sein Vater ein Jagdfreund meines Vaters war. „Ich war sehr klein, aber Ihr Vater kam oft in unser Haus“, sagt Miranda.

Er humpelt ins Haus und kommt zurück mit einem Haufen alter vergilbter Fotos von der Mühle aus ihren besten Zeiten. Er hat keine Bilder von meinem Vater, aber ich erinnere mich an ein paar Fotos, die meine Mutter von ihm hatte. Ein attraktiver Mann, überall beliebt, dessen einziger Fehler es war, immer zu spät zu kommen, wie meine Mutter sagte.

Alfredo Rodriguez, 53, der einst die Zuckersäcke in der Mühle gewogen hatte, öffnet die Tür zu einem der Lebkuchenhäuser, in dem er wohnt. Seinen mächtigen Bauch zeigt er freudig der Sonne. Er erinnert sich an einem Tag vor ein paar Jahren. Da sei der Sohn eines ehemaligen Verantwortlichen für die Mühle hier erschienen, der einst in seinem Haus lebte. Er wollte sich umschauen, in Erinnerungen schwelgen. Er versprach Rodriguez mit ihm beim nächsten Besuch Bier trinken zu gehen. Aber er kam nie wieder.

Das verfallene Haus mit zugenagelten Fenstern

Noch mehr Gespenster warten am nächsten Tag. Obwohl die meisten Häuser von damals längst zerstört sind, erinnert sich Herr Miranda daran, dass das Haus einer meiner Tanten noch existiere. Ein großes Chalet, am Ende einer Straße gezäumt von Mangobäumen. Aber wie sollte es anders sein. Es ist eine Ruine.

Wie meine Großeltern in Havanna, hatten auch meine Verwandten in Senado die Schlüssel an Bekannte übergeben, kurz nachdem die Unternehmen enteignet wurden. An den Gärtner und seine Frau. Beide leben noch hier, auch wenn es ihnen nicht gut geht. Sie leben in einem verfallenen Haus mit zugenagelten Fenstern. Nelson Larquín, jetzt in seinen Achtzigern, kraucht an seinen Krücken. Aber er erinnert sich an die Orchideen im Garten des Hauses, wie er Tomaten pflanzte in Reih und Glied und zu Pferd auf die Jagd ging mit dem Sohn meines Großonkels, der so alt war wie er.

„Er war es, der uns das Haus übergab“, sagt Larquín. Und meint meinen Großonkel. „Er sagte: Wir verlassen Kuba, Du solltest hier mit Deiner Familie einziehen.“ Vorübergehend wurde das Haus das Hauptquartier des lokalen Komitees der Revolutionsgarde, einer Art Spitzeltruppe, die ein Auge auf die Bewohner haben sollte, um herauszufinden, ob es Aktivisten gebe, die gegen Castro seien. „Wir sind Revolutionäre. Immer noch“, sagt seine Frau, Ofelia, 80 Jahre alt. Und dann sagt sie: „Aber das Haus kollabiert.“

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Ohne Zucker, kein Land

Mit Ausnahme einer Frau aus dem Rathaus, die mich skeptisch beäugt, erfahre ich überall Gastfreundschaft in Senado. Zumindest ein bisschen. Auch wenn ich ein Exilant bin. Aber fast jeder hier hat einen Bruder, eine Schwester, eine Mutter oder einen Vater, einen Sohn oder eine Tochter, irgendeinen Verwandten der außerhalb des Landes wohnt – und Geld an die Verwandten in der Heimat schickt. Für die meisten Familien, die einst so bitter durch die Revolution getrennt wurden, sind die Fehden längst begraben.

Kuba war einst der weltgrößte Zuckerexporteur. Ein populäres Sprichwort aus den frühen 20er Jahren, dem goldenen Zeitalter des Zuckers, lautet: „sin azucar no hay pais“. Ohne Zucker, kein Land. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion, die kubanischen Zucker zu hochsubventionierten Preisen kaufte, brach folglich auch die gesamte Produktion ein. Die Produktion fiel von 8,4 Mio. Tonnen im Jahr 1990 auf 1,6 Mio. Tonnen in 2013. Schon 2002 waren mehr als zwei Drittel der ursprünglichen 156 Mühlen stillgelegt.

Die Mühle stirbt mit einem Pfeifton

El Senado schloss im Jahr 2001, nach der letzten Zuckerernte. Für die Gemeinde war das ein herber Schlag“, sagt Francisco Viñas, der Dekan der katholischen Gemeinde. „Zucker war ihr Leben.“

Margarita Amador, eine Lehrerin, die in der Garage des Poolhauses von Emilio Sánchez wohnt, erinnert sich an den letzten Tag der Mühle, als wäre es gestern gewesen. „Der letzte Pfeifton erklang um 11 Uhr am Morgen des 30. Mai 2001“, sagt sie. Es habe geklungen wie der immerwährender Abschied. Erst habe eine Lokomotive gepfiffen, dann haben die anderen mit eingestimmt. Und am Ende ertönte auch die Pfeife der Mühle. Das Pfeifen dauerte so lange, bis es erstarb, weil nicht mehr genug Druck auf den Kesseln war.

In den folgenden Jahre wurde die Mühle in ihre Einzelteile zerlegt und an andere Mühlen auf Kuba versandt. Im Jahr 2002 wurde die Mühle zu einer Werkstatt für gebrauchte Geräte, die Kuba dann nach Venezuela verkaufte, um dort die Zuckerindustrie voranzutreiben.

Einige Arbeiter aus El Senado reisten mit den Geräte nach Venezuela, um dort die Maschinen wieder aufzubauen, erzählt Mario Rodríguez, 57, der die Operation anführte. Seit 1980 hatte er in El Senado gearbeitet. Er wurde später der Aufseher der geplünderten Anlage. Jetzt ist er auch weg.

Barrera, der Historiker, sagt, er hoffe, dass wenigstens der Schornstein erhalten bleibe. Der habe etwas Spirituelles. „Er soll bleiben, als Erinnerung.“ Nicht so wie La Illusion, das Lebkuchenhaus, das ich hoffte zu finden. Aber es war zerstört.

Copyright The Wall Street Journal 2017


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