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Der beste Film zur Finanzkrise

, Nils Kreimeier

"The Big Short" schafft es, den Crash von 2007 und 2008 für ein großes Publikum verständlich zu machen. Die Macher bedienen sich dafür einer raffinierten Methode.

Christian Bale – als Hedgefondsmanager Michael Burry
Christian Bale – als Hedgefondsmanager Michael Burry - Foto: Paramount Pictures

Es gibt zwei Glaubenssätze, die in fast jedem Gespräch über die große Finanzkrise von 2007/2008 vorkommen. Der eine besagt, niemand habe das Ausmaß der Katastrophe erahnen können, die da auf die Welt zurollte. Der andere lautet, die "Produkte" der Finanzwelt seien in jenen Tagen so komplex geworden, dass nicht einmal die Banker selbst sie mehr verstanden hätten.

Beide Behauptungen sind grundfalsch, und es ist das große Verdienst des Films "The Big Short", nach allen Regeln der Kunst mit ihnen aufzuräumen. Oh ja, es war durchaus möglich, den Crash der Wall Street und aller angeschlossenen Märkte vorauszusehen. Und wer sich ein wenig Mühe gab, konnte auch die immer heißer werdenden Schrottpapiere als solche erkennen - und dementsprechend handeln. "The Big Short" ist die wahre Geschichte einer kleinen Gruppe von Profis, die gegen den als unerschütterlich geltenden US-Häusermarkt wetteten und dabei mit gesundem Menschenverstand auskamen. Der Regisseur Adam McKay, der auch am Drehbuch mitgeschrieben hat, entlarvt die angeblich so schwer durchschaubare Finanzwelt auch als einen Ort der Schaumschlägerei, dessen Regeln umso einfacher sind desto komplizierter die Namen der Wertpapiere ausfallen.

Selena Gomez als Casino-Queen

Die Verfilmung des gleichnamigen Buchs von Michael Lewis, eines Wirtschaftsjournalisten, der einst selbst als Investmentbanker gearbeitet hat, ist immer dann am besten, wenn sie bewusst didaktisch wird. Eigentlich lässt sich ja niemand im Kino gern belehren, aber hier gerät die Lektion in Finanzmathematik zu einem Heidenspaß. Wenn die Society-Queen Selena Gomez den Zuschauern anhand eines Casino-Besuchs erklärt, wie CDOs funktionieren, dann ist das ein brillantes Stück Aufklärung. Wer danach noch behauptet, er durchschaue diesen Finanzkram nicht, der ist entweder faul oder er hat nicht zugehört.

Eindringlich sind auch die Szenen, in denen der Fondsmanager Mark Baum (im wirklichen Leben: Steve Eisman) und sein Team ihre Büros verlassen, um sich in den Weiten Amerikas die Kolonnen an leer stehenden Häusern anzusehen. Während die Kreditverträge an der Wall Street noch mit höchstem Ranking gehandelt werden, rotten die ihnen zugrunde liegenden Gebäude schon vor sich hin. Der ganze Wahnsinn der Immobilienblase wird hier sichtbar, er spiegelt sich in den Augen von Steve Carell, der den Banker Baum so schnoddrig und zugleich verletzlich spielt wie vermutlich noch nie ein Finanzprofi im Kino dargestellt worden ist.

Allgemeiner Realitätsverlust

"The Big Short" profitiert von seinen herausragenden Darstellern. Co-Produzent Brad Pitt spielt beeindruckend uneitel eine Nebenrolle als verschrobener Finanz-Guru, Christian Bale einen genialen Zahlenfresser am Rande des Wahnsinns und Ryan Gosling den vielleicht elegantesten Gierschlund seit Michael Douglas. Aber der Film braucht die Schauspieler nicht, um gut zu sein. Regisseur McKay kann auf seine starke Story vertrauen, und er tut das auch. Mit dokumentarischer Präzision gibt er ein unglaubliches Stück Wirtschaftshistorie wieder und zieht damit alle Schleier von diesem Ereignis. Erfreulicherweise verzichtet die Erzählung weitgehend auf Finanzkrisen-Pathos. Die kleinen Leute als Opfer des Crashs kommen vor, aber sie werden dem Zuschauer nicht aufs Auge gedrückt. McKay geht es nicht um einen Konflikt zwischen Wall Street und "einfachen Menschen", sondern um eine Gesellschaft, die insgesamt das Gefühl für die Realität verloren hatte. Mit Ausnahme einer kleinen Gruppe von Bankern.

"The Big Short" ist ohne Zweifel der bisher beste Film über den Crash. Amerika zeigt uns, dass es nicht nur gut darin ist, die großen Finanzkrisen auszulösen. Es kann sie auch immer noch am besten erklären.

"The Big Short" startet am 14. Januar in den deutschen Kinos.


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