• Facebook
  • Twitter
  • Google Plus
  • Management

Denkräume schaffen Kreativität

, Sascha Friesike und Oliver Gassmann

Kreativität gehört zum Arbeitsalltag. Aber unsere Büros fördern den Einfallsreichtum der Mitarbeiter nicht. Von Sascha Friesike und Oliver Gassmann

Büro
Kreativ sollen die Mitarbeiter sein, doch ihre Arbeitsumgebung lädt nicht unbedingt dazu ein

Sascha Friesike (l.) und Oliver GassmannSascha Friesike ist Professor für Betriebswirtschaftslehre an der Universität Würzburg und forscht zudem am Alexander von Humboldt Institut für Internet und Gesellschaft in Berlin. Oliver Gassmann ist Professor für Technologie- und Innovationsmanagement an der Universität St.Gallen und Vorsitzender der Direktion des dortigen Instituts für Technologiemanagement. 


Wir leben in einer Welt, in der die Fähigkeit immer wichtiger wird, sich selbst aus Problemen zu befreien, Gedanken neu zu kombinieren und Ideen zu entwickeln. Vorbei ist die Zeit von Lebensmodellen, in denen man einer Ausbildung nachging und anschließend bis zum Ruhestand ein und denselben Beruf ausübte. Und vorbei sind die Zeiten, in denen Mitarbeiter klare Aufgaben bekommen, die eine nach der anderen abgearbeitet werden müssen. Kreativität ist inzwischen ein elementarer Bestandteil unserer Arbeitswelt. Unternehmen – wie deren Angestellte – müssen täglich neue Wege finden, um auf unsere Probleme zu reagieren.

Es gibt eine Vielzahl an wissenschaftlichen Studien, die sich mit unserer Kreativität auseinandersetzen. Doch viele Ergebnisse finden nicht ihren Weg in unseren Arbeitsalltag. Marilyn Oppezzo und Daniel Schwartz beispielweise führten eine Studie zum Zusammenhang von Bewegung und Kreativität durch. Im Grunde müssten wir unsere Meeting-Kultur grundsätzlich überdenken, denn die beiden zeigten, dass das Laufen unser kreatives Vermögen um 60 Prozent steigern kann. Dabei ist es ganz egal, wo man läuft. Ein Spaziergang durch die Büros steigert die Kreativität nicht minder als ein Spaziergang unter freiem Himmel.

Die Forscher haben Probanden in einem langweiligen Raum auf ein Laufband gestellt und selbst hier war die Zunahme an Kreativität beachtlich. Während und kurz nach dem Laufen waren die Studienteilnehmer besser darin, komplexe Analogien zu finden und auch besser darin, neue Verwendungszwecke für einen bekannten Gegenstand zu erdenken. Wer im nächsten Meeting also nicht weiter kommt, sollte die Kollegen vielleicht zu einem Spaziergang animieren.

Büros selbst gestalten

Buchcover "Kreativcode"
"Kreativcode" von Sascha Friesike und Oliver Gassmann ist bei Hanser erschienen

Es gibt etliche Untersuchungen, die sich mit dem Zusammenhang von Büroausstattung und Kreativität auseinandersetzten. Einige Ergebnisse überraschen vermutlich kaum wie etwa die Erkenntnis, dass sich Büros mit Fenstern positiv auf die Kreativität auswirken. Doch ein Ergebnis stellt unsere grundsätzliche Handhabung von Büroeinrichtungen infrage. So zeigt eine Studie von Jan Dul, dass Mitarbeiter, die ihr Büro selbst einrichten durften, entschieden mehr Kreativität verspüren als diejenigen, die in einem Büro arbeiten, das jemand anders eingerichtet hat.

Verblüffend also, dass wir unseren Arbeitsalltag in Räumen verbringen, die uns nicht entsprechen, in denen Möbel stehen, die wir nicht ausgesucht haben und die wir auch nicht besonders ansprechend finden. Die wenigsten Firmen treten mit ihren Mitarbeitern in einen Dialog darüber, wie diese sich ihr Büro wünschen würden. Und selbst wenn, so darf nur aus einer engen Vorauswahl ausgesucht werden. Vergleicht man die Kosten für Gehälter mit denen für die Büroeinrichtung, so haben sich Investition in Möbel, die den Mitarbeiter motivieren, schnell gerechnet.

Wir unterscheiden uns alle darin, wie es uns liegt zu arbeiten. So kann man etwa die beiden Formen der Auftischer und Untertischer unterscheiden. Auftischer bevorzugen es, ihre Materialien vor sich zu drapieren, Stapel gleichartiger Dinge zu bilden und so im Sitzen das komplette Arbeitsfeld im Blick zu haben. Untertischer hingegen arbeiten in erster Linie mit ihrem Hängeregister oder Aktenschrank. Jedes Dokument hat einen finalen Ort an dem man es schnell findet und es wird nur dann herausgezogen, um es zu bearbeiten. Wer Mitarbeitern vorschreibt, wie sie sich selbst zu organisieren haben, läuft Gefahr, deren Individualität und damit deren kreative Prozesse zu unterjochen. Selbstbestimmung und die Freiheit der eigenen Umgebungsgestaltung schaffen den notwendigen Nährboden für Kreativität. Wer kann sich eine Künstlerin vorstellen, die ihr Atelier nicht nach ihren eigenen Vorstellungen nutzen darf?

Licht und Kreativität

Selbst das Licht in unseren Büros hat einen gewaltigen Einfluss auf unsere Kreativität, wie eine Studie von Lioba Werth zeigt. So fördert Dämmerlicht kreatives Denken, während sehr helles Licht unsere analytischen Fähigkeiten unterstützt. In einem Experiment sollten Teilnehmer einen Außerirdischen zeichnen. Im Dämmerlicht von 150 Lux entstanden ausgefallene, abstrakte Kreaturen, bei heller Beleuchtung von 1500 Lux waren die Zeichnungen viel menschenähnlicher, detaillierter und weniger fantasiereich. Nur selten machen wir uns klar, dass die Beleuchtung unser Denken beeinflusst. Die weit verbreitete Neonröhre in heutigen Bürowelten erschwert wahre Kreativität. Denn oft kann weniger Licht für mehr Erkenntnis sorgen.

Für vieles, was uns kreativer macht, haben wir selbst ein ganz gutes Gefühl. So schrieb der Journalist Harald Martenstein in einem Artikel für die „Zeit“, dass er zum Schreiben gerne das Licht ausmacht. Wir müssen mit unseren Mitarbeitern und Vorgesetzten jedoch das Gespräch darüber suchen, dass Kreativität nicht nur gewünscht werden kann, sondern auch durch die entsprechende Freiheit unterstützt werden muss.


Artikel zum Thema

LESERKOMMENTARE

 

Kommentare Einblenden

Datenschutz

Die Kommentarfunktion "Disqus" wird von der Big Head Labs, Inc., San Francisco/USA., zur Verfügung gestellt. Weitere Informationen, insbesondere darüber, ob und wie personenbezogene Daten erhoben und verarbeitet werden, finden Sie in unseren Datenschutzbestimmungen.

Moderation

Die Kommentare werden von Capital moderiert. Das heißt, Kommentare werden von der Redaktion freigeschaltet. Kritik und auch in der Sache harte Diskussionen sind willkommen, Beleidigungen werden wir dagegen nicht zulassen. Näheres hierzu finden Sie in unserer Netiquette.