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  • Interview

"Trump stellt China vor eine enorme Herausforderung"

, von Georg Fahrion

HSBC-Ökonom Neumann über Trumps China-Politik und die neue Rolle Pekings in der Weltwirtschaft.

Mann mit Trump-Maske aus China © Getty Images
Das Original kommt aus Amerika, die Trump-Maske wird in China hergestellt

Herr Neumann, US-Präsident Donald Trump hat im Wahlkampf gegen China Stimmung gemacht. Befürchten Sie, dass es auf einen Handelskrieg der beiden größten Wirtschaftsnationen der Welt hinausläuft?

Das war der Sound im Wahlkampf. Doch am vergangenen Donnerstag hat Trump mit dem chinesischen Präsidenten Xi Jinping telefoniert. Er hat bestätigt, dass seine Regierung die One-China-Policy respektieren werde, was eine Zeit lang in Frage stand. Das ist ein Zeichen der Entspannung. Was wirtschaftliche Fragen angeht, hat Trump seit seiner Amtseinführung über China dagegen öffentlich noch nichts gesagt. Die Japaner haben was zu hören bekommen, die Mexikaner, die Deutschen. Mit allen diesen Staaten haben die USA ein Außenhandelsdefizit, doch das mit Abstand größte Ungleichgewicht besteht mit China. Es gibt einen kleinen Hoffnungsschimmer, dass Trump sich mit den Chinesen an den Tisch setzt und versucht, ein bilaterales Abkommen zu verhandeln – das etwa dazu führen könnte, amerikanische Exporte nach China zu steigern, anstatt chinesische Exporte in die USA durch Zölle zu senken. Die Frage ist, ob Trump dafür pragmatisch genug ist.

Wie bereiten sich die Chinesen auf die Trump-Ära vor?

Trump stellt die Chinesen vor eine enorme Herausforderung. Sie kommt zu einem ganz prekären Zeitpunkt, wo in China das Modell, die eigene Wirtschaft durch Kreditzuwachs anzukurbeln, langsam ausläuft. Die Verschuldung ist inzwischen sehr hoch.

Außerdem ist ja langsam ausgereizt, was man da an Infrastruktur überhaupt bauen kann.

Das stimmt so nicht. Man macht sich immer ein Bild von Peking, Shanghai, Shenzhen, Chongqing. Das ist aber nicht das ganze Bild. Es gibt in China ungefähr 150 Millionenstädte. Davon hat nicht mal die Hälfte eine U-Bahn. Gerade im Vergleich mit den USA ist die Infrastruktur pro Kopf in China immer noch relativ gering. Da könnte man schon noch mehr bauen. Zudem schaut China mittlerweile sehr genau auf den Verschuldungsgrad.

China hat ein Interesse am Freihandel

Laufen wir auf einen chinesischen Crash zu, die sogenannte harte Landung?

Die hohe Verschuldung bedeutet nicht, dass dort innerhalb der nächsten Jahre eine Finanzkrise entstehen muss. Man kann die Schulden bloß nicht noch ewig weiter in die Höhe treiben, um die Wirtschaft anzukurbeln. Stattdessen könnte China wieder zu mehr Exporten übergehen, damit sich die lokale Wirtschaft erholen kann. Nur stehen einem höheren Export strukturelle Hindernisse entgegen.

Was heißt das, strukturelle Hindernisse?

Seit China 2001 der WTO beigetreten ist, gab es keine großen Handelsabkommen mehr, keine weitere Liberalisierung. Ein paar bilaterale Verträge, aber kein großer Push. Stattdessen sehen wir seit der Weltfinanzkrise einen Anstieg des Protektionismus. Zweitens sinkt die Nachfrage nach asiatischen Produkten. Ein Drittel der asiatischen Exporte kommt aus dem Bereich der Consumer Electronics. Aber heute hat jeder schon ein Smartphone. Der Markt für PCs und Laptops schrumpft seit Jahren.

Wenn es im Sinne Chinas ist, den Protektionismus abzubauen, um selber wieder mehr exportieren zu können, dann müsste China umgekehrt auch den eigenen Markt öffnen. Es gibt dort Marktverzerrungen durch Subventionen, Handelsbarrieren, Begünstigung heimischer Unternehmen bei öffentlichen Ausschreibungen...

Man könnte sogar noch weitergehen und argumentieren, dass die Chinesen ein Interesse haben, die Einfuhrbarrieren sogar asymmetrisch zu reduzieren. Das Vorbild wären die USA nach dem Zweiten Weltkrieg. Die haben damals gesagt: Wir öffnen unseren Markt weiter als alle anderen, denn das bringt die kleineren Länder dazu, zuzustimmen. Der stärkste Markt muss vorangehen. Nur auf diese Weise kann China etwa RCEP zu einem Erfolg machen. (Anm. d. Red.: RCEP = Regional Comprehensive Economic Partnership, eine geplante Freihandelszone der zehn Asean-Staaten mit China, Indien, Japan, Südkorea, Australien und Neuseeland.)

Führungsrolle kommt zu früh für China

China hat aber eher ein enges Verständnis von nationalen Interessen. Auch der Zeitgeist ist ja weniger die Durchsetzung von Normen als der unmittelbare eigene Vorteil.

Natürlich wäre es wünschenswert, wenn China in einem Moment, wo die USA sich offenbar zurückziehen, mehr Führung übernimmt. Es ist aber zu früh, um zu beurteilen, ob und in welchem Umfang das geschieht.

Chinas Präsident Xi Jinping hat auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos gerade eine vielbeachtete Rede gehalten. Er gab sich sehr offen, liberal, deutete an, China sei bereit, Führung zu übernehmen. Was an dieser Rede war Blendwerk, was ist ernst zu nehmen?

Ich glaube, der Wahlausgang in den USA hatte dazu beigetragen, dass Xi Jinping die Rede in Davos so gehalten hat. Sonst wäre diese Rede wahrscheinlich erst in zwei, drei, vielleicht in vier Jahren gekommen. Seine Statements entsprechen allerdings den Zielen Chinas.

Inwiefern?

China hat wirklich ein großes Interesse, das offene globale Handelssystem zu erhalten. Objektiv gesehen müssen sie das, so investiert sind sie darin. Bloß ist es für die Chinesen eigentlich zu früh, eine Führungsrolle zu übernehmen. Sie stehen unter großem Reformdruck: Sie müssen die Staatsunternehmen sanieren, ihre Verschuldung reduzieren, um sie robuster zu machen. In mancher Hinsicht hat China ähnliche Probleme wie die USA. Im Nordosten gibt es einen Rust Belt. Da besteht das Risiko einer erhöhten Arbeitslosigkeit, wenn man Zölle senkt und die Märkte öffnet. Das ist innenpolitisch sehr schwierig. Dazu kommt der anstehende politische Wechsel: Im Herbst wird ein neues Politbüro bestimmt. 2017 wird ein politisch sensibles Jahr für die Chinesen...

...wie auch für uns Europäer. Welche Rolle spielen wir in dieser Gemengelage?

Für Europa bietet die Lage auch Chancen. Man darf nicht vergessen, dass der Kontinent sich 2016 wirtschaftlich stark erholt hat. Die Eurozone ist schneller gewachsen als die USA. Der Brexit ist natürlich eine Herausforderung. Aber vielleicht liefert er auch den Anstoß für wichtige EU-Reformen. Wenn wir davon ausgehen, dass es bei den Wahlen in einigen europäischen Ländern zu keinen weiteren Überraschungen kommt; wenn Deutschland und Frankreich neue Regierungen mit einem Vierjahresmandat haben – dann sind wir eigentlich auf einem guten Weg, uns in Europa wieder den wichtigen Fragen zuwenden.

Die da wären?

Warum kein europäisch-asiatisches Freihandelsabkommen? Europa kann durchaus Brücken nach Asien bauen. Wenn Xi in Davos sagt, wir wollen mitmachen – wieso macht Europa keinen Deal mit China? Wo die USA sich zurückziehen, öffnen sich Türen in Asien, die früher vielleicht verschlossen waren. Ja, so könnte es für Europa doch gut ausgehen.


Frédéric Neumann ist Managing Director und Chefökonom für Asien bei HSBC. Zuvor lehrte er unter anderem an der John Hopkins University und der Wharton Business School und forschte am Peterson Institute for International Economics. In Hamburg aufgewachsen, lebt der gebürtige Luxemburger seit elf Jahren in Hongkong.Frédéric Neumann ist Managing Director und Chefökonom für Asien bei HSBC. Zuvor lehrte er unter anderem an der John Hopkins University und der Wharton Business School und forschte am Peterson Institute for International Economics. In Hamburg aufgewachsen, lebt der gebürtige Luxemburger seit elf Jahren in Hongkong.



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