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  • Kolumne

„Auf dem Ölmarkt gelten neue Regeln“

, Nils Kreimeier

Bis 2014 war Christof Rühl Chefökonom des Ölriesen BP – heute arbeitet er für den Staatsfonds der Vereinigten Arabischen Emirate. Ein Gespräch mit dem Energieexperten über den gefallenen Ölpreis und die Sorgen der Förderländer.

Christoph Rühl © Marco Urban/Süddeutsche Zeitung Photo
Christoph Rühl

Christof Rühl gilt als einer der führenden Ökonomen im Energie- und Rohstoffbereich. Er ist seit 2014 Global Head of Research von Adia, dem Staatsfonds der Vereinigten Arabischen Emirate. Zuvor arbeitete Rühl als Chefökonom bei BP und vertrat die Weltbank in Moskau.


Capital: Wir haben in den vergangenen Monaten einen dramatischen Verfall des Ölpreises erlebt. Warum eigentlich?

Christof Rühl: Wir haben seit Sommer 2014 mehr Produktion als Nachfrage. Und ein Grund dafür, vielleicht der wichtigste, ist die Schieferöl-Revolution in den USA. Wenn es die krisen- und kriegsbedingten Unterbrechungen des Angebots nicht gegeben hätte, wäre der Ölpreis schon viel früher zusammengebrochen. Nun stand die Opec vor einem ganz simplen Entscheidungsproblem. Entweder man kürzt die Produktion, dann steigen die Preise wieder, oder man kürzt sie nicht. Die Opec dachte, sie könnte die Ausweitung der amerikanischen Produktion durch einen temporären Preisverfall beschränken. Die teuersten nordamerikanischen Schieferölproduzenten sollten vom Markt gedrückt werden.

Aber diese Strategie ist ja offenbar nicht aufgegangen.

Wenn das Ziel Saudi-Arabiens war, den Verlust von Marktanteilen zu vermeiden, dann ist das so halbwegs gelungen. Der amerikanische Marktanteil ist nicht mehr gestiegen. Aber der saudische Marktanteil ist eben auch noch nicht hochgegangen. Der entscheidende Moment kommt erst noch, nämlich dann, wenn die Preise wieder hochgehen. Dann kommt es darauf an, wie schnell die Schieferölproduzenten wieder in der Lage sind zu produzieren. Die Ironie ist: Je schneller sie reagieren, desto rascher wird der Preis auch wieder sinken. Da etabliert sich ein neuer Hochfrequenzzyklus.

Niemand kennt den Breakeven-Preis

Wieso können die US-Produzenten schneller reagieren?

Die Schieferöl-Industrie hat einen viel geringeren Anteil an Fixkosten und ist deutlich flexibler als die traditionelle Förderung. Das heißt, sie konnte auch viel schneller auf den Preisverfall reagieren. In der Regel innerhalb von sechs Monaten. Schieferölförderung ist wie ein industrieller Fertigungsprozess, den man optimieren kann. Inzwischen weiß kein Mensch mehr, was „der“ Breakeven-Preis ist. In manchen Gebieten ist er auf bis zu 20 Dollar gesunken.

Heißt das, dass die Opec den Preis gar nicht mehr unter Kontrolle hat?

Zumindest haben sich die Spielregeln geändert. Es zählt nicht mehr nur die Entscheidung aus Riad, sondern auch die Flexibilität der Produzenten in den USA.

Budgetprobleme bei den Saudis

Schon jetzt wird deutlich, dass die Staatshaushalte von Opec-Ländern wie Algerien oder Venezuela unter Druck geraten. Ist auch Saudi-Arabien, die Ölnation schlechthin, bedroht?

Soweit ist es noch nicht. Allerdings muss man sich anschauen, was Saudi-Arabien für Ausgaben hat und wie schnell seine Reserven zurückgehen. Bei den derzeitigen Ölpreisen muss entweder massiv an den Staatsausgaben gespart werden oder die Währungsreserven gehen zurück. Oder beides.

Aber ein Budgetdefizit an sich ist doch noch kein Problem.

Die Saudis haben in den 80er und 90er-Jahren bei niedrigen Ölpreisen 17 Jahre hintereinander Budgetdefizite gehabt. Da hatten sie keine Schwierigkeiten. Inzwischen aber ist die Einwohnerzahl massiv gestiegen und die Ausgaben ebenso. Da kann man sich dann schon fragen, wie stabil das alles ist, trotz der hohen Ölreserven. Die Saudis haben erst sehr spät damit begonnen zu diversifizieren und sich auf andere Zeiten vorzubereiten. Und wenn man so etwas unter Druck machen muss, wird es nicht unbedingt leichter.

Eine Reportage aus Saudi-Arabien und eine Analyse des Ölkonzerns Saudi Aramco lesen Sie in der März-Ausgabe von Capital. Hier können Sie sich die iPad-Ausgabe herunterladen. Hier geht es zum Abo-Shop, wenn Sie die Print-Ausgabe bestellen möchten.


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