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Warum Firmen auf Jobsharing setzen

, von Madeleine Hofmann

Ein Job, zwei Arbeitnehmer: Beim Jobsharing teilt sich ein Tandem Aufgaben, Team, Verantwortung und Arbeitszeit einer Stelle. Eine Möglichkeit für Arbeitnehmer, ihr Berufsleben flexibler zu gestalten. Doch was haben Arbeitgeber davon?

Jobsharing: Für Arbeitnehmer ein flexibles Modell. Aber was versprechen sich Unternehmen davon? © Getty Images
Jobsharing: Für Arbeitnehmer ein flexibles Modell. Aber was versprechen sich Unternehmen davon?

Annette von Wedel ist ein großer Fan von Jobsharing. Sie leitet die Abteilung Diversity Management bei der Deutschen Bahn. Wie viele Tandems aktuell schon bei der Bahn arbeiten, kann sie nicht mit Sicherheit sagen. Als Jobsharing gemeldet werden müssen die Paare nämlich nicht. Zwei Beispiele kann sie aber aus dem Kopf aufzählen: Da wären die Leiterinnen des Fahrgastmarketings der DB Regio Bus Nord in Bremen und zwei Frauen im Vertrieb der Deutschen Bahn in Frankfurt.

In Zukunft sollen es mehr werden, bestehend aus allen Geschlechtern und Altersgruppen. Doch dafür muss das Bewusstsein der Mitarbeiter für Jobsharing geschärft, Berührungsängste genommen werden. Deswegen hat das Unternehmen den „Leitfaden Jobsharing“ erstellt. „Wir wollen den Mitarbeitern Mut machen, ihnen zeigen, dass es gar nicht so kompliziert ist“, erklärt von Wedel. Im Leitfaden steht, was Jobsharing bedeutet, wie die Tandempartner sich organisieren können und wie man den passenden Kollegen findet. Um diesen Punkt zu erleichtern, plant von Wedel sogar eine unternehmensinterne Vermittlungsplattform, eine Tandempartner-Börse. „Das Matching ist schließlich die größte Herausforderung.“

Annette von Wedel, Deutsche Bahn: "An den Finanzen soll ein Jobsharing nicht scheitern." © Deutsche Bahn
Annette von Wedel, Deutsche Bahn: "An den Finanzen soll ein Jobsharing nicht scheitern."

Diese Erfahrung haben auch Géraldine Weilandt und Christina Braase gemacht. Die Frauen sind verantwortlich für Diversity Management bei der Beiersdorf AG. Sie haben eine solche Tandempartner-Börse bereits gelauncht: „two:share“. Mitarbeiter können sich anonym anmelden, in einem geschützten virtuellen Raum füllen sie Fragebögen zu ihrer Person aus, bekommen dann Vorschläge für Personen, die sich auch für Jobsharing interessieren. Eben wie bei einer Partnerbörse. Seit November  2016 haben sich bereits 135 Mitarbeiter angemeldet, fünf Tandems haben sich dadurch gebildet. Doch die meisten Mitarbeiter sind immer noch skeptisch. „Dass sich das Modell durchsetzt, erfordert Offenheit und Unterstützung von Seiten der Topmanager“, erklärt Géraldine Weilandt, „nur so können Vorurteile abgebaut werden.“

Den Anfang macht eine Marketing-Kampagne: Das Unternehmen verteilt Flyer und Gummibärchen an die Mitarbeiter, organisiert Informations-Events, sogar eigene Werbeslogans hat das Jobsharing-Projekt, zum Beispiel: „Wir waren die ersten, die Wasser und Öl verbunden haben, warum nicht auch Kollegen?“

Jobsharing bei Beiersdorf: Vorurteile abbauen mit Gummibärchen und Flyern. © Beiersdorf
Jobsharing bei Beiersdorf: Vorurteile abbauen mit Gummibärchen und Flyern.

Vorurteilen gegenüber Jobsharing versucht auch Frau von Wedel bei der Deutschen Bahn zu begegnen. Deshalb ist der Leitfaden auch an Führungskräfte gerichtet, die Tandems in ihr Team holen könnten. Er unterstützt bei Organisatorischem, enthält Tipps zum Umgang mit Zielvereinbarungen und Arbeitsverträgen, Richtlinien zu Gehalt, Dienstwagen und Fortbildungen für Tandems. Ein Absatz ist von Wedel besonders wichtig: „An den Finanzen soll ein Jobsharing nicht scheitern“.

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„Natürlich entstehen höhere Personalkosten, wenn statt einer 100 Prozent zum Beispiel zwei 60 Prozent Stellen geschaffen werden“, erklärt von Wedel, „aber der Gegenwert ist viel höher. Wir glauben, es rechnet sich.“ Mit Gegenwert meint von Wedel vor allem die entstehende Unternehmensbindung. „Wenn man zum Beispiel aus der Elternzeit zurückkehrt, startet man häufig mit einer Teilzeitstelle, die niedriger qualifiziert ist, als der Job, den man zuvor gemacht hat. Da wird Potenzial verschwendet." Mit einer Jobsharing-Stelle könne man mehr Verantwortung übernehmen. „Das motiviert nicht nur die Arbeitnehmer, sondern entspricht auch den Interessen des Arbeitgebers. Schließlich hat das Unternehmen in der Regel schon lange in die Karriere des Mitarbeiters investiert.“

Zudem bekomme man für die höheren Investitionen gleich 100 Prozent mehr Arbeitskraft. Denn egal wie sich das Tandem die Stelle zeitlich aufteilt – das Unternehmen kann mit weniger Fehltagen rechnen. Wenn ein Tandempartner krank ist oder Urlaub hat, ist der Andere trotzdem ansprechbar. Muss ein neuer Partner innerhalb des Tandems gefunden werden, kann der verbliebene das Einarbeiten übernehmen. Hinzu kommt: „Für eine Stelle gewinnen wir doppelte Kompetenz“, erklärt Christina Braase, „durch diese Vielfalt entstehen viel mehr frische Ideen.“

Kampfansage an den Fachkräftemangel

Sowohl bei Beiersdorf als auch bei der Deutschen Bahn hat der Ausbau von Jobsharing am Ende vor allem ein Ziel: Junge Fachkräfte anzulocken. Die arbeiten nämlich oft lieber bei hippen, jungen Digitalunternehmen und Start-ups. Ein Unternehmen wie die Bahn – mit einer fast 200-jährigen Geschichte und 195.000 Mitarbeitern allein in Deutschland - wirken dagegen schwerfällig und von gestern. „Schon jetzt ist das Durchschnittsalter bei uns 47 Jahre, mehr als die Hälfte der Mitarbeiter sind über 50. Wir müssen uns darauf vorbereiten, dass diese Generation in Rente geht“, erklärt von Wedel. Deshalb hofft sie beim Jobsharing zukünftig auf Generationen-Modelle. „Berufseinsteiger könnten viel von erfahrenen Mitarbeitern lernen und die wiederum könnten ihr jahrelang angeeignetes Wissen weitergeben.“ Im besten Fall gehen ältere Mitarbeiter also nicht früh in Rente, sondern bleiben dem Unternehmen zumindest ein paar Stunden in der Woche erhalten, damit mehr Zeit bleibt, um den Nachwuchs anzuwerben.

Ähnlich geht es der Beiersdorf AG: „Jeder Mitarbeiter, den wir halten können ist ein Gewinn“, bestätigt Géraldine Weilandt, „Junge Arbeitnehmer vergleichen die Unternehmen, bei denen sie sich bewerben und gehen dort hin, wo es das beste Gesamtpaket gibt. Flexible Arbeitsmodelle gehören dazu.“ Zwar wollten die Berufseinsteiger meist erst einmal Vollzeit arbeiten, hätten aber häufig schon die Zukunft im Blick. Jobsharing sei dann für sie attraktiv, wenn sie sich eines Tages neben dem Job weiterbilden, sich um ihren Nachwuchs oder pflegebedürftige Angehörige kümmern wollen. Zumindest hoffen das die Personal-Experten.

Im Moment wird Jobsharing vor allem von Müttern genutzt, die trotz Arbeitszeitverkürzung Verantwortung im Job übernehmen wollen. Doch zum Ziel, Jobsharing als geläufiges Arbeitsmodell zu etablieren, ist es noch ein langer Weg: Deutschlandweit sind bei der Beiersdorf AG nur elf Stellen mit Tandems besetzt - von fast 6000.

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