08.03.2006
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Foto: dpa

Steuerprüfungen

Angriff der Steuerkontrolleure

von R. Bohnenkamp, M. Hoffmann, W. Ludwig

Die desolate Kassenlage macht Finanzämter erfinderisch. Sie nutzen alle rechtlichen und technischen Chancen, um Steuersünder aufzuspüren. Eine Exklusiv-Umfrage unter 1000 Steuerberatern zeigt, wo und wie die Beamten zugreifen.



Pünktlich Feierabend machen und schnell nach Hause? Fehlanzeige. Deutsche Finanzbeamte schieben oft länger Dienst, als Steuerzahlern lieb ist. Der Sachbearbeiter eines westfälischen Finanzamts erzählt begeistert von den Stippvisiten, die er seiner Kundschaft auf dem abendlichen Heimweg abstattet. "Die Meisten bitten mich freundlich herein. Bereitwillig erzählen sie, was ich wissen will", sagt der Beamte.

Geschäfte. Auf diese Weise inspiziert er beispielsweise Arbeitszimmer. "Steht dort ein PC, frage ich schon mal: Wollen wir uns zusammen ansehen, was da drauf ist?" Sofort weiß er, ob ein Rechner überwiegend für Spiele genutzt wird oder für die Arbeit. Die Abstecher bringen meist "mehr als wochenlange Schriftwechsel".



Die Zahl der Überraschungsbesuche von Finanzbeamten wächst: Sie tauchen bei Selbstständigen genauso auf wie bei Arbeitnehmern mit Arbeitszimmer oder Privatleuten, die über Ebay und andere Internetportale Möbel, CDs oder Autos verkaufen. Ende Januar sah sich ein Steuerzahler aus dem Rheinland mit einem ungebetenen Besucher konfrontiert. Der Vorwurf: Er betreibe im Internet schwunghafte Geschäfte am Finanzamt vorbei.

Der 52-Jährige hatte 2004 den Laden seines Vaters mitsamt Warenlager geerbt und das Spezialwerkzeug innerhalb von zwei Jahren übers Internet zu Geld gemacht. Nun will das Finanzamt von den Verkaufserlösen Einkommen- und Umsatzsteuer kassieren.

Angesichts notorisch klammer Staatskassen verschärft die Steuerverwaltung die Gangart. So ist es auch kein Zufall, dass Versicherungskunden jetzt verstärkt ins Visier genommen werden. Die niedersächsische Steuerfahndung prüft derzeit, ob Kunden der Hannoverschen Leben Schwarzgeld in langjährigen Policen versteckt haben. Ähnliche Recherchen liefen bei weiteren Mitgliedsunternehmen, bestätigt der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft gegenüber Capital.

Nicht nur bei eindeutigen Hinterziehungsfällen verstärken die Beamten ihre Aktivitäten. Renommierte Steuerstrafrechtler wie Jörg Weigell, der etwa Tennisstar Boris Becker in dessen Steuerprozess vertrat, sind alarmiert. "Auch bei anerkannt legalen Gestaltungen greifen die Fahnder zunehmend ein", so der Münchner Anwalt. Diese Entwicklung sei rechtlich äußerst bedenklich.

Kontrollen. Wie verbissen die Finanzämter Steuergeldern nachspüren, zeigt eine repräsentative Studie des Berliner Meinungsforschungsinstituts Forsa im Auftrag von Capital: 69 Prozent der deutschen Steuerberater stellen fest, dass die Kontrollen insgesamt strenger werden und die meisten Finanzbeamten intensiver prüfen als in der Vergangenheit. Ins Visier der Ämter sind laut Studie vor allem die Werbungskosten in Arbeitnehmererklärungen geraten. 66 Prozent der Steuerberater bezeichnen dies als Hauptarbeitsfeld der Kontrolleure. Hinzu kommt vor allem die Suche nach verschwiegenen Zinseinnahmen und versteckten Auslandskonten.

Steuerfahnder. Gerade im Süden Deutschlands, dem in der Vergangenheit stets ein steuerzahlerfreundlicheres Klima bescheinigt wurde, dreht jetzt offenbar der Wind. "In Bayern und Baden-Württemberg liegt die Zahl der Berater, die von einer erhöhten Kontrolltätigkeit sprechen, über dem Durchschnitt", sagt Forsa-Chef Manfred Güllner.

Bei Selbstständigen greifen strengere Prüfungen punktuell, etwa beim betrieblich genutzten Pkw oder den Arbeitsverträgen mit Angehörigen. Vermieter stehen laut Umfrage speziell in Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen im Fokus der Beamten.

Systematik. Die Jagd auf große wie kleine Sünder folgt inzwischen einem neuen System. Lange Zeit konnten sich viele kleine Steuertrickser in Sicherheit wiegen, weil die Steuerfahndung ihre Kapazität auf millionenschwere Großverfahren - etwa Umsatzsteuerkartelle - konzentrierte. Inzwischen sinnen die Organisationsspezialisten in den Behörden jedoch verstärkt auf Abhilfe, damit ihnen bei der Suche nach großen Fischen nicht massenhaft kleine durch die Maschen schlüpfen.

Als eine der ersten schickte die Oberfinanzdirektion (OFD) Münster ausgebildete Steuerfahnder als Verstärkung in die Ämter, die Steuererklärungen bearbeiten. Mit ihrem Spezialwissen geben die Fahnder den Kollegen im Innendienst Tipps, wie sich zweifelhafte Angaben besser prüfen lassen: Wo kann der Hebel angesetzt werden, wenn ein Spitzenverdiener kaum Kapitalerträge angibt oder ein Immobilienbesitzer überdurchschnittlich viele und teure Sanierungsarbeiten in Mietwohnungen abrechnet?

Die Helfer von der Fahndung übernehmen dabei auch Recherchen vor Ort. Hat das Mietshaus wirklich so viele neue Isolierglasfenster oder floss ein Teil der abgerechneten Kosten ins Privathaus? Das lässt sich durch eine Inspektion der Objekte schnell feststellen. Und sollten die Informationen noch nicht reichen, klingeln die Beamten. Abgewiesen werden die Steuerkontrolleure selten.

Zuletzt galten die Ausflüge der Münsteraner Spezialisten - im Amtsjargon Flankenschutzfahnder - auch neuen Eigenheimen. Hintergrund: Die Eigenheimzulage konnte letztmalig für Häuser beansprucht werden, die bis 31. Dezember 2005 gekauft wurden oder für die bis dahin ein Bauantrag gestellt war. Um die volle achtjährige Förderung zu erhalten, mussten viele Käufer allerdings auch vor Jahresende einziehen.


 
 
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