15.06.2005
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EU-Zinssteuer

Diskreter Ausweg

von Ruth Bohnenkamp

Ab 1. Juli müssen EU-Nachbarländer Zinserträge an den deutschen Fiskus melden oder Quellensteuern erheben. Wie clevere Anleger auf die Neuregelungen reagieren.

Augen zu und genießen: Wie Butter auf der Zunge zergeht die berühmte Schweizer Sprüngli-Schokolade. Der feinste Laden in Zürich liegt direkt am Paradeplatz, knapp zehn Minuten Fußweg vom Bahnhof entfernt. Reisende aus aller Welt lassen sich hier das edle Konfekt für die Liebsten zu Hause in hübsche Schächtelchen verpacken.

 
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Anziehungspunkt. Bekannt ist der Züricher Paradeplatz aber nicht in erster Linie wegen der feinen Leckereien, sondern wegen seiner Banken. Hier residieren nicht nur die UBS und Credit Suisse, sondern Banken aus aller Welt, unter ihnen auch Auslandstöchter deutscher Kreditinstitute. Japaner und Amerikaner kennen den Platz ebenso gut wie Europäer, unter ihnen viele Deutsche.

Seit Monaten werden die Geldhäuser rund um den Paradeplatz verstärkt von Deutschen aufgesucht - zur großen Freude der Schweizer Banker. Auch die Zustimmung der Schweizer zum Schengener Abkommen ab 2007 dürfte daran wenig ändern. Rund 50 Kundenberater stehen allein bei der UBS nur für deutsche Kunden parat. Auch andere Anlageplätze in Europa und Übersee, die wie die Schweiz über ein sicheres Bankgeheimnis verfügen, verzeichnen derzeit verstärkten Zufluss von Anlegerkapital aus der Bundesrepublik. "Die Nachfrage nach Offshore-Lösungen ist gewaltig", sagt Lutz Alpers, Gutachter für internationales Steuerrecht in Rengsdorf bei Koblenz.

Die faktische Abschaffung des Bankgeheimnisses seit 1. April, unkontrollierte Kontenzugriffe der Finanzbeamten und einheitliche Steuernummern haben nicht nur Anleger und Investoren mit Konten im Ausland alarmiert. Die Bürger treibt die Sorge um, dass der Staat alle Lebensbereiche ausspioniert. Unter dem Deckmantel der Terrorbekämpfung wurden seit dem 11. September 2001 in Deutschland reihenweise Gesetze verabschiedet, die in erster Linie ein Ziel hatten: Steuerzahler lückenlos zu überwachen.

Auch nach einem Regierungswechsel im Herbst ist kaum zu erwarten, dass Union und FDP alle Kontrollgesetze von Bundesfinanzminister Hans Eichel komplett kassieren können. Zu groß ist der Druck aus dem Ausland, wegen der Terrorbekämpfung grenzüberschreitende Finanzströme transparent zu machen.

Daneben gibt es auch noch den unumstößlichen Termin 1. Juli, an dem in wenigen Wochen die EU-Zinssteuerrichtlinie in Kraft tritt. Danach müssen bis auf Österreich, Luxemburg und Belgien, die zunächst eine Quellensteuer erheben, sämtliche EU-Mitgliedsstaaten Kontrollmitteilungen über Zinserträge an den deutschen Fiskus verschicken.

Dieser Termin macht Anleger mobil. Still und heimlich löste die Entwicklung eine neue Fluchtwelle deutscher Kapitalanleger aus - fast wie zu Beginn der 80er Jahre, als die Zinsabschlagsteuer eingeführt wurde. Heute rollt die Welle aber nicht mehr allein von Deutschland Richtung zinssteuerfreie Nachbarländer. Zusätzlich fließt Anlegerkapital, das schon außer Landes liegt, zu anderen europäischen Nachbarn und nach Übersee.

So freuen sich etwa Banker in Luxemburg über deutsches Kapital, das bisher unversteuert in den Niederlanden lag. Grund: Anleger, die es jetzt nicht von dort abziehen oder ihr Depot umschichten, können bald in die Fänge der Steuerfahnder geraten. Die Niederlande müssen ab Juli Zinserträge an den deutschen Fiskus melden.

In der Schweiz verzeichnen die Banken derzeit eine verstärktes Interesse an "Lösungen, das Geld aus EU-Staaten zu uns zu transferieren", so ein UBS-Privatkundenbetreuer. Viele Investoren kritisierten die Lockerung des Bankgeheimnisses in den meisten EU-Ländern und wanderten daher gern in die Schweiz ab, sagt der Banker.

Es gibt auch Anleger, die fürchten, dass selbst die Schweiz langfristig dem Druck der EU nicht standhält. Vorsichtshalber kehren sie Europa schon jetzt komplett den Rücken. Beliebter Zielpunkt ist Singapur. Das Bankgeheimnis des Stadtstaats gilt als wasserdicht. Onlinekonten und Kreditkarten stehen beim Geldtransfer im Vordergrund. Hier sollten Investoren aber die Risiken kennen (siehe unten: "Im Netz der Steuerfahnder").

Anleger, die ihr Depot nicht verlagern wollen, finden ebenfalls einfache Wege, den Mitteilungen und der Quellensteuer zu entkommen. Trick: Im Depot wird auf Produkte umgeschichtet, die von der Meldepflicht und der Quellensteuer verschont sind (siehe unten: "Richtlinienkonform und steuerfrei").

Rückruf. Wer in diesen Tagen in Zürich Beratung sucht, erlebt in den Banken Hochbetrieb. So zum Beispiel in der UBS am Paradeplatz 6: Freundliche Empfangsdamen begrüßen die Kunden in der imposanten Eingangshalle. Der Besucher wähnt sich eher in der Lobby eines Fünfsternehotels, statt in einer Bank. Im hinteren Bereich der Halle schauen sich einige Kunstinteressierte die aktuelle Ausstellung einer privaten Sammlerin an.

Schon von Deutschland aus wurde der Termin mit einem Berater vereinbart. Das geht auch kurzfristig - Anruf genügt. Bei einem Anlagebetrag von rund 800 000 Euro, für den das Gespräch gewünscht wird, gibt es keine weiteren Fragen. Noch am gleichen Tag ruft ein Mitarbeiter der UBS zurück.

Beim Termin in der Bank weist ein Mann mit dunklem Anzug und weißem Hemd dem Kunden aus Deutschland den Weg in schlicht möblierte Besprechungsräume. "Ihr Berater kommt sofort. Möchten Sie etwas trinken?"


 
 
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