Welchen Kurs wird die Europäische Zentralbank künftig steuern? Die Prognosen führender Volkswirte darüber gehen derzeit so weit auseinander wie selten.
Zwar gehen alle von der Financial Times Deutschland monatlich befragten Ökonomen internationaler Banken davon aus, dass die Europäische Zentralbank (EZB) trotz besserer Konjunktureinschätzung bis ins neue Jahr hinein ihre beispiellosen Liquiditätshilfen für die Finanzinstitute beibehält und eine Erhöhung des Leitzinses von 1,0 Prozent kein Thema ist. Was danach passiert, darüber sind sie aber äußerst uneins.
Das gilt für die Frage, wie lange die EZB den Banken noch unbegrenzt Geld fix zum Leitzins leiht: Während einige wie BHF Bank oder BayernLB erwarten, dass die Notenbank die Praxis gleich Anfang 2011 beendet, setzen andere darauf, dass sie daran viel länger festhält. Die Citigroup etwa prognostiziert für einige Ausleihgeschäfte erst 2013 eine Umkehr. Aber auch bei der ersten Zinserhöhung reicht die Bandbreite von Anfang 2011 bis 2013.
Die divergierenden Prognosen erklären sich vor allem mit unterschiedlichen Einschätzungen des Aufschwungs in der Euro-Zone. Sie spiegeln damit die derzeit große Unsicherheit über die weitere Entwicklung wider, mit der auch die EZB konfrontiert ist. Sie bergen aber die Gefahr, dass Investoren überrascht werden und es künftig zu Unruhe an den Märkten kommt.
Das erschwert auch für die EZB ihr Vorgehen erheblich. Zum Jahreswechsel hatte sie bereits angesichts der Erholung nach der Finanz- und Wirtschaftskrise begonnen, ihre ultra-lockeren Geldpolitik etwas zurückzufahren. Anfang Mai zwang sie dann die Euro-Krise zu einer dramatischen Kehrtwende. Für die Zeit bis Jahresende sind sich die Experten nun sicher, dass die EZB nicht nur am Leitzins festhält, sondern auch daran, den Banken stets fix zu dem Satz so viel Geld zu leihen, wie diese wollen - statt wie vor der Krise eine von ihr festgelegte Summe zu versteigern. Das ist auch deshalb ein zentraler Punkt, weil durch die reichliche Liquidität im System die Sätze am Geldmarkt teils unter den Leitzins gerutscht sind - die EZB-Politik also noch lockerer ist als es der Satz suggeriert.
Hinter der Erwartung der Beobachter steckt vor allem, dass Bundesbankchef Axel Weber das jüngst in Aussicht gestellt hatte. Da er als Hardliner im EZB-Rat gilt, "dürfte das Mehrheitsmeinung sein", sagt Klaus Baader, Europa-Chefvolkswirt der Société Générale. Weber hatte seine Position primär damit begründet, dass es zum Jahresende traditionell Unruhe wegen der Liquiditätslage der Banken gebe. Einige hatten dies als Indiz gewertet, dass Weber die Wirtschaftslage skeptischer sehe als bisher. Tatsächlich warnte er aber vor zu viel Pessimismus. Am Wochenende sagte er gar, Europa stehe am Rande eines selbsttragenden Aufschwungs. Am Donnerstag dürfte die EZB ihre Wachstumsprognosen anheben.
Ein wenig unklar blieb, ob Weber nicht nur bei den Ausleihgeschäften mit einer Woche und einem Monat Laufzeit, sondern auch bei den Dreimonatsgeschäften bis mindestens Anfang 2011 an der Vollzuteilung festhalten will, oder ob er bei der langen Frist erstmal nur für das Geschäft Ende Oktober eine Entscheidung will. Vieles spricht aber dafür, dass sich der EZB-Rat auch da bis Jahresende festlegt.


















