Angela Merkels zentraler wirtschaftspolitischer Leitsatz geht so: "Wir wollen stärker aus der Krise herauskommen, als wir in sie hineingeraten sind", predigt die Kanzlerin wieder und wieder. In ihrer Regierungserklärung hat sie zuletzt eine finstere Alternative ausgemalt: "Werden andere unseren Platz einnehmen, weil wir es versäumen, die Quellen des Wohlstands von morgen zu finden?"
Glücklicherweise ist die Weltwirtschaft keine K.-o.-Runde, alle können von einem Aufschwung profitieren. Doch gemessen am Tempo, mit dem die Regionen aus der Krise kommen, haben andere die Deutschen längst abgehängt. Während die heimische Wirtschaft sich zaghaft von ihrem tiefsten Einbruch erholt, heißt es in den Schwellenländern Asiens schon wieder: Krise? Welche Krise?

Die Zahlen aus dem Fernen Osten sind eindrucksvoll: Die asiatische Industrie produzierte zuletzt zehn Prozent mehr als vor dem Lehman-Schock – Tendenz steigend, ein Aufschwung der Marke V wie Vollgas. Die schärfste Rezession seit dem Zweiten Weltkrieg – sie ist in Schanghai, Mumbai oder Jakarta Geschichte. Abgehakt als Betriebsunfall.
Das neue Thema ist dort das alte: Das furiose Wirtschaftswachstum und die Frage, wie man es managt. Der große Rest der Welt darf ein Novum bestaunen. "Erstmals", sagt der Unicredit-Asienexperte Alexander Koch, "weisen asiatische Schwellenländer den Weg aus einer weltwirtschaftlichen Krise."
Wer das konkret beobachten will, der muss nur deutsche Exporteure nach ihrem Chinageschäft fragen.
Sie verkauften Waren im Wert von fast zehn Milliarden Euro im dritten Quartal in die Volksrepublik, ein neuer Rekord. "China ist wie ein Airbag für die hart ausgebremste deutsche Exportwirtschaft", sagt Koch.
Dass sich der Schwerpunkt der Weltwirtschaft zu den Schwellenländern Asiens verschiebt, war schon vor der großen Krise klar. Die Rezession beschleunigt diesen Prozess jetzt. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) der USA, immer noch die größte Volkswirtschaft der Welt, wird in diesem Jahr wohl um 2,4 Prozent schrumpfen. Der Riese China dagegen legt um knapp neun Prozent zu.
Noch bevor die laufende Amtszeit Angela Merkels endet, wird der asiatisch-pazifische Wirtschaftsraum voraussichtlich mehr Gewicht auf die weltwirtschaftliche Waage bringen als die USA oder die EU.
Die Erfolgsgeschichten der Schwellenländer folgen unterschiedlichen Drehbüchern. Für den Riesen Indien, aber auch für Indonesien mit seiner Viertelmilliarde Einwohner zahlt sich der robuste Binnenmarkt aus. Die Exportabhängigkeit der Länder ist gering, der heimische Konsumhunger lange nicht gestillt.
Etwa 250 Millionen Menschen zählt die indische Mittelschicht. Sie sehnt sich nach westlichem Lebensstandard. Davon profitieren ungezählte findige Unternehmer, die der anhaltende Boom reich gemacht hat. 7,9 Prozent wuchs das indische BIP im dritten Kalenderquartal. Finanzminister Pranab Mukherjee steht bereits unter Druck, seine Wachstumsprognose anzuheben, tritt aber auf die Euphoriebremse. Man möge erst einmal das nächste Quartal abwarten.
Ganz anders erklärt sich das Comeback einer entwickelten Exportnation wie Korea. Die Regierung setzte zwar eine Konjunkturspritze von 27 Milliarden Dollar, um den Konsum zu stabilisieren. Die Ausfuhrquote ist trotzdem weiter gestiegen, seit Herbst 2008 beläuft sie sich auf 46 Prozent des BIP – nach 38 Prozent in den 15 Monaten davor.
















