Das hoert sich ja alles so schrecklich an - und ist leider auch eine traurige Realitaet. Aber mit einem Einkommen von 70.000$ kann man in den USA eigentlich gut leben. Haeuser sind billig, Klamotten sind billig, Lebensmittel sind billig, Benzin ist billig. Statt rechtzeitig Ruecklagen zu bilden und in eine Krankenversicherung einzuzahlen wurde das Geld anscheinend fuer Konsum und Kitsch ausgegeben, der jetzt das Haus fuellt. Mit der guten Ausbildung im Ruecken haette man doch auch auf die Idee kommen koennen, das Geld nicht fuer nutzlosen Kram auszugeben, oder? Freiheit wird gross geschrieben in den USA - dazu gehoert auch die Freiheit sein Geld in Kitsch anzulegen. Aber mit der Freiheit kommt auch die Verantwortung.
Eigentlich sollte sich Mark Freeman zu den glücklichsten Menschen der Welt zählen. Der 52-Jährige lebt mit seiner Familie in seinem eigenen Haus, in einer von Bäumen gesäumten Straße, irgendwo im Herzen des reichsten Landes der Welt.
Wenn Mark Hunger hat, isst er. Wenn ihm heiß ist, schaltet er die Klimaanlage ein. Und wenn er etwas wissen will, surft er im Internet. Einmal pro Woche geht Mark zu einem Karaokeabend, und wenn er dort ist, singt er am liebsten "Man in Black" von Johnny Cash.
Trotzdem stimmt seit einiger Zeit etwas nicht mit Marks Leben, es fühlt sich nicht mehr so gut an wie früher. Im vergangenen Jahr wollte die Bank den Freemans das Haus wegnehmen, nur weil sie drei Monate mit den Raten im Verzug waren. Andy, der Sohn von Mark, wurde vor Kurzem aus der Krankenversicherung geworfen, bis dahin war er bei seiner Mutter mitversichert. Für viel Geld musste er sich wieder zurückkaufen.
Und dann sind da noch die Drogenhändler und Schießereien im Viertel. Früher, da waren sie weit weg, jetzt scheinen sie immer näher zu kommen, manchmal sind sie nur ein Block entfernt. Das passt zur Kulisse der ganzen zugenagelten Häuser, die von Amerikas Epidemie erzählen. Der Epidemie der Zwangsvollstreckung.
Das Beunruhigendste an den Freemans aber ist, dass sie eine durchschnittliche amerikanische Familie sind. Keiner ist chronisch krank, weder der hagere Mark noch die rundliche Connie, seine Frau. Beide haben Arbeit, am Methodisten-Krankenhaus, er in der Warenannahme, sie ist technische Assistentin in der Anästhesie. Zusammen verdienen sie 70.000 Dollar, damit ist ihr Gehalt um ein Drittel höher als das Durchschnittseinkommen eines US-Haushalts.
Es gab eine Zeit, da hat man das Leben von Mark und Connie Freeman als "amerikanischen Traum" bezeichnet. Aus dem Traum ist längst eine unruhige Träumerei geworden. Denn das Leben der Freemans ist inzwischen sehr anstrengend. Jeden Monat muss Mark viel Geld bezahlen, um eine Maschine zu mieten, die seine Atemnot lindern soll. Deswegen leidet er auch an Schlafstörungen. "Wenn wir unsere Jobs verlieren, werden unsere Ersparnisse etwa drei Wochen reichen. Dann wäre die Schmerzgrenze erreicht", sagt Mark.
Er sitzt auf der Veranda, trinkt eine Flasche Miller Lite und schaut auf die Straße. "Wir arbeiten Tag und Nacht und versuchen, etwas fürs Alter zurückzulegen. Aber unser Polster sind immer nur ein, zwei Gehaltschecks, dann sitzen wir auf der Straße."
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