Herbert Hainer reagierte prompt. Nicht mal eine Woche nachdem der Adidas-Chef einen Brief von Capital mit der Bitte erhalten hatte, die Höhe seiner Einkommensteuer zu verraten, war die Zahl schon eingetroffen. "Die Aktion ist sicher ungewöhnlich", schrieb Hainer zurück. "Doch ich habe in den vergangenen Monaten die Diskussion über Managergehälter mit großem Unbehagen verfolgt, da sie einseitig geführt wurde. Deswegen bin ich gerne bereit, meine Steuern öffentlich zu machen, und hoffe, dass es damit gelingt, die Diskussion in eine neue Richtung zu lenken. Ich habe im Jahr 2006 in Deutschland 2,5 Millionen Euro Steuern gezahlt."
Respekt! Erstmals legen Hainer und andere Führungsspitzen für Capital offen, was die Deutschen sonst wie ein Staatsgeheimnis hüten: wie viel Geld sie beim Finanzamt lassen. In einem Land, in dem vor allem Gutverdiener eher über ihre Liebes- als über ihre Einkommensverhältnisse reden, ist das eine kleine Sensation. Doch die tiefe Vertrauenskrise zwischen Bürgern und Bossen, ausgelöst durch die Steuerhinterziehungsaffäre um Ex-Post-Chef Klaus Zumwinkel und befeuert durch den Dauerstreit über hohe Vorstandsbezüge, zeigt Wirkung: Politisch einfühlsame Firmenlenker sehen in dem Steuer-Coming-out eine gute Möglichkeit, das ramponierte Image ihrer Zunft aufzupolieren.
"Ich mache gerne mit", verkündet etwa kurz und knapp MAN-Vorstandsvorsitzender Håkan Samuelsson, der 2006 fast 1,6 Millionen Euro an den hiesigen Fiskus abgeführt hat. Sogar einer der sonst besonders verschlossenen Familienunternehmer lüftet sein Steuergeheimnis. "Ich habe zuletzt 6,998 Millionen Euro gezahlt", enthüllt Götz Werner, Inhaber der DM-Drogeriekette. Insgesamt decken ein gutes Dutzend Befragte die Karten auf.
Tatsächlich kann die Veröffentlichung der sensiblen Daten helfen, verloren gegangenes Vertrauen zurückzugewinnen. Schließlich verdeutlichen sie, dass die Unternehmensführer nicht nur ordentlich verdienen, sondern auch anständig zahlen. Schon aus der amtlichen Statistik geht hervor: Das bestverdienende Tausendstel der Bürger mit Jahreseinkünften ab 548.000 Euro trägt ein Zwölftel der gesamten Einkommensteuerlast, das oberste Hundertstel sogar mehr als ein Fünftel – obwohl es nur ein Zehntel der Einkünfte auf sich vereint. Jetzt erlaubt der Steuerstriptease, die anonymen Daten mit Leben zu füllen.
So finanziert der Karlsruher Drogerieunternehmer Werner mit seinen sieben Millionen Euro rechnerisch ganz allein den Bau des geplanten Fachhochschulcampus im württembergischen Tuttlingen. Die 2,5 Millionen von Adidas-Chef Hainer reichen, um jedes Jahr das komplette Lehrerkollegium eines Gymnasiums zu bezahlen. Und mit den 1,24 Millionen von Conti-Boss Manfred Wennemer kann der Staat 150 Langzeitarbeitslose ein Jahr lang unterstützen. "Ich bin überzeugt, dass der weitaus überwiegende Anteil der deutschen Vorstände erheblich zum Gemeinwohl beiträgt", sagt Hainer daher. Die kleine Einschränkung, die er macht, verrät den Ärger über schwarze Schafe wie Zumwinkel, die ihr Geld im Ausland verstecken.
Die Politiker mauern
Die Steuerumfrage offenbart aber auch: Die Mehrheit der Elite misstraut den Folgen eines Coming-out. Über 100 Top-Entscheider aus Wirtschaft und Politik hat Capital angeschrieben und um Auskunft über die zuletzt festgesetzte Einkommensteuer plus Solidaritätszuschlag gebeten – die 30 Vorstandschefs der Dax-Konzerne, die 30 größten Familienunternehmen, die 20 wichtigsten Aufsichtsräte, die 16 Mitglieder des Bundeskabinetts, die 16 Regierungschefs der Länder sowie die Präsidenten der großen Wirtschaftsverbände BDA, BDI, DIHK und ZDH. Aber nur zehn Befragte nennen ihren genauen Steuerbetrag, drei weitere immerhin ihren ungefähren.
So lässt Deutschlands bestverdienender Vorstandschef Wendelin Wiedeking von Porsche wissen, er zahle – "gerne und ausschließlich hier" – in "zweistelliger Millionenhöhe" Geld an den Fiskus – was angesichts seines letzten Jahreseinkommens von geschätzten 60 Millionen Euro nicht verblüfft. Der Stahlindustrielle und RWE-Boss Jürgen Großmann gibt seine Abzüge mit "deutlich über zehn Millionen" an. Und der neue deutsche Unicef-Vorsitzende und Technologieunternehmer Jürgen Heraeus schreibt von Steuern "im hohen sechsstelligen Bereich".
Alle anderen halten sich bedeckt – ob Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann oder Daimler-Boss Dieter Zetsche. Die größten Geheimniskrämer sind aber ausgerechnet diejenigen, die nach dem Wirbel um Zumwinkel am lautesten über Steuerflüchtlinge geschimpft haben: die Politiker und die Verbandspräsidenten. So lässt sich nur ein einziger der 32 Regierenden in die Karten gucken – Saarlands Ministerpräsident Peter Müller, der 2006 knapp 36.000 Euro an den Fiskus zahlte. Umweltminister Sigmar Gabriel wäre immerhin dann zu persönlicher Steuerglasnost bereit gewesen, wenn auch jeder gleich nach den Bruttoeinkünften gefragt worden wäre. Das hätte zwar die Aussagekraft noch gesteigert – aber auch die Hemmschwelle, sich zu offenbaren, viel zu hoch gelegt.
Von den vier obersten Wirtschaftsrepräsentanten hielten drei nicht mal eine Antwort für nötig – nur BDI-Chef Jürgen Thumann meldete sich und sagte ab. Die mauernden Politiker erläutern zum Teil wenigstens ihre Position, etwa Wolfgang Schäuble. "Sie werden verstehen", schreibt er, "dass gerade ich als Bundesinnenminister, dem man ständig zu Unrecht vorwirft, alles und jeden überwachen zu wollen, sicher nicht für die Abschaffung des Steuergeheimnisses plädieren werde."
Doch von Finanzminister Peer Steinbrück, der die Bosse gern an deren Vorbildrolle erinnert, hätte man mehr erwarten können als die zwischen allen Ressorts abgestimmte, bürokratisch korrekte Mitteilung: "Da die steuerrechtlich bedeutsamen persönlichen Verhältnisse einer Bundesministerin oder eines Bundesministers bekannt sind", sehe er "keinen Grund, darüber hinausgehende spezifische Angaben zu machen". Manche Bundestagsabgeordnete wie Steinbrücks Parteifreund Dieter Wiefelspütz oder die Grüne Anna Lührmann sind viel weiter: Sie veröffentlichen ihren Steuerbescheid im Internet.
Allerdings lehnt auch die Mehrzahl der Wirtschaftskapitäne jeden Einblick ab. "Wenn andere Leute Steuern hinterziehen, ist es meiner Ansicht nach nicht notwendig, dass wir zum Ausgleich dafür die Hosen runterlassen", empört sich etwa Baustofffabrikant Baldwin Knauf. Die Industrielle Maria-Elisabeth Schaeffler hat sogar Angst, dass ein Coming-out nach hinten losgehen könnte: "Ich bezweifle, dass eine Darstellung der tatsächlichen Solidaritätsleistungen von Unternehmern den gewünschten Effekt haben wird", schreibt sie. "Vielmehr steht zu befürchten, dass die Offenheit Wasser auf die Mühlen derer gießt, die sich anschicken, mit der Debatte um Steuerzahlungen und Managergehälter einen ideologischen Angriff auf die Marktwirtschaft zu führen."
Ähnlich argumentiert der Münchener-Rück-Chef Nikolaus von Bomhard: Er sorgt sich, dass eine Verknüpfung von Top-Entscheidern mit ihren Steuerzahlungen "negativ besetzt" wäre – "im Sinne von: Man muss erst mal so viel Steuern zahlen können." Immerhin verrät er: "Ich nutze keine Steuersparmodelle, und mein Geld liegt im Inland."








