Jan Vingerhoets ist gerade aus Westafrika nach London zurückgekehrt. Als Chef der International Cocoa Organisation (ICCO) vertritt er die Interessen von Kakaoexporteuren und -importeuren - und kennt sich besonders gut mit Handels- und Entwicklungspolitik aus. Heute aber muss er über den Terminhandel reden. "Für den New Yorker Kakaohandel ist die SEC zuständig", sagt der Niederländer und wird flugs von ICCO-Statistikchef Laurent Pipitone korrigiert. "Es ist die CFTC", flüstert Pipitone dazwischen.
Vingerhoets ist der Unterschied zwischen den US-Behörden egal. Seine Botschaft lautet: Der Kakaohandel in London ist schwächer reguliert als derjenige in New York. "Im Prinzip ist der Terminhandel fantastisch. Er bringt Käufer und Verkäufer zusammen. Es ist aber schlecht, wenn die Verkäufer im Dunkeln tappen."
Derjenige, der Käufer ist und nicht im Dunkeln tappt, heißt Anthony Ward. Ihn nennen sie in Anspielung an den James-Bond-Film aus den 60er-Jahren nur noch "Chocfinger". Ward ist Gründer des Hedge-Fonds Armajaro und kennt im Gegensatz zu Vingerhoets alle Feinheiten des Terminhandels. Sein Können spielte er gnadenlos aus: Er ließ sich Mitte Juli an der Londoner Börse NYSE Liffe 240.100 Tonnen Kakao liefern. Das entspricht sieben Prozent der weltweiten Ernte. Der Preis schlug Kapriolen. Die Differenz zwischen dem Juli- und Septemberkontrakt kletterte auf 300 Pfund. Das ist angesichts eines Preises von aktuell 2300 Pfund je Tonne ein enormer Wert.
Verloren im Londoner Schlupfloch
Die ganze Kakaowelt ist aufgebracht. Doch Wards Manöver ist nicht nur für Lindt & Sprüngli, Hershey oder Mars relevant. Es unterstreicht die Gefahren, die generell im Londoner Rohstoffhandel lauern. An der London Metal Exchange werden auch die Referenzpreise für wichtige Industriemetalle wie Aluminium bestimmt. An der elektronischen Börse ICE Futures wird der Preis für das Nordseeöl Brent und NBP-Erdgas festgelegt. Ward betrifft also alle Europäer.
Der Londoner Handelsplatz ist trotz seiner großen Bedeutung leider nicht transparent. Während die amerikanische Terminbörsenaufsicht CFTC wöchentlich sämtliche Positionen von kommerziellen Marktteilnehmern und Spekulanten veröffentlicht und dank der jüngst verabschiedeten Finanzmarktreform großen Händlern Obergrenzen setzen darf, herrscht bei den Briten Laissez-faire. Die Finanzaufsicht FSA lässt den Börsen freie Hand. Ende 2009 schrieb die Behörde in einem Arbeitspapier: "Wir glauben nicht, dass es die richtige Antwort wäre, einer Klasse von Akteuren durch spezifische Limits Grenzen zu setzen."


















