Asien brummt. Während die Konjunkturerholung in den USA und großen Teilen der EU stockt, wachsen die meisten asiatischen Volkswirtschaften scheinbar mühelos weiter. Indien meldete am Dienstag für das zweite Quartal im Vergleich zum Vorjahr ein Plus von 8,8 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP). Damit legte das BIP so schnell zu wie seit zweieinhalb Jahren nicht mehr. Auch aus Australien kamen starke Daten - so schrumpfte das Leistungsbilanzdefizit im zweiten Vierteljahr auf 5,6 Mrd. Australische Dollar ( 4 Mrd. Euro) zusammen, den niedrigsten Stand seit mindestens 2002.
Die Asian Development Bank (ADB) sagt für die Schwellenländer Ostasiens für das Gesamtjahr ein Wachstum von 8,1 Prozent des BIP voraus - und damit ein Vielfaches der mageren Wachstumsraten, die für viele Industrieländer erwartet werden. Das wirft die Frage auf, ob sich die asiatischen Volkswirtschaften vom Westen abgekoppelt haben.
Experten, die ein solches Decoupling sehen, verweisen unter anderem auf die Entwicklung der heimischen Nachfrage. Zwar sind viele Länder der Region wie Taiwan, Hongkong oder Singapur sehr exportabhängig. Die Binnennachfrage hat aber zugenommen, laut der ADB war sie im ersten Quartal 2010 der größte Wachstumstreiber in der Region. Konsum und Investitionen waren demnach in Indonesien, Malaysia, den Philippinen und Thailand für das gesamte Wachstum verantwortlich, in Staaten wie Hongkong, China, Südkorea und Singapur für fast das ganze Plus.
In der ersten Gruppe legten Investitionen um 14,7 Prozent zum Vorjahr zu, der Konsum um 5,3 Prozent. Die zweite Gruppe verzeichnete ein Investitionswachstum von 9,6 Prozent und ein Plus beim Konsum von 4,2 Prozent. Hintergrund war neben Konjunkturstützen ein höheres Verbrauchervertrauen.
"Der starke Dynamik im externen Sektor, besonders in den handelsabhängigen Volkswirtschaften, scheint deutlich in die heimische Nachfrage übergeschwappt zu sein", schreiben Volkswirte von Barclays Capital. Höhere private Investitionen hätten gemeinsam mit einem starken Jobwachstum in Ländern wie Südkorea und Indien dazugeführt, dass der Konsum die bremsende Wirkung der Drosselung von Konjunkturstützen aufgefangen habe.
Stephen King, Chefökonom von HSBC, verwies kürzlich in einem Bericht auf weitere Faktoren, die aus seiner Sicht für nachhaltiges Wachstum in Schwellenländern sprechen. "Die sich entwickelnde Welt hat sich noch nicht komplett von der entwickelten Welt abgekoppelt, aber die Isolierung wächst Jahr um Jahr." Die britische Bank hat ihre Wurzeln in Asien und ist in der Region stark vertreten.
Laut King profitieren Schwellenländer unter anderem von wachsenden Dienstleistungssektoren, zunehmender Nachfrage nach Rohstoffen, die zu einem großen Teil aus diesen Staaten kommen, sowie anhaltenden Kapitalflüssen in Schwellenländer. Letztere gelten als risikoreich, da Investoren ihr Geld in Krisenzeiten rasch wieder abziehen und so Turbulenzen auslösen können. King setzt jedoch darauf, dass Schwellenländer angesichts der Stagnation und anhaltend niedriger Zinsen in den Industrienationen attraktiv bleiben werden.
Skeptiker überzeugt das nicht. Trotz höherer Nachfrage in der Heimat bleiben viele asiatische Länder exportabhängig. Während Ausfuhren etwa in Indien weniger als ein Fünftel des BIP ausmachen und das Land daher relativ geschützt ist, könnten andere Staaten deutlich härter von einem langsameren Wachstum in Industrieländern getroffen werden - selbst wenn der heimische Konsum dies etwas abfedert. "Da die taiwanesische Wirtschaft zu 65 Prozent exportorientiert ist, erwarten wir für Taiwan 2011 ein Umfeld langsamen Wachstums", schrieben etwa Analysten der UBS jüngst.


















