11.06.2010
 CAPITAL-SERIE Interview der Woche

Die Macher der Finanzszene stellen sich den Fragen der capital.de-Redaktion


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Top-Ökonom Jagdish Bhagwati war unter anderem Berater der Vereinten Nationen und der WTO.
Top-Ökonom Jagdish Bhagwati war unter anderem Berater der Vereinten Nationen und der WTO.
Foto: FTD/Marco Urban
Investor-Artikel

Interview mit Jagdish Bhagwati

"Finanzmärkte sind wie Feuer"

An den globalisierten Finanzmärkten läuft etwas Grundsätzliches falsch. Diese Diagnose stellte Jagdish Bhagwati bereits während der Asienkrise vor zwölf Jahren. In den jetzigen Turbulenzen sieht sich der Vordenker der Globalisierung bestätigt - und den deutschen Finanzminister im Unrecht.

Herr Bhagwati, die Finanzkrise wütet seit mittlerweile drei Jahren und scheint kein Ende zu finden. Wie würden Sie das auf eine kurze Formel bringen, was da passiert?

Es gibt nicht eine einzige Erklärung. Es ist eine Mischung - aus Ideologie, Lobbyarbeit, falscher Regulierung und mangelnder Koordinierung. Es haben definitiv zu viele Leute überschwänglich in eine Richtung gedacht, ohne die Risiken zu sehen.

Viele Ihrer Kollegen in den USA sehen in der Krise ein Scheitern des Marktfundamentalismus.

Es ist unmöglich, die Krise in nur einer Story zu erzählen. Aber sicher war man zu optimistisch, was die Effizienz und Selbststeuerung der Finanzmärkte angeht. Die potenziellen Gefahren wurden ausgeblendet.

Jagdish Bhagwati
wurde 1934 in Mumbai geboren. Für sein Studium verließ er Indien, um zunächst in Oxford in Großbritannien und später am Massachusetts Institute of Technology (MIT) in den USA zu studieren. Dort war er bis 1980 Professor, bevor er an die Columbia University in New York wechselte. Zu seinen Studenten gehörten heute prominente Ökonomen wie Paul Krugman oder Kenneth Rogoff.

Forschungsschwerpunkt
Bhagwati gilt als einer der Vordenker der Globalisierung und verteidigte diese wiederholt gegenüber ihren Kritikern. Er beriet den Generaldirektor des Gatt ebenso wie die Vereinten Nationen und die WTO in Handelsfragen. Bhagwati ist verheiratet mit der Columbia-Ökonomin Padma Desai, einer Expertin für ökonomische Transformationsprozesse.

 

Hätte man diese Risiken im Voraus wirklich erkennen können? Solange es gut läuft, will doch niemand Gefahren hochspielen.

Im Kern der Krise stecken Finanzinstrumente, die keiner wirklich verstanden hat. Als man Hypotheken in Collateralized Debt Obligations umwandelte, ging man davon aus, dass das Risiko streut. Das Gegenteil war der Fall. Der Schaden multiplizierte sich später. Als die Hypotheken kollabierten, hatten die Banken nicht genug Eigenkapital, um den Kollaps aufzufangen. Hier kommen die Lobbys ins Spiel: Investmentbanken hatten die Regulierungsbehörden zuvor überredet, die Kapitalvorschriften niedrig zu halten. Und dann sollten die Regulierer etwas regulieren, was sie nicht verstanden. Bei den Gehältern der Finanzbranche konnten solche Behörden auch gar nicht mithalten, wenn es darum ging, qualifizierte Leute zu kriegen.

Sie haben vor den Gefahren, die Finanzmärkte in sich bergen, schon in der Asienkrise gewarnt. Gibt es da wirklich Parallelen?

Die Asienkrise hatte einen anderen Verlauf. Damals war das Problem vor allem der massive Kapitalabfluss, nachdem es zuvor jahrelang unerhörte Zuflüsse gegeben hatte. Aber es gibt Parallelen. In beiden Krisen hat man die Finanzmärkte nicht verstanden. Da wurden ebenso falsche Annahmen geteilt, von zu vielen Gleichgesinnten, die in eine Richtung dachten und Risiken ausblenden.

Auch hier gilt doch, dass es lange Zeit nach einer anhaltenden Erfolgsgeschichte der Asiaten aussah. Wo lagen die Risiken?

Es gab in den 90er-Jahren eine zentrale Fehleinschätzung im wirtschaftspolitischen Denken. Der Aufstieg asiatischer Volkswirtschaften wie Südkoreas oder Singapurs basierte auf ihrer radikalen Öffnung, auf einer Liberalisierung des Handels. Davon waren wir alle sehr beeindruckt. Leute wie der heutige Obama-Berater Larry Summers oder der frühere Finanzminister Robert Rubin dachten, diese Erfolgsgeschichte könne man auf die Finanzmärkte übertragen. Sie waren so euphorisch, dass sie die Unterschiede übersahen. Die Globalisierung der Realwirtschaft und der Finanzmärkte sind verschiedene Paar Schuhe.

Was ist denn der Unterschied?

Der Unterschied ist in erster Linie, dass es an den Finanzmärkten ein viel dramatischeres Abwärtsrisiko gibt. Sie sind volatiler. Auch in der Realwirtschaft mag es Schocks geben, zum Beispiel durch Missernten. Aber sie sind seltener und besser zu bewältigen als Schocks im Finanzbereich. Wenn Finanzwerte steigen oder fallen, werden rasch sehr viel größere Summen bewegt, mit entsprechend großen Auswirkungen. Das potenziert auch die Folgen von negativen Ausschlägen.

Sind denn dafür nicht auch die positiven Seiten der Finanzglobalisierung entsprechend gewichtig?

Die Finanzmärkte sind wie ein Feuer: es kann dein Haus beheizen, es kann es aber auch abfackeln. Abrupt abfließendes Kapital kann innerhalb kurzer Zeit massiven Schaden in einer Volkswirtschaft anrichten. Das hat man in der Asienkrise gesehen. In der Realwirtschaft ist oft von schöpferischer Zerstörung die Rede, wenn es um Innovationen geht. Das gilt auch für manche Finanzinnovation. Nur wirken andere Finanzinnovationen eher wie eine destruktive Schöpfung.

Wie lässt sich gute Innovation von schlechter denn trennen?

Das ist extrem schwierig. Nehmen Sie den Erfolg der USA. Der hat zwei zentrale Gründe: Innovationen und Risikokapital. Ohne Venture-Capital hätte die Innovationskraft nichts genützt. So dachten viele, man kann diese Elemente des US-Modells rund um die Welt verbreiten. Doch dabei wurden die Schattenseiten übersehen. Was nicht heißt, dass das Modell an sich nichts taugt.

Lässt sich aus solchen Erfahrungen nichts lernen?

Klar, nur haben wir die Märkte nicht genug durchdrungen, und die Möglichkeiten sind begrenzt, Gefahren zu managen.

Das klingt ernüchternd.

Die Volumen, die an Finanzmärkten verschoben werden, sind einfach gigantisch. Der Multiplikatoreffekt ist extrem. Das macht das Ganze sehr schwer kontrollierbar. Wenn gegen deine Währung gewettet wird, kann man versuchen, durch Anpassungen gegenzusteuern. Aber wenn in einer Woche Milliarden abgezogen werden, braucht es eine dramatische Anstrengung im Realsektor, um das abzufangen.

Wäre es besser, zur stark regulierten Finanzwelt der 60er-Jahre zurückzukehren?

Ich denke, nicht. Was mich im Gegenteil besorgt, ist die derzeit verbreitete Tendenz, die Finanzmärkte komplett zu verteufeln. So einfach ist das nicht. Wir brauchen beides: Real- und Finanzwirtschaft. Ein Muskel braucht Blut. Sonst ist er nutzlos. Der Muskel ist die Realwirtschaft, die Wall Street das Blut. Spekulation kann ja sogar stabilisieren.


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Quelle: FMH-Finanzberatung
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