Union und FDP haben seit dem Start ihrer Koalition fast sechs Millionen Wähler verprellt. Nur knapp zwei Drittel der Unionswähler (64 Prozent) würden CDU und CSU wie bei der Bundestagswahl 2009 erneut ihre Stimme geben. Und nur etwa jeder fünfte FDP-Wähler (22 Prozent) von damals würde jetzt wieder für die Liberalen stimmen. Das ergibt eine Wähleranalyse des Meinungsforschungsinstituts Forsa für das Wirtschaftsmagazin Capital, das am Donnerstag erscheint.
Die Forsa-Zahlen verdeutlichen, wie stark sich die monatelangen erbitterten Streitigkeiten in der schwarz-gelben Koalition und der Regierungskurs von Union und FDP in Wählerfrust niedergeschlagen haben. Die Umfrage bescheinigt den Koalitionspartnern zur Sommerpause eine düstere Zwischenbilanz nach neun Monaten im Amt. Kanzlerin Angela Merkel will am Mittwoch vor ihrer Abreise in den Urlaub dennoch Optimismus verbreiten. Angesichts des Umfragetiefs dürfte es ihr allerdings schwerfallen, das Image ihres angeschlagenen Regierungsbündnisses aufzupolieren.
Inzwischen wenden sich der Forsa-Umfrage zufolge mehr als fünf Millionen Wähler vom Herbst von der Union ab. Immerhin konnten CDU und CSU aber im Gegenzug 3,7 Millionen neue Wähler hinzugewinnen. Mit fast 1,4 Millionen Neuzugängen stammt ein großer Teil aus dem Lager der FDP.
Auch deshalb fällt die Wählerwanderungsbilanz für die Liberalen verheerend aus: Die FDP vergraulte laut Forsa fast fünf Millionen ihrer Wähler vom Herbst. Diesen dramatischen Stimmenverlust kann sie auch durch Neuwähler kaum ausgleichen: Die FDP lockte bisher nur 620.000 neue Anhänger an. Unterm Strich würden 5,852 Millionen Wähler nicht mehr wie bei der Bundestagswahl im September vorigen Jahres CDU/CSU oder FDP ihre Stimme geben. Fast fünf Millionen enttäuschte Wähler der Koalition wanderten ins Lager der Nichtwähler ab. Bei der Union würden derzeit knapp drei Millionen Anhänger nicht zur Wahl gehen. Bei der FDP sind es 1,9 Millionen - fast ein Drittel der Wählerschaft vom Herbst. "Diese Wähler werden nicht so schnell zurückkommen", sagte Forsa-Chef Manfred Güllner, "dafür ist der Frust zu groß."
Schon mehrfach haben die Spitzen der Koalition Besserung gelobt, allerdings ist es Merkel trotz zahlreicher Friedensappelle bisher nicht gelungen, das Regierungsbündnis zur Ruhe zu bringen. Neuen Streit gibt es über das Sparpaket der Bundesregierung, das vor sechs Wochen von Merkels Kabinettsriege geschnürt worden war und nun von mehreren Ministern wieder infrage gestellt wird.
Unions-Fraktionschef Volker Kauder rief die Minister zur Ordnung: "Es ist nicht hinnehmbar, dass eine Regierung Entscheidungen trifft wie etwa zum Sparprogramm und wenige Tage danach Regierungsmitglieder dieses Konzept schon wieder kleinreden." Die schwarz-gelbe Koalition müsse "mehr zusammenhalten", sagte Kauder der Internetausgabe des Magazins "Focus". "So etwas geht nicht. Das fördert nicht die Glaubwürdigkeit dieser christlich-liberalen Koalition."
Auch das Ringen um längere Laufzeiten für Atomkraftwerke, die Zukunft der Wehrpflicht sowie die Gesundheitsreform belasten das Koalitionsklima in den Sommerwochen.
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