Ein Politiker begründete seine Vorbehalte gegen die in Skandinavien übliche Transparenz mit dem Hinweis: "Wir in Deutschland haben bisher andere Erfahrungen mit dem Steuergeheimnis gemacht." Und nach der Veröffentlichung von freiwillig genannten Steuerbeträgen in der Mai-Ausgabe schrieb uns ein Leser: "Sind Sie sich bewusst, dass Sie mit Ihrer Aktion den Verzicht auf das Steuergeheimnis anregen?" Tatsächlich wollte Capital zwar nur die Führungselite dazu animieren. Doch warum sollte der Staat nicht auch hierzulande das tun, was in Schweden, Norwegen und Finnland selbstverständlich ist und was der Berliner Wirtschaftsethiker Nils Oermann auch für Deutschland fordert: die Einkommensteuerdaten für jeden Bürger öffentlich zugänglich zu machen und damit das Steuergeheimnis abzuschaffen?
Pro.
Offenheit schafft Vertrauen, Vertrauen führt zu größerer Ehrlichkeit: Das ist die Erfahrung aus den nordischen Ländern – und die zentrale Argumentationskette der Befürworter von Steuertransparenz. Wer genau weiß, wie viel sein Nachbar oder Chef verdient und an den Fiskus abführt, der zahlt auch selbst bereitwillig. Kein redlicher Steuerbürger muss mehr glauben, er sei der einzige Dumme, der sich an die Regeln hält – die Akzeptanz des Steuersystems würde steigen.
Voraussetzung ist allerdings, dass die Lastenverteilung im Großen und Ganzen als fair empfunden wird. Doch selbst wenn dabei herauskäme, dass manche Schlupflöcher bestimmte Gruppen privilegieren, würde die Offenlegung segensreiche Wirkung entfalten: Der Druck, Ungerechtigkeiten im System zu beseitigen, wäre viel größer als bisher. Die Transparenz wäre praktisch eine eingebaute Qualitätskontrolle für ein faires Steuerrecht.
Kontra.
Kaum etwas geben die Deutschen so ungern preis wie ihre Vermögensverhältnisse. "Das Diskrete ist das Normale", sagt der Münchner Sozialpsychologe Dieter Frey. Die Ursache dafür sieht er vor allem in einer gewerkschaftlich geprägten Tradition der Gleichheit und des Neides: "Es war in Deutschland immer suspekt, wenn einer mehr hatte als die anderen." Auch die katholische Kirche mit ihren einst drastischen finanziellen Ansprüchen an ihre Gläubigen ist mitverantwortlich dafür, dass sich hierzulande – anders als im protestantischen Skandinavien – nie eine Kultur der Offenheit zwischen Bürgern und Gesellschaft entwickelt hat. Zu diesen historisch gewachsenen Barrieren gegen Steuertransparenz hat sich seit dem Volkszählungsurteil des Bundesverfassungsgerichts zur "informationellen Selbstbestimmung" vor 25 Jahren ein zweites Hindernis gesellt: die hohe Wertschätzung von Datenschutz und Privatsphäre an sich.
Zwar verbietet der damalige Richterspruch kein Gesetz für mehr Steuerdurchblick. Doch hat er die Sensibilität der Bürger für den Umgang mit ihren persönlichen Daten gesteigert. Dies zeigt nicht zuletzt die breite Empörung über den jüngsten Schnüffelskandal der Telekom. Zudem führen Sicherheitsexperten ins Feld, dass Kriminelle durch die Veröffentlichung von Einkommen präzise Hinweise bekämen, wo sich ein Einbruch oder eine Entführung besonders lohnen könnte.
Lösung.
So einleuchtend manch Vorteil klingt – der gläserne Steuerbürger ist vor allem wegen der kulturellen Vorbehalte in Deutschland nicht durchsetzbar. Allerdings kann der Gesetzgeber auf anderem Weg für weitgehende Offenheit bei den Abgaben und damit für mehr Steuerehrlichkeit sorgen – dadurch, dass er das hochkomplizierte Einkommensteuerrecht radikal vereinfacht. Wenn bei Pendlerpauschale, doppelter Haushaltsführung oder Spesen keine Tricksereien mehr möglich sind, wächst die Chance, dass der Nachbar oder Chef angemessen Steuern zahlt. Und wenn dann noch die Steuersätze durch ein simples Stufenmodell mit Quoten von 10, 20, 30 oder 40 Prozent oder gar durch eine einheitliche Flatrate vereinfacht werden, kann jeder seinen eigenen Steuerbetrag viel leichter als bisher ausrechnen – und, falls das Bruttogehalt bekannt ist, auch den des Kollegen.
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