10.05.2006

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Debatte

Braucht Deutschland den raschen Ausstieg aus dem Atomausstieg?

von Dr. Joachim Müller-Soares

Wenn sich Mitte Juli die Staats- und Regierungschefs der führenden acht Industriestaaten zum G8-Gipfel in Sankt Petersburg treffen, kommt Kanzlerin Angela Merkel in Erklärungsnot.

Russlands Präsident Wladimir Putin will als Gastgeber die G8-Staaten zum Ausbau der Kernenergie bewegen - als Beitrag zur globalen Energieversorgungssicherheit, so Putins Argument.

Die Ausgangslage. In den Vorbereitungsgesprächen zum Gipfel ist Merkels Unterhändler Bernd Pfaffenbach isoliert: Deutschland ist im G8-Kreis die einzige Nation, die den Ausstieg aus der Kernenergie beschlossen hat - im Jahr 2000, unter der rot-grünen Bundesregierung von Gerhard Schröder. Dieser so genannte Atomausstieg enthält drei Kernelemente: Die Bestimmung eines Endlagers für radioaktive Abfälle ist auf unbestimmte Zeit vertagt, der Neubau von Kernkraftwerken ist verboten, und die Laufzeiten der ursprünglich 19 deutschen Atommeiler sind auf jeweils 32 Jahre begrenzt. Das drängendste Problem ist die Laufzeitenbegrenzung: Die beiden ältesten deutschen Meiler Stade und Obrigheim sind bereits stillgelegt. Biblis A erreicht 2008 die rot-grüne Laufzeitgrenze und müsste vom Netz. Im modernsten Meiler in Neckarwestheim würden 2021 die Lichter ausgehen. Dabei gibt es für die Begrenzung der Laufzeiten keine technische Begründung. Die Betriebsdauer eines typischen Meilers beträgt mindestens 40 Jahre, mit Hilfe von Nachrüstungen sogar 60 Jahre - vorausgesetzt, dass er bis dahin den jährlichen Tüv, im Fachjargon Revision genannt, besteht. Die USA, Kanada und Frankreich haben daher ihre Kernkraftwerke ausdrücklich für eine Betriebsdauer von 60 Jahren genehmigt. Neben Deutschland hat nur Belgien die Laufzeiten seiner Meiler begrenzt - auf vier Jahrzehnte. CDU-Kanzlerin Merkel hält an den 32 Jahren fest, um den Koalitionsfrieden mit der SPD nicht zu gefährden. Noch als Oppositionsführerin im Wahlkampf hatte sie längere Laufzeiten in Aussicht gestellt.

Das Problem. Die geringen Laufzeiten in Deutschland erhöhen die Abhängigkeit von Importen und kommen die Verbraucher teuer zu stehen. In einer Gemeinschaftsstudie haben zwei unabhängige Forschungsinstitute, das EWI in Köln und das EEFA in Berlin, die "ökonomischen Auswirkungen alternativer Laufzeiten von Kernkraftwerken in Deutschland" (Studientitel) analysiert. Für zwei Szenarien liefert die Studie konkrete Zahlen: Dürften die Meiler 40 Jahre am Netz bleiben, würde das die Strompreise in den kommenden zwei Jahrzehnten um bis zu elf Prozent dämpfen und die notwendigen Erdgasimporte um neun Prozent reduzieren. Drastischer sind die Effekte, wenn die Meiler 60 Jahre lang laufen. Dann sinken die Strompreise um bis zu 24 Prozent und die Erdgasimporte um 22 Prozent. Die Laufzeitenverlängerung hat noch einen weiteren Vorteil: Sie macht den Bau neuer Kernkraftwerke überflüssig. Hinter vorgehaltener Hand bestätigen sogar die Lobbyisten der Stromkonzerne, dass sie bei längeren Laufzeiten keinen Bedarf an Zusatzkapazitäten durch neue Meiler haben - auch langfristig. Der Bau etwa eines modernen Braunkohlekraftwerks ist ohnehin lukrativer als der eines neuen Atommeilers. Dessen Gesamterzeugungskosten inklusive Abschreibungen für eine Megawattstunde Strom liegen bei 42 Euro - rund 50 Prozent höher als in einem modernen Braunkohlekraftwerk. "Ökonomisch sind längere Laufzeiten sinnvoll, nicht aber der Bau neuer Kernkraftwerke", resümiert EEFA-Chef Bernhard Hillebrand.

Die Lösung. Die Laufzeitenbegrenzung muss weg. Auch unter ökologischen Gesichtspunkten spricht mehr dafür als dagegen. Insbesondere der Klimaschutz würde profitieren: Bei 60 Jahren Regellaufzeit der CO2-freien Kernkraftwerke würde Deutschland jedes Jahr 45 Millionen Tonnen weniger Treibhausgase in die Luft blasen. Diese CO2-Einsparung entspricht mehr als fünf Prozent des gesamtdeutschen Verbrauchs. Die Umweltrisiken längerer Laufzeiten sind vertretbar: Ein Meiler ist im 40. Betriebsjahr als Folge von Nachrüstung und Modernisierung sogar sicherer als im 31. Betriebsjahr - und die Wahrscheinlichkeit eines Reaktorunfalls damit noch geringer. Ein Endlager für den hochradioaktiven Müll der Kernkraftwerke muss in jedem Fall gefunden werden. Dieses Problem existiert unabhängig davon, ob die Meiler zuvor 32, 40 oder 60 Jahre am Netz waren. Zwar warnt Bundesumweltminister Sigmar Gabriel: "Atomkraft ist die Technik des vergangenen Jahrhunderts, und wer für die weitere Nutzung wirbt, sollte erklären, wo er den zusätzlichen Atommüll hinpacken will." Doch Gabriels Argument ist nur vorgeschoben: Die durch längere Laufzeiten zusätzlich zu entsorgenden Brennstäbe fallen kaum ins Gewicht. Der Salzstock in Gorleben ist nach allen vorliegenden wissenschaftlichen Untersuchungen als Endlager geeignet. Er wurde ursprünglich für dreimal so viele Kernkraftwerke konzipiert wie heute am Netz sind. Selbst nach 60 Jahren Laufzeit und vollständiger Entsorgung der bestehenden Meiler wäre er nicht mal zur Hälfte gefüllt. Aus Gabriels Sicht hat er aber einen gravierenden Nachteil: Gorleben liegt in seinem Heimatland Niedersachsen.


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Quelle: FMH-Finanzberatung
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