Romer ist kein vergeistigter Theoretiker, den die Praxis schnell entzaubert. Im Jahr 2000 gründete er die erfolgreiche Lernsoftwarefirma Aplia, die er 2007 weiterverkaufte. Mit diesem Geld finanziert er nun das Projekt "Charter Cities". Den Begriff lieh sich Romer von der Charta des US-Staats Pennsylvania. Dessen Gründungsvater William Penn versprach 1682 Religions- und Handelsfreiheit, was fähige Einwanderer aus Europa anzog und Nachbarstaaten wie Massachusetts unter Druck setzte, ähnliche Garantien zu geben.
Solch einen Gründungsvertrag will Romer nun auch für seine Stadt vom Reißbrett abschließen. Zwei oder mehrere Länder, so sein Plan, vereinbaren erst die rechtlichen, politischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen, dann wird auf der grünen Wiese gebaut. Der erhoffte Effekt: Unternehmen aus der ganzen Welt investieren, weil sie langfristig auf Rechtssicherheit zählen können. Gleichzeitig wandern Menschen ein, die Arbeit suchen und sich einen materiellen Aufstieg erhoffen.
Guantánamo als Siedlungsgebiet
Als ideale Siedlungsgebiete hat Romer Kenia ausgemacht sowie Guantánamo auf Kuba, das bislang wegen des US-Gefangenenlagers berüchtigt ist. Die Verwaltungsrechte an der karibischen Sonderzone könnten an Brasilien oder Kanada übertragen werden. Im Prinzip ist das Projekt aber in jedem Entwicklungsland durchführbar.
Romers großes Vorbild heißt Hongkong. Dort habe Großbritannien als Garantiemacht gedient, während China die Stadt irgendwann als Spielwiese für das Ausprobieren von Marktwirtschaft entdeckt habe und in der Nähe die Sonderwirtschaftszone Shenzhen aufbaute.
Hongkong kam natürlich nicht freiwillig ins britische Empire. Romer wird von Kritikern deshalb als Neokolonialist beschimpft, obwohl sein Konzept auf Freiwilligkeit beruht. Niemand werde gezwungen, in der neuen Stadt zu leben. "Man kann Romer vieles vorwerfen, aber Kolonialismus nicht", sagt der Uno-Berater Dissanayake. Romer selbst sagt, dass er mit seiner Idee in Afrika und Lateinamerika auf großes Interesse stoße, in den Industrieländern indes auf Granit beiße: "Man hält sich da sehr zurück."
In den USA sei die Philosophie verwurzelt, man "schickt Truppen in ein Land, schmeißt die miesen Typen raus und zieht sich wieder zurück", klagt Romer. Deutschland hingegen ist aus seiner Sicht der ideale Vertragspartner: "Es schleppt deutlich weniger koloniales Gepäck mit sich herum als andere europäische Staaten." Entwicklungsländer seien von der Idee fasziniert: "Millionen Menschen würden sich darum reißen, in einem zweiten München in Afrika leben zu können."
Magatte Wade, eine Unternehmerin aus dem Senegal, die mit afrikanisch angehauchten Getränken und Kosmetika in den USA Millionen umsetzt, hält Romers Idee keineswegs für Spinnerei: "Wirtschaftlich würde das bei uns einschlagen wie eine Bombe."
Wades Wort hat durchaus Gewicht. Sie ist politisch einflussreich, arbeitet etwa gemeinsam mit der senegalesischen Präsidentengattin in einer Stiftung für Gesundheits- und Bildungsfragen. Im Detail ist sie von Romers Konzept aber noch nicht überzeugt: Nur das Wirtschaftsrecht dürfe aus dem Ausland stammen, Straf- und Familienrecht müssten aus dem Gastland übernommen werden.
Begriffe wie "Kulturgemeinschaft" spielen für den Ökonomen allerdings eine untergeordnete Rolle. Als Beleg für die Durchschlagskraft von Regeln nennt Romer Nord- und Südkorea, die wie durch "ein kontrolliertes Experiment" gegangen seien: "zweimal dieselbe Kultur, zwei völlig verschiedene Entwicklungen".
Wird die Idee jemals Realität?
Demokratisch soll es in den Reißbrettmetropolen nicht zugehen. Die Bewohner dürfen anfangs nur mit den Füßen abstimmen. Und die Lokalpolitiker vor Ort sollen einen ähnlichen Spielraum erhalten, wie etwa Notenbanker ihn genießen. Fed-Chef Ben Bernanke habe ja in der Krise auch ganz neue Wege beschritten, ohne dafür eine Erlaubnis einzuholen, argumentiert Romer. Allerdings kann Bernanke nicht nach Belieben regieren und entscheiden. Er muss sich gegenüber dem Parlament rechtfertigen, die Parlamentarier können seine Befugnisse beschneiden.
Hat die Idee der Charter Cities jemals eine Chance, Realität zu werden? Der Visionär vergleicht das Projekt mit seinem früheren Startup Aplia: große Widerstände, geringe Erfolgsaussicht, enorme Gewinnchance. "Stellen Sie sich einen Gelehrten im 16. Jahrhundert vor, der einen Wechsel zur Demokratie fordert", sagt Romer. "Jeder hätte gesagt: Unmöglich."
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