Der Anspruch ist versteckt und verschlüsselt. Brandenburgs Sozialdemokraten feiern im Potsdamer Volkspark ihr Sommerfest, auf der Bühne spricht Frank-Walter Steinmeier. Hier im alten preußischen Kernland möchte der Außenminister bei der Bundestagswahl nächstes Jahr einen Wahlkreis gewinnen; für den 52-Jährigen wäre es das erste politische Mandat. Doch der Spätberufene lässt die Besucher an diesem Juli-Abend spüren: Er will mehr. Er kämpft für die Kanzlerkandidatur – und das offenbart ein Satz gegen Ende seiner Rede ganz besonders. "Die SPD", ruft Steinmeier der Menge zu, "fühlt sich verantwortlich für die Menschen, die hart arbeiten, für die Menschen, die sich an Regeln halten!" Es folgen noch ein paar aufrüttelnde Worte an die lieben Genossinnen und Genossen, dann spielt die Lübbenauer Stadtkapelle das Steigerlied der Bergleute.
Dem an den Sozialdemokraten klebenden Verdacht des machtpolitischen Opportunismus gibt der besorgniserregende Vormarsch der Linken Nahrung. Im Gefolge von deren Aufstieg haben sich die Koordinaten des politischen Spektrums verschoben. Parteichef Oskar Lafontaine erscheint gar als der wahre Gegenspieler der Kanzlerin, der die Richtlinien der Politik in diesem Land maßgeblich mitbestimmt. Vier von zehn Führungsspitzen meinen, dass er – abgesehen von der Kanzlerin –"die Politik in Deutschland am meisten beeinflusst". Abgeschlagen auf den Plätzen folgen die "Stones": Steinbrück und Steinmeier. Und dass die Linke überhaupt eine solche fulminante Karriere hinlegt, schreiben gleich 90 Prozent der Führungsspitzen deren schillerndem Vormann zu.
Eine solche Erfolgsgeschichte, die sich in den alten Bundesländern ja nicht aus DDR-Nostalgie speist, wäre allerdings selbst für den begnadeten Agitator Lafontaine ohne den passenden Nährboden nicht möglich gewesen. Bei der Linken sammeln sich die Verlierer von Globalisierung und technologischem Fortschritt – und als solche fühlen sich nicht wenige.
So kommt es, dass die Ex-Kommunisten derzeit auch die politischen Diskurse bestimmen: viel linkes Gefühl und ein Wettlauf der Populisten überall. Verständnis dafür gibt es in den Chefetagen der Wirtschaft kaum. 71 Prozent halten die ganze Armutsdebatte für "übertrieben". 62 Prozent "haben nicht den Eindruck, dass die sozialen Unterschiede in Deutschland zu groß sind". Die Spitzenpolitiker dagegen, infiziert vom Lafontaine-Bazillus, entdecken zu 53 Prozent ein "zu großes soziales Ungleichgewicht".








