Jürgen Großmann ist das Multitalent unter Deutschlands Wirtschaftsbossen. Der 56-Jährige ist Vorstandschef des Energiekonzerns RWE, besitzt mit den Stahlwerken Georgsmarienhütte ein eigenes Unternehmen und hat gute Kontakte in die Politik. So einer müsste doch eigentlich wissen, was die Krise noch alles bringt.
Also, wie geht es weiter, Herr Großmann? – "Das Problem ist die weltweite Gleichzeitigkeit der Finanz- und Wirtschaftskrise. Es drohen Protektionismus, drastisch steigende Arbeitslosigkeit, verknappte und teure Kredite." Das ist Großmanns schwarzes Szenario. Er hat aber auch ein anderes: "Die Menschen behalten ihren Optimismus, im Finanzsektor setzt sich wieder Vertrauen durch, die Banken lernen, dass man ohne Kreditvergabe nicht überleben kann."
Hin- und hergerissen zwischen Bangen und Hoffen – diese Gemütslage ist typisch für die Stimmung in den Top-Etagen der Konzerne und großen Mittelständler hierzulande. Die Firmenlenker bangen, dass die Krise zur fürchterlichen Depression wird und der Volkswirtschaft einen dauerhaften Schlag versetzt. Aber noch sind sie nicht in Rezessionsmentalität verfangen, sondern strahlen weiter Optimismus aus. Sie hoffen, dass die Konjunktur sich nicht allzu spät wieder berappelt und die Regierung das Richtige dafür tut.
Wie groß der Zwiespalt ist, belegen gleich zwei Umfragen. Zum einen gaben auf Capital-Anfrage etliche Chefs der Dax-Konzerne ihre Einschätzungen zur Lage ganz offen zu Protokoll. Zum anderen weisen die Ergebnisse der neuen Runde des Capital-Elite-Panels die Befindlichkeit der Top-Entscheider in den Unternehmen gesammelt und repräsentativ aus. Dazu befragte das Institut für Demoskopie Allensbach (IfD) mehr als 600 Führungsspitzen aus Wirtschaft, Politik und Verwaltung.
Einerseits zeigen sich auch im Elite-Panel deutlich die Ängste der Spitzenmanager. 94 Prozent fürchten, dass es im nächsten halben Jahr noch weiter abwärts geht. Drei Viertel sind wegen der aktuellen Entwicklung "stark" oder "sehr stark beunruhigt" – und rechnen frühestens im Jahr 2010 wieder mit Besserung.
Jeder Zweite sieht sich zu vernünftigen Planungen schon nicht mehr imstande, sondern kann sein Unternehmen nur noch auf Sicht fahren. "Der Konjunkturpessimismus der Führungsspitzen ist so ausgeprägt wie noch nie in zwei Jahrzehnten Elite-Panel", resümiert IfD-Chefin Renate Köcher.
Angesichts der sich rasch verschlechternden Fundamentaldaten verwundert das nicht: Die Finanzkrise hat die Realwirtschaft voll erfasst. Die Auftragseingänge der deutschen Industrie brechen ein, zuletzt um sechs Prozent, die Produktion sinkt ebenfalls. Für 2009 warnt Norbert Walter von der Deutschen Bank gar vor einem in der Bundesrepublik nie dagewesenen Absturz des Bruttoinlandsprodukts um vier Prozent.








