Tatsächlich bedeutet das, was zurzeit in der Absicht unternommen wird, das Studium an den deutschen Hochschulen nach europäischen Maßstäben zu reorganisieren und sie zu Zulieferern für den modernen Arbeitsmarkt zu machen, nicht weniger als den Abschied von der alten Universitätsidee. Die Revolution stellt die Wirtschaftsvertreter und Politiker zufrieden. Der Nachwuchs an Fachleuten wird rasch zunehmen. Doch fraglich scheint, ob den Unternehmen und dem Land auf Dauer mit dem Ergebnis gedient sein wird.
Die alte Maxime der Hochschule hatte sich in Deutschland mit den Grundsätzen verbunden, die der große preußische Reformer Wilhelm von Humboldt zu Beginn des 19. Jahrhunderts formuliert und durchgesetzt hatte. So wurde die von ihm begründete Berliner Universität vom Staat weitgehend – wenn auch nicht vollständig – unabhängig. Indem man die Wissenschaft dazu ermunterte, ihre eigenen Ziele zu verfolgen, würde sie, so von Humboldts einfache, aber folgenreiche Überlegung, gleichzeitig auch den Zielen des Staates dienen, gründlicher und nachhaltiger sogar als an dessen kurzer Leine. Selbstzweck als Staatszweck – das war die grundstürzende Idee von Humboldts. Sie erwies sich als so erfolgreich, dass sie schon bald in aller Welt kopiert wurde.
Ihr Kern bestand aus drei Elementen: Der Einheit der Disziplinen, die bei aller Verschiedenheit untereinander Fühlung halten und den gegenseitigen Austausch pflegen sollten; der Einheit von Forschung und Lehre, mit deren Hilfe den Studenten keine Wissensbruchstücke, sondern der Sinn fürs Ganze vermittelt werden sollte; und der Einheit von Lehrenden und Lernenden. Sie sollte Dozenten und Studenten in dem Bewusstsein aneinander binden, dass nicht die einen für die anderen da sind, sondern beide gemeinsam für die Wissenschaft. Diese drei Einheiten haben aus der Universität Humboldt’scher Prägung eine Welt für sich gemacht. Sie hielt zu den anderen Mächten, zur Politik vor allem und zur Wirtschaft, Abstand und entzog sich damit jener Indienstnahme, zu der sie der Bologna-Prozess verpflichten will.
Die neue Universität fühlt sich einem anderen Leitbild verpflichtet als dem von Humboldt. Wie alle anderen Einrichtungen soll, muss und will sie Dienstleistungen erbringen. Es hat eine Zeit lang gedauert, bis die neue Lehre überall angekommen war und nachgesprochen wurde; inzwischen ist es allerdings so weit. Denn mittlerweile sind es die Präsidenten und Rektoren selbst, die von der Wissenschaft als einer Marke sprechen, die ihre Universität ein Unternehmen nennen und als Zulieferbetrieb für den modernen Arbeitsmarkt anpreisen. Das neue Selbstverständnis, das der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) noch vor zehn Jahren den Hochschulen glaubte aufnötigen zu müssen, ist ihnen selbst ans Herz gewachsen. Nicht der staatlich verordnete Bildungsauftrag, so der BDI damals, "sondern die Orientierung an Kundenwünschen" müsse Maxime für das Leistungsangebot der Universitäten sein.
Als sie das verlangten, hatten die Unternehmer sich selbst im Auge. Da es ihre Personalvorstände sind, die über die Einstellungschancen der jungen Bewerber entscheiden, wollen sie auch bestimmen oder mitbestimmen über das, was da gelehrt und gelernt werden soll. Sie wollen den Fachmann. Denn nur ein Fachmensch hat gelernt, wie man den Fortschritt weitertreibt und das Volkseinkommen dadurch mehrt, dass man auf immer kleineren Parzellen immer weiter in die Tiefe bohrt. Dort unten hofft man jene Schätze zu entdecken, die den Reichtum des Landes ausmachen und ihm seine Wettbewerbsfähigkeit sichern können. Für diese Absicht steht Bologna. In seinem Namen werden die hergebrachten Disziplinen in ihre Einzelteile aufgelöst, beliebig portionierbar wie ein Fertiggericht. Das Studium besteht nicht mehr aus Fächern, aus in sich geschlossenen Einheiten, die so etwas wie Überblick erlauben, sondern aus Modulen, bunten Mosaiksteinen, die sich zu immer neuen Mustern zusammensetzen lassen, aber kein Bild, nichts Ganzes mehr ergeben.
Vermittelt wird alles Mögliche, nur keine Vorstellung vom Sinn und Zweck des Wissens; darüber zu entscheiden, behalten sich die Personalvorstände vor. Studenten sollen das Know-how erlernen, nicht etwa das Know-why. Sie sollen wissen, wie man ein vorgeschriebenes Pensum in vorgeschriebener Zeit hinter sich bringt. Wenn sie das können und ihre Credit-Points beisammen haben, gelten sie als berufsfertig.
Bologna bringt den alten Widerstreit von Wort und Tat zum Abschluss. Der Generalist wird nach wie vor gefordert, in aller Regel aber nicht belohnt. Wo er gegen den Spezialisten antritt, der nach dem Sinn und Zweck des Unternehmens nicht erst lange fragt, hat er das Nachsehen. Der Fachmann lässt sich leichter lenken als der Generalist, der Dinge wissen will, die ihn laut Arbeitsplan nichts angehen, und eigenwillig reagiert, wenn die Antwort anders ausfällt, als er sie sich gedacht hatte. Die Hochschulen haben das erkannt und beeilen sich, die wachsende Nachfrage zu erfüllen.
Weitsichtig handeln sie damit wahrscheinlich nicht. Was Friedrich Schleiermacher, neben von Humboldt die entscheidende Figur bei der Neugründung der Berliner Universität, zu seiner Zeit dem Staat vorgeworfen hatte, ließe sich heute mit gleichem Recht gegen manche Unternehmer einwenden: dass sie sich selbst schädigen, wenn sie die Universität als eine Anstalt betrachten, in der die Wissenschaft nicht um ihrer selbst willen, sondern in fremdem Namen betrieben wird. Die Wirtschaft scheint zu fürchten, dass sich der Universitätsbetrieb im Kreise eines unfruchtbaren, vom Leben und von der Anwendung weit entfernten Lernens und Lehrens herumdrehen würde, wenn er sich selbst überlassen bliebe. Zu fürchten ist jedoch das Gegenteil. Denn wo die Zukunft ungewiss ist und die Anforderungen fast täglich wechseln – und wann hätten sie häufiger und gründlicher gewechselt als heute? –, dürfte die unspezifische Bildung der hoch spezialisierten Ausbildung, die immer nur in eine und dieselbe Richtung blickt, überlegen sein.
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