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07.09.2010
Umweltminister Norbert Röttgen (M.) ist für die Reaktorsicherheit zuständig
Umweltminister Norbert Röttgen (M.) ist für die Reaktorsicherheit zuständig
Foto: ddp

Atomkompromiss

Schwarz-Gelb geht volles Risiko

von Nikolai Fichtner

Die Regierung lässt die Atomkraftwerke zwar länger laufen, doch bei der Sicherheit schiebt sie die Verantwortung ab: Die Stromkonzerne haben sich ein komfortables Ergebnis erkämpft. Sie sparen sich das Geld für teure Schutzmaßnahmen.

Die Bundesregierung verbindet die Verlängerung der Atomlaufzeiten nicht mit konkreten Sicherheitsauflagen für AKW-Betreiber. Stattdessen sollen die Aufsichtsbehörden lediglich größere Spielräume bekommen, neue Sicherheitsstandards im Einzelfall durchzusetzen. Der für die Reaktorsicherheit zuständige Umweltminister Norbert Röttgen (CDU) hatte zuvor gefordert, die Reaktoren müssten vor Flugzeugabstürzen geschützt werden. Davon war bei der Vorstellung des Energiekonzepts keine Rede mehr.

Röttgen sprach am Montag nur noch von der "Möglichkeit, neue Standards durchzusetzen". Die Kosten der nun fälligen Nachrüstung bezifferte er auf 500 bis 600 Mio. Euro pro Kraftwerk. Der Schutz vor Flugzeugabstürzen würde dagegen mehr als 1 Mrd. Euro kosten.

Damit bleibt den Konzernen der teure Schutz aller Atomkraftwerke vor Terrorattacken aus der Luft erspart. Sie hatten zuvor gewarnt, die Nachrüstungen könnten einzelne Meiler unrentabel machen. Stattdessen könnte es in Zukunft regional unterschiedliche Sicherheitsstandards geben. Die Länder sind für die Atomaufsicht vor Ort zuständig, ihre Behörden sollen nun einen größeren Ermessensspielraum bekommen. So ist denkbar, dass beispielsweise Schleswig-Holstein einen strengeren Schutz vor Flugzeugabstürzen durchsetzt als Bayern.

Zudem zeichnet sich ab, dass gerade ältere Kraftwerke um höhere Sicherheitsstandards herumkommen. So sollen die zehn jüngeren AKW 14 Jahre länger laufen, die sieben älteren AKW jedoch nur acht Jahre länger. So ließen sich teure Nachrüstungen für ältere Kraftwerke vermeiden. In der Regierung hieß es dazu, bei nur acht Jahren Laufzeitverlängerung lohnten sich teure Nachrüstungen für alte Kernkraftwerke nicht. Röttgen sprach davon, dass man auch "technische Realisierungszeiträume berücksichtigen" müsse. Der Bau einer zweiten Kuppel zum Schutz vor Flugzeugabstürzen dauert mindestens sechs Jahre.

In der Realität könnten jedoch auch die älteren Kraftwerke ein deutlich größeres Laufzeit-Plus erhalten als die von der Regierung angekündigten acht Jahre. Die Bundesregierung teilt die Zusatzlaufzeiten nämlich nicht in Form von Jahren, sondern in Form von Strommengen zu. Dabei rechnet sie damit, dass Kernkraftwerke bis 2016 zu 95 Prozent ausgelastet sind. Bis 2021 solle die Auslastung dann auf 85 Prozent sinken. Die tatsächliche Auslastung der Kernkraftwerke liegt jedoch nach Zahlen des Atomforums deutlich niedriger. Für alle Kernkraftwerke zusammen lag sie 2009 bei 74 Prozent.

Gerade ältere Reaktoren wie Biblis A (68 Prozent), Brunsbüttel (58 Prozent) oder Isar 1 (83 Prozent) sind - bezogen auf ihr bisheriges Kraftwerksleben - von einer Vollauslastung weit entfernt. Bleibt es auch in Zukunft bei den bisherigen Auslastungen, werden die Laufzeiten für diese Kraftwerke nicht um acht Jahre verlängert, sondern um knapp neun (Isar 1), knapp elf (Biblis A) oder knapp 13 (Brunsbüttel).

Auch neuere Kernkraftwerke könnten deutlich länger laufen als die von Schwarz-Gelb avisierten 46 Jahre Lebensdauer. Kanzlerin Angela Merkel räumte am Montag ein, niemand könne sagen, wann das letzte Atomkraftwerk vom Netz gehe. Auf dem Papier würde etwa Neckarwestheim 2 als jüngstes Kernkraftwerk statt 2022 nun im Jahr 2036 vom Netz gehen. Tatsächlich ist jedoch absehbar, dass Kernkraftwerke in Zukunft deutlich weniger Strom liefern als bisher, um den Ausbau des schwankenden Ökostroms auszugleichen. Nach Berechnungen des Öko-Instituts verlängert sich etwa die Lebensdauer des AKW Neckarwestheim 2 dadurch bis 2040.

Dazu kommt, dass die Betreiber der Kernkraftwerke auch in Zukunft Strommengen von älteren auf jüngere Anlagen übertragen dürfen. Das könnte sich dann lohnen, wenn der Betrieb älterer Reaktoren durch Sicherheitsauflagen unrentabel würde. Jüngere Meiler könnten mit diesen zusätzlichen Strommengen unter Umständen auch über das Jahr 2050 hinaus laufen.

Die atompolitische Sprecherin der Grünen, Sylvia Kotting-Uhl, kritisierte: "Was die Jahreszahlen angeht, führt die Bundesregierung die Öffentlichkeit hinters Licht." Die Entscheidung sei der "größtmögliche Sieg der AKW-Betreiber und in Sachen Sicherheit ein Rückschritt auf der ganzen Linie".

Gefunden bei
www.ftd.de

Quelle: ftd
© 2010 capital.de

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Quelle: FMH-Finanzberatung
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 Quelle: vwd netsolutions GmbH
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