Da liegt das Fell eines erlegten Löwen auf dem blanken Parkett, in der Ecke kauern ein paar Terrakottasoldaten, wie stille Zeugen eines großen Kampfes. Gerhard Strate empfängt in seiner Kanzlei am feinen Hamburger Holstenwall. Das Büro nimmt samt Privatbibliothek die gesamte sechste Etage ein, in der Luft hängt Zigarettenrauch, an den Wänden viel Kunst. Hier arbeitet er oft stundenlang an seinen Schriftsätzen, wühlt sich durch Bilanzen und zugespielte E-Mails - auf seinem privaten Feldzug gegen die Schuldigen der Finanzkrise.
"Wir haben es hier mit Akteuren zu tun, die diese Gesellschaft zugrunde richten", sagt er ganz ruhig. Seine Stimme knarzt vom vielen Tabak. "Das sind Hasardeure der schlimmsten Sorte. Und die sollen davonkommen?" Er zieht an seiner Zigarette. "Das geht nicht."
Strate ist Anwalt, Strafverteidiger, ein Kämpfer ohne Angst vor großen Namen. Im Kosovo-Krieg ist er medienwirksam gegen die Bundesrepublik vor Gericht gezogen. Er hat die zweifache Kindsmörderin Monika Böttcher verteidigt, deren Fall das Land in den 80er- und 90er-Jahren in Atem hielt, er hat den Internetunternehmer Alexander Falk vertreten, die Hamburger Kiez-Größe Burim Osmani, den Terrorverdächtigen Mounir al-Motassadeq. Große Prozesse waren das, und immer ging es um die großen Fragen der Gesellschaft, um das Selbstverständnis des Rechtsstaats im Angesicht von Mord, Krieg, Betrug oder Terror. Nun hat sich Strate in die Finanzkrise verbissen.
Zehn Schriftsätze hat er in den vergangenen Monaten verschickt, Strafanzeigen gegen Manager der HSH Nordbank, der Hypo Real Estate (HRE) und der BayernLB, gegen das Führungspersonal von Deutschlands Pleitebanken. Es geht darin um schwere Untreue und Bilanzfälschung. Für Strate geht es aber auch um Schuld und Sühne, sogar um die Demokratie.
"Das ist eine neue Qualität kriminellen Handelns", sagt er erregt. Er lehnt sich in seinem Stuhl vor, sein Ellenbogen stützt sich auf einen Quartalsbericht der HSH Nordbank. "Doch da draußen ist eine Stille, die mich aufregt. Es scheint, als würde sich niemand trauen, Einzelne für die Finanzkrise verantwortlich zu machen, so gewaltig erscheint sie."
Mehr als 17 Monate sind seit dem Zusammenbruch der amerikanischen Investmentbank Lehman Brothers vergangen, mehr als 16 seit der dramatischen Rettung der HRE. Mit aberwitzigen Summen hat der deutsche Staat Banken gerettet, auf Jahrzehnte ist er nun gefesselt, zu einem eisernen Sparkurs gezwungen. Moralisch ist seit Langem klar, wo die Schuldigen für dieses Debakel zu suchen sind: In den Vorstandsetagen der Banken. Doch juristisch ist bislang nichts passiert, weder in Deutschland noch sonst wo in der Welt.
- Teil 2: Die atemberaubende Raffgier darf nicht folgenlos bleiben
- Teil 3: Noch kein einziger Banker vor Gericht
- Teil 4: Jeden Tag einen kleinen Schritt voran
- Teil 5: Straftat Finanzkrise - oder Hexenjagd?
- Teil 6: "Ich will einfach nur verstehen, was hier passiert ist"
- Teil 7: Eine Frage der Abschreckung
- Teil 8: Wer im Visier der Ermittler steht



















