Bis zu zehn neue Meiler könntenn in dem skandinavischen Land als Ersatz für alte Reaktoren gebaut werden. Das seit 30 Jahren geltende Neubauverbot für Atommeiler ist somit aufgehoben. Das hat der schwedische Reichstag am Donnerstagabend beschlossen.
Auch in Spanien verbuchte die Atomindustrie einen wichtigen Erfolg: Unbemerkt von der breiten Öffentlichkeit verlängerte die Regierung von José Luis Rodríguez Zapatero Anfang Juni die Laufzeit des Groß-AKW in Almaraz um zehn Jahre bis 2020. "Spanien hat sich still und leise vom politischen Atomausstieg verabschiedet", sagte Christopher Weßelmann, Chefredakteur des Branchenblatts "ATW".
Schweden und Spanien sind nur zwei von Dutzenden Fällen: Ein Vierteljahrhundert nach Tschernobyl ist die Atomangst einer neuen Nukleareuphorie gewichen. Allein in China entstehen derzeit 20 Reaktoren, für weitere 34 haben die Behörden die Baugenehmigung erteilt. In den USA, wo seit den späten 70er-Jahren kein neuer Meiler mehr in Auftrag gegeben wurde, vollzog die Regierung jüngst die nukleare Wende: Mit 8 Milliarden Dollar fördert Washington den Bau von zunächst zwei Kraftwerken im Bundesstaat Georgia, weitere sollen folgen. "Wir müssen in Amerika eine neue Generation sicherer und sauberer Nuklearanlagen errichten", sagte Präsident Barack Obama.
Weltweit laufen derzeit 437 Atomkraftwerke. Ende vergangenen Jahres befanden sich zudem 53 neue Meiler im Bau - so viele wie seit den 80er-Jahren nicht mehr. Weitere rund 150 AKW werden zurzeit konkret geplant, schreibt die Branchenlobby World Nuclear Association. In Europa wollen neben den Schweden unter anderem Italien, Finnland, Großbritannien und die Schweiz neue Atomkraftwerke bauen. Deutschland befindet sich international in einer Minderheitsposition: Als einziges G8-Mitglied lehnt Berlin den Bau neuer Reaktoren grundsätzlich ab. Die von der schwarz-gelben Koalition angestrebte Laufzeitverlängerung droht wegen der unklaren Mehrheitsverhältnisse im Bundesrat zu scheitern.
Viele Experten sehen das Atomcomeback kritisch - nicht nur aus Sicherheitsgründen. "Unter ökonomischen Aspekten ist der Beschluss riskant, neue Kernkraftwerke zu bauen", sagte Christian Küppers vom Freiburger Ökoinstitut. Die Investitionen seien ungleich höher als beispielsweise bei Gaskraftwerken.
Unklar ist auch, wie lange die globalen Uranvorräte ausreichen. In China etwa soll sich die Nachfrage nach dem raren Rohstoff laut Branchenkennern bis 2030 verzehnfachen.
Schließlich: Skeptiker bezweifeln die Realisierbarkeit vieler Projekte. Die regional organisierte US-Stromwirtschaft zum Beispiel gilt als zu kapitalschwach, um den Obama-Plan umzusetzen.
Eigentlich hätte das schwedische Atomprogramm in diesem Jahr auslaufen sollen. Nach einer Volksabstimmung über den Ausstieg aus der Kernkraft 1980 hatte der Reichstag jeden Neubau von neuen Anlagen ausdrücklich verboten. Mit der Kehrtwende hat die bürgerliche Regierung unter Ministerpräsident Fredrik Reinfeldt erreicht, dass die derzeitigen Atomreaktoren wenn sie stillgelegt werden müssen, ersetzt werden. Umweltminister Andreas Carlgren sagte: "Es ist okay mit den Protesten gegen die Atomkraft, aber man muss auch erklären, was zur Verminderung der klimaschädlichen Stoffe getan werden soll."
Schwedens drei Atomkraftwerke Forsmark, Ringhals und Oskarshamn decken etwa die Hälfte des heimischen Strombedarfs.
Quelle: ftd.de
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