Bei der monatlichen Zinsumfrage der "Financial Times Deutschland" (FTD) unter internationalen Banken gaben 56 Prozent an, dass sie 2010 keine Zinsanhebung mehr erwarten. In den vergangenen Monaten hatte stets eine Mehrheit auf einen ersten Schritt gegen Herbst oder Ende 2010 gesetzt.
Zudem erwarten die Volkswirte, dass die Europäische Zentralbank (EZB) ihre beispiellosen Liquiditätshilfen für Banken nur sehr langsam zurückfahren wird. "Sie bleibt bei einem vorsichtigen Ausstieg", sagt Michael Schubert, EZB-Experte der Commerzbank. Die meisten Volkswirte rechnen damit, dass die EZB noch mindestens bis ins dritte Quartal hinein dabei bleibt, bei ihren wöchentlichen Hauptrefinanzierungsgeschäften den Banken zum Leitzins stets so viel Geld zu leihen, wie diese wollen - und es nicht wie früher üblich zu versteigern.
Die EZB steckt im Dilemma: In der Finanzkrise hat sie den Leitzins auf 1,0 Prozent gesenkt, erstmals Wertpapiere angekauft und den Banken so viel Geld wie nie geliehen. Jetzt ist einerseits die tiefste Rezession der Euro-Länder seit 1945 überwunden, und die Lage an den Märkten hat sich etwas stabilisiert. Das spricht dafür, die ultralockere Geldpolitik zurückzufahren. Andererseits hat die Erholung Ende 2010 bereits an Schwung verloren, und es gibt Risiken wie eine mögliche Kreditklemme. Zudem verunsichert die Angst vor einer Pleite Griechenlands die Märkte. Ein aggressiver Ausstieg könnte die Probleme verschlimmern.
Der weitere Kurs ist auch innerhalb der EZB umstritten: Einige Notenbanker betonen vor allem, dass eine zu lange zu lockere Geldpolitik zu hoher Inflation und neuen Finanzexzessen führen kann. Andere sprechen stärker über die Risiken für Wirtschaft und Banken.
Für die Sitzung am Donnerstag erwarten alle von der FTD befragten Beobachter, dass die EZB den aktuellen Leitzins wie zuletzt üblich als "angemessen" und die Erholung als "holprig" bezeichnen wird. Das spricht gegen eine baldige Zinswende. Selbst von jenen Volkswirten, die 2010 eine erste Zinserhöhung erwarten, haben sie viele nun weiter Richtung Jahresende verschoben oder sehen die Option, dass sie erst 2011 kommt.
Gespannt erwarten die Beobachter aber, welche neuen Details die EZB zum Ausstieg aus ihren Liquiditätshilfen bekannt gibt. Die Erwartungen gehen stark auseinander. Im Mittelpunkt des Interesses steht die Frage, wie lange die EZB den Banken bei den Repo-Geschäften noch stets so viel Geld leiht, wie diese nachfragen - und das fix zum Leitzins.
Diese Praxis gilt als Grund dafür, dass am Geldmarkt die für die Refinanzierung der Banken wichtigen Sätze - wie der Eonia-Zins am Interbankenmarkt - gar unter dem Leitzins liegen. Daher ist die Geldpolitik noch lockerer, als es der Leitzins ohnehin suggeriert. Im Dezember hatte die EZB angekündigt, sie halte daran "so lange wie nötig" fest - mindestens aber bis Mitte April.
Einige Bankvolkswirte erwarten nun, dass die EZB bereits im zweiten Quartal zumindest bei länger laufenden Repo-Geschäften über einen oder drei Monate von der Vollzuteilung abweicht und eine zuvor festgelegte Summe versteigert. Bei den Geschäften mit einer Woche Laufzeit sehen sie ein Ende der Vollzuteilung zur Jahresmitte. Das würde die Geldmarktsätze steigen lassen - und de facto einer Zinserhöhung gleichkommen.
















