Herr Padoan, die OECD hat die Verhältnisse auf dem deutschen Arbeitsmarkt in der Vergangenheit häufig kritisiert. Wundern Sie sich nun, dass ausgerechnet die Deutschen die Krise so gut wegstecken?
Padoan: Die bisherige Performance ist beeindruckend, keine Frage. Ich habe angesichts der Schärfe der Rezession mit einem deutlich größeren Stellenabbau gerechnet. Aber man darf die Gefahren nicht aus den Augen verlieren. Die Subventionen in Form von Kurzarbeit sind eine Wette auf einen schnellen und kräftigen Aufschwung – und ob der kommt, ist vorsichtig formuliert fraglich.
Die deutsche Wirtschaft wächst schon wieder recht dynamisch.
Padoan: Ich will nichts beschreien. Aber können wir heute schon den Sieg über die Krise verkünden? Die Antwort lautet: Nein. Ich rechne unter anderem für Deutschland im laufenden Jahr nur mit einer leichten Beschleunigung des Wirtschaftswachstums.
Würde diese Wachstumsrate ausreichen, um Entlassungen zu vermeiden?
Padoan: Ich bezweifle, dass die Unternehmen genug Eigendynamik entwickeln, um die auslaufenden Konjunkturhilfen auszugleichen. Für den Arbeitsmarkt bin ich deshalb eher skeptisch. Es dürften in Deutschland – wie in vielen anderen Staaten auch – Jobs verloren gehen. Und wir werden einen Anstieg der Langzeitarbeitslosigkeit erleben.
Warum so pessimistisch? Selbst US-Ökonomen sprechen von einem deutschen Jobwunder. Kann Arbeitsmarktpolitik made in Germany nicht als Vorbild für Europa und die USA dienen?
Padoan: Ich will ja gar nicht bestreiten, dass andere Länder von Positivbeispielen etwa aus Deutschland lernen können – und sollten. Aber es wäre falsch zu glauben, dass es einen Königsweg gibt. Dafür sind die Bedingungen auf den nationalen Arbeitsmärkten viel zu unterschiedlich. Das sehen Sie schon innerhalb der Europäischen Union. Dänemark lässt sich nur schwer mit Großbritannien oder Spanien vergleichen. Auch das Instrument der Kurzarbeit liefert da leider keine Blaupause.
Sie verhindert zumindest, dass Humankapital vernichtet wird, weil Hunderttausende von gut qualifizierten Arbeitnehmern ihren Job verlieren.
Padoan: Die massive Ausweitung der Kurzarbeit war ein nützliches Instrument, weil die Rezession so gravierend war wie noch nie seit dem Zweiten Weltkrieg – eine außergewöhnliche Reaktion auf eine einmalige Krise. Auch die Geld- und Finanzpolitik hat Wege beschritten, die in normalen Zeiten kaum denkbar gewesen wären. Wie dort gilt nun auch für die Jobsubventionen: Wir brauchen eine klare, verbindliche Exit-Strategie.
Woher soll die Politik denn wissen, wann genau sie die Hilfen für Unternehmen und Beschäftigte wieder zurückfahren soll, ohne dabei den Aufschwung zu gefährden?
Padoan: Das Timing ist in der Tat schwierig, niemand kann den perfekten Zeitpunkt bestimmen, auch die OECD nicht. Aber Monat für Monat wächst die Gefahr, dass die Nachteile der Kurzarbeit die Vorteile übersteigen. Das gilt für die hohen Kosten genauso wie für Verzerrungen am Arbeitsmarkt und den künstlichen Erhalt von Jobs. Ein Allheilmittel für die Zukunft ist die Kurzarbeit sicher nicht.
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