Herr Walter, Ihre Konjunkturprognose für Deutschland Anfang 2009 wurde heftig kritisiert. Haben die Kritiker inzwischen Abbitte geleistet?
Das ist nicht üblich, und ich erwarte das auch nicht. Ich bin schon seit 40 Jahren im Geschäft, da weiß man, was man erwarten sollte und was nicht.
Was haben Sie damals eigentlich gesehen, was die anderen nicht sahen?
Norbert Walter
ist einer der bekanntesten Ökonomen Deutschlands und war bis Ende 2009 Chefvolkswirt der Deutschen Bank. Mit provokanten Aussagen und kühnen Prognosen sorgte er in der Öffentlichkeit und bei der Zunft der Volkswirte immer wieder für Aufmerksamkeit. Sein Aufstieg begann 1971, als er vom Institut für Kapitalmarktforschung in Frankfurt zum Institut für Weltwirtschaft (IfW) in Kiel wechselte. Er wurde zunächst Assistent des legendären Professors Herbert Giersch, 1975 Leiter der Konjunkturabteilung und 1978 Professor und Direktor des IfW. 1987 trat er in die Deutsche Bank ein, wurde 1990 deren Chefvolkswirt und 1992 Geschäftsführer von DB-Research.
Wenn Norbert Walter nun in Rente geht, heißt das aber keineswegs, dass er die Füße hochlegen wird. Zusammen mit seinen Töchtern - die eine ist Betriebswirtin, die andere Volkswirtin - wird er die Beratungsfirma Walter & Töchter Consult betreiben. Außerdem hat er sich vorgenommen, ein neues Buch zu schreiben. Es hat zwar noch keinen Titel, wird aber davon handeln, was Europa so gut gemacht hat, dass die Welt es beachten und nutzen sollte.
Ich bin international sehr gut unterwegs und jemand, der die weltweite Vernetzung der deutschen Wirtschaft ernsthaft begreift. Außerdem habe ich mich auch früher schon getraut, früh zu sagen, wenn etwas aus dem Trend rausläuft. Sicher, Leute, die immer alte Durchschnitte prognostizieren, ecken am wenigsten an. Aber mein Ziel war nie, möglichst viele freundliche Menschen um mich herum zu haben, sondern möglichst gute Prognosen zu machen.
Und sich von der Konkurrenz abzuheben?
Natürlich kommt es manchmal auch zu unangenehmen, kritischen Einschätzungen, die zu meiner Verwunderung dann besonders auffallen, wenn sie vom Konsens nach unten abweichen. Ich hatte genauso viele Abweichungen nach oben. Da hieß es dann mitunter: "Ach, jetzt ist er wohl von der Regierung gekauft worden."
Hat Sie das gekränkt?
Nein, ich bin zwar CDU-Mitglied, wenn aber in Zeiten einer sozialdemokratischen Bundesregierung ein hohes Wirtschaftswachstum rauskommt, dann prognostiziere ich das frank und frei.
Wie erklären Sie die extreme Zickzackbewegung der Konjunktur?
Dass die Wirtschaft so stark geschrumpft ist, hatte damit zu tun, dass wir erstmals seit 30 Jahren wieder einen richtigen Lagerzyklus erlebt haben. Die Lager wurden leer gefegt, das führte zu einer ganz schwachen Konjunktur. Aber wenn sie leer sind, muss wieder geordert werden. In dieser Situation waren wir im dritten Quartal 2009. Hinzu kamen finanzpolitische Stimulierungsmaßnahmen, die konzentriert im Sommer wirksam wurden.
Was heißt das für das Jahr 2010?
Es wird besser als 2009, weil wir dieses Loch im Lagerzyklus und den Exporteinbruch nicht noch mal haben werden. Trotzdem befürchte ich, dass das Wachstum mit einem oder zwei Prozent enttäuschend bleiben wird, weil wir von einem schwächeren Konsum ausgehen müssen.
















