Vergangenen Dienstag ist im Internet ein großes Paket mit entwendeten Dokumenten aus dem Klimaforschungszentrum (CRU) der britischen University of East Anglia aufgetaucht. Über 150 MB Daten sind hier inzwischen für jedermann einsehbar, darunter auch über 1000 E-Mails aus der Korrespondenz der leitenden Wissenschaftler seit 1996 (einen einfachen Zugriff auf das Material erlaubt diese Webseite:
http://www.anelegantchaos.org/.)
Die Überprüfung all dieser Unterlagen wird einige Zeit in Anspruch nehmen. Es ist auch noch unklar, ob sie durch einen Hackerangriff erlangt oder vielleicht von einem Insider an die Öffentlichkeit gespielt wurden. Etliche Mails sind aber unbestritten echt, Verfasser oder Empfänger außerhalb des CRU haben ihre Authentizität bestätigt. Fälschungsvorwürfe gibt es bislang von den Betroffenen nicht.
Diese Dokumente haben das Potenzial für einen krachenden Wissenschaftsskandal. Und sie sind kurz vor dem Klimagipfel in Kopenhagen auch politisch hoch explosiv.
Denn das Material weckt Zweifel an der Integrität einiger international führender Klimawissenschaftler. Es zeichnet das Bild eines Forscherkartells, das von sich selbst, seinen Erkenntnissen und seiner Mission so vollkommen überzeugt ist, dass es seine Kritiker einfach nur als lästigen Pöbel betrachtet. Und diesen Pöbel mit allen Mitteln und Intrigen draußen vor der Tür zu halten sucht.
Der viel zitierte "wissenschaftliche Konsens" zum menschengemachten Klimawandel erscheint da auf einmal in recht trüben Licht.
Dabei geht es nicht um eine große Verschwörungstheorie. Die im Netz seit Tagen intensiv diskutierten Dokumente entlarven keinen geheimen Bund zur systematischen Irreführung der Öffentlichkeit. Und sie widerlegen die Theorie vom anthropogenen Klimawandel nicht. Das begeisterte Triumphgeheul mancher Klimaskeptiker ist insofern völlig fehl am Platze.
Es ist auch letztlich irrelevant, dass die Tonart einiger Mails rustikal und für die Verfasser recht peinlich ist. So unappetitlich es ist, wie da über manche Kritiker hergezogen wird - es handelt sich um vertrauliche interne Korrespondenz unter engen Kollegen und Freunden. Niemandem ist zu wünschen, dass sein Mailverkehr aus den vergangenen zehn Jahren gestohlen und vor der Weltöffentlichkeit ausgebreitet wird.
Brisant sind die Dokumente dennoch. Sind sie echt, dann zeigen sie zum einen, dass der CRU-Chef Phil Jones und seine wissenschaftlichen Mitstreiter in aller Welt sich immer wieder bemüht haben, ihre verhassten Kritiker zu diskreditieren, auszubremsen und aus dem Kreis der satisfaktionsfähigen Wissenschaft zu entfernen.
In dieser Auseinandersetzung wurde nicht nur mit fachlichen Argumenten gearbeitet, sondern auch mit den Mitteln von Machtpolitik und Manipulation. So ist eine Formulierung wie die folgende aus einer mutmaßlichen Mail von Jones zumindest stark erklärungsbedürftig: "Ich sehe nicht, dass diese Paper im nächsten IPCC-Report sein werden. Kevin und ich werden sie irgendwie heraushalten - selbst wenn wir neu definieren müssen, was die Peer-Review-Literatur ist! Cheers, Phil"
Die Affäre hat gerade erst begonnen
Alarmierend ist zudem, wie die CRU-Führung mit ihren gesetzlichen Offenlegungspflichten umgegangen sein könnte. Unter dem britischen Freedom of Information Act (FOIA) ist das Institut im Prinzip verpflichtet, seine Daten und Unterlagen der Öffentlichkeit zur Verfügung zu stellen. Erst vor Kurzem hatte der Statistiker Stephen McIntyre unter Berufung auf dieses Gesetz die Herausgabe von Daten verlangt. McIntyre, der als Privatmann außerhalb des normalen Wissenschaftsbetriebs arbeitet, gilt bei der Elite der Klimaforscher als ein Hauptfeind, weil er einige ihrer zentralen Studien infrage gestellt hat und immer wieder fordert, dass die Rohdaten der Forscher frei verfügbar sein müssten, damit Ergebnisse nachzuprüfen sind.
McIntyres jüngster Antrag wurde nach einigem Hin und Her abgelehnt. In den Mails finden sich aber nun diverse Formulierungen, die den Schluss nahelegen, dass am CRU systematisch versucht wurde, den FOIA zu unterlaufen. Womöglich wurden sogar Daten gelöscht.
Rivalitäten und Intrigen zwischen verschiedenen Schulen sind in der Wissenschaftsgeschichte nichts Ungewöhnliches. Die Klimaforschung spielt sich aber längst nicht mehr nur in Elfenbeintürmen ab, sie ist ein Politikum ersten Ranges. Auf ihrer Basis werden derzeit Hunderte von Milliarden Dollar umgeschichtet, Wohl und Wehe ganzer Branchen hängen davon ab.
Schon deshalb ist damit zu rechnen, dass die entwendeten CRU-Dateien noch für sehr viel Wirbel sorgen werden. Diese Affäre hat gerade erst angefangen.
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