Helena Durst hat nur zu gut die donnernde Stimme ihres verstorbenen Großvaters Seymour Durst im Ohr. Wie er sich echauffieren konnte über die zügellose Verschuldungspolitik der Reagan-Regierung. Wie er bei jedem Familientreffen den mangelnden Sparwillen der politischen Kaste geißelte. Zum Jahreswechsel schickte der einflussreiche New Yorker Immobilienentwickler zynische Neujahrskarten Richtung Washington. Auf denen rechnete er haarklein den Anteil der Familie an der Staatsverschuldung vor. Als die postalischen Protestnoten nichts bewirkten, ließ Durst nahe dem Times Square eine fünf mal zehn Meter große Schuldenuhr an eine Häuserfront montieren.
Heute betreut seine Enkelin Helena den ordnungspolitischen Pranger. Aufmerksam beobachtet sie die Reaktionen der Passanten: "Die Amerikaner schütteln nicht einmal mit dem Kopf. Nur die Touristen sind noch überrascht." Rasend schnell huschen die Ziffern über die Anzeige, immer größer wird die Zahl. Die Schuldenuhr aus dem Hause Durst wird zu einem Barometer der Verschwendung: Mit 11,6 Billionen Dollar stehen die USA in der Kreide – trauriger Weltrekord.
Und mit jeder Sekunde rutschen die Vereinigten Staaten tiefer ins Minus. Noch können die USA mit ihrer jährlichen Wirtschaftskraft von 14,3 Billionen Dollar die Orgie finanzieren. Noch erwirtschaften die Sozialversicherungen Überschüsse. Noch ist das auf Schulden gebaute System nicht kollabiert.
Doch wie lange geht diese Politik auf Pump noch gut? Die Sozialkassen werden im kommenden Jahrzehnt Verluste anhäufen, haben Wirtschaftsforscher errechnet. Zugleich steigen mit wachsenden Schulden die Zinslasten, während die Rezession an den Steuereinnahmen nagt. Und dann sind da noch die 24 Billionen Dollar an Garantien und Krediten, die der Staat in der Finanzkrise an Banken und notleidende Unternehmen verteilte. "Die Schuldenkrise", warnt John Taylor, Wirtschaftsprofessor von der Stanford University, "stellt ein größeres Risiko für das Wirtschaftssystem dar als die Finanzkrise".
Nicht nur Wissenschaftler wie Taylor blicken besorgt auf die größte Volkswirtschaft der Erde. Ende September treffen sich Vertreter führender Wirtschaftsnationen zum G20-Gipfel in Pittsburgh. Dort werden sich die amerikanischen Gastgeber von ihren Gläubigern einiges an Kritik anhören müssen. Die Geldgeber dringen auf Steuererhöhungen oder Einschnitte bei den Staatsausgaben, damit die Amerikaner die Schulden in den Griff bekommen.
Gelingt das nicht, befürchten sie ein Anschwellen der Inflation und den Verfall des Dollar. Damit wären die Investoren doppelt gestraft. Von ihnen gekaufte Staatsanleihen würden im Kurs sinken, zugleich wären ihre gigantischen Positionen von 3,3 Billionen Dollar in der jeweiligen Heimatwährung weniger wert.
Wie schnell es abwärtsgehen kann, zeigt das Beispiel England. Vor wenigen Monaten drohten Ratingagenturen wie Standard & Poor’s, die Bonität von England aufgrund hoher Verschuldung von der Bestnote AAA herabzustufen. Prompt stürzte das Pfund ab. Ähnliches könnte den USA widerfahren: "Offensichtlich gibt es langfristigen Druck auf das Rating", sagt Steven Hess, Kreditanalyst der Ratingagentur Moody’s. Das heißt frei übersetzt: Es wird eng.


















