Der Patient muss durchhalten, nur ein bisschen noch. Gebannt starrt Ira Bloom auf den Monitor. Gleichmäßig wandern seine Augen auf und ab, folgen den roten und grünen Linien, die synchron über den Bildschirm zucken. Solange diese Linien gleichmäßig auf- und absteigen, geht es seinem verkabelten Schützling hinter der Glasscheibe gut. Der große, hagere Mann summt vor sich hin, doch die Lüfter der Computer übertönen alles mit ihrem monotonen Brummen.
Der Patient, dem Blooms ganze Hingabe gehört, ist eine Batterie. Sie soll eines Tages ein Hybridauto antreiben, und wie lange sie dessen Elektromotor auf Touren halten kann, das testet der Ingenieur in seinem Simulator, der den Akku den Belastungen einer Überlandfahrt aussetzt. 16 Kilometer weit hat es Blooms Baby auf der Fantasiestraße geschafft – genug für heute, aber zu wenig für seinen obersten Chef. Der heißt Barack Obama und verlangt 64 Kilometer.
So weit sollen mit einer Batterieladung die Hybridautos kommen, von denen der Präsident im Jahr 2015 eine Million Stück auf den Straßen sehen will – entwickelt und gebaut in den USA. Amerikas kränkelnde Autobauer sollen führend in der Elektromobilität werden, 2,4 Milliarden Dollar aus dem US-Konjunkturpaket stehen bereit: für die Entwicklung und Herstellung von Lithium-Ionen-Batterien, von Elektromotoren, Brennstoffzellen und anderen Komponenten, von Prototypen, Stromtankstellen und was eine elektrifizierte Autowelt sonst so braucht. Staatliche Großforschungseinrichtungen wie das Argonne National Lab, an dem Ira Bloom Batterien testet, sollen den Unternehmen zur Seite stehen und werden jetzt mit hohen zusätzlichen Millionenbeträgen aufgerüstet.
Nie zuvor hat ein Staatschef in so kurzer Zeit so massiv in Wissenschaft und technologischen Wandel investiert. Das 787 Milliarden Dollar schwere Konjunkturpaket, der American Recovery and Reinvestment Act, enthält 120 Milliarden Dollar für Forschung und Technik, für die maroden Stromnetze und neue Breitbandanschlüsse, für Umweltsanierung und die Umstellung auf saubere Energien – alles auszugeben innerhalb von zwei Jahren. Nicht nur bei Elektrofahrzeugen will Obama die USA an die Spitze führen, das Land soll auch der wichtigste Erzeuger von Ökostrom werden. Getreu dem Motto: Greentech – made in USA.
Obamas Feldherr in der Schlacht um Autos und Windmühlen ist der zum Energieminister berufene Physiknobelpreisträger Steven Chu, der allein 40 Milliarden Dollar verteilen darf. 400 Millionen davon steckt er in einen neuen Thinktank, die Energieforschungsagentur Arpa-E, modelliert nach einem Vorbild aus dem Verteidigungsministerium. Dort wurde 1958 die Forschungsagentur Darpa gegründet – als Reaktion auf die Schmach des ersten russischen Satellitenstarts. Waren es damals die Russen, zu denen die Amerikaner in einem großen Technologierennen wieder aufschließen wollten, sind es heute die Asiaten mit ihren Hybridautos und Lithium-Ionen-Akkus und die Europäer mit ihren Solarzellen und Windrädern.
Noch sind die USA damit beschäftigt, ihren Rückstand aufzuholen. "Was an den großen Unis im Solarbereich entsteht, wird frühestens in zehn Jahren seine Wirkung entfalten", urteilt Roland Schindler, Leiter des Center for Sustainable Energy Systems, das die Fraunhofer-Gesellschaft zusammen mit dem MIT in Boston gegründet hat. Einige laut beworbene Ideen seien alles andere als neu. Noch sei der Vorsprung groß, den sich die über Jahre mit Einspeisevergütungen gehegte deutsche Solar- und Windbranche erarbeitet habe, noch seien die USA eher Absatzmarkt als Konkurrent.
Doch das kann sich schnell ändern. Wenn Amerika eine Industrie erst einmal entdeckt und dort investiert, entwickelt sich rasch eine enorme Dynamik. Das hat Silicon Valley immer wieder bewiesen. "Unsere Ausgangsposition im Bereich regenerative Energien ist wirklich gut", sagt Hans-Jörg Bullinger, Präsident der Fraunhofer-Gesellschaft. Aber, warnt er mit Blick auf die US-Milliardenpakete: "Wenn die USA in dem Maße reingehen, kann unsere Position gefährdet sein."

















