15.04.2009
USA: Wegen der hohen Jobunsicherheit verpuffen auch die Rabatte von Autohändlern.
USA: Wegen der hohen Jobunsicherheit verpuffen auch die Rabatte von Autohändlern.
Foto: dpa-PA

Deflationsgefahr

US-Teuerungsrate fällt unter null

von Tobias Bayer (Frankfurt)

Präsident Obama sieht für die US-Wirtschaft erste Hoffnungsschimmer. Doch jüngste Konjunkturdaten sprechen eine andere Sprache: Die Verbraucherinflation fällt zum ersten Mal seit den 50er-Jahren unter null. Und die Auslastung der Industrie sinkt auf Rekordtief.

Der erste Fall der US-Teuerungsrate unter null Prozent seit 1955 hat am Mittwoch die Angst vor einer Deflation in der weltgrößten Volkswirtschaft genährt. Der Verbraucherpreisindex ging im März auf Jahressicht um 0,4 Prozent zurück. Im Vormonat hatte er noch um 0,2 Prozent zugelegt. Volkswirte hatten im Durchschnitt mit einem Rückgang um 0,1 Prozent gerechnet.

Die Kernrate - Nahrungs- und Lebensmittelpreise ausgeklammert - legte indes auf Jahressicht um 1,8 Prozent zu. Verantwortlich dafür war ein Anstieg der Tabakpreise um elf Prozent. Volkswirte gehen jedoch davon aus, dass auch die Kernrate zurückgehen wird. "Wir vermuten, dass sie fallen wird. Angesichts einer steigender Arbeitslosigkeit, einem Rückgang der Kapazitätsauslastung und fallenden Lohnkosten sollte der Abwärtssog auf die Kernrate aufrecht erhalten bleiben", sagte ING-Volkswirt James Knightley.

Kapazitätsauslastung fällt auf Rekordtief

Die Inflationsdaten fügen sich in ein breiteres Bild: Angesichts einer wegbrechenden Nachfrage schränken die US-Unternehmen ihre Produktion ein. Das spiegelt sich in einer geringen Kapazitätsauslastung wider: Im März fiel sie zum ersten Mal seit Beginn der Datenaufzeichnung 1967 unter die Schwelle von 70 Prozent auf das Rekordtief von 69,3 Prozent. Die Industrieproduktion wiederum sank im März um 1,5 Prozent - das ist der 14. Rückgang in den vergangenen 15 Monaten.

"Die starke Unterauslastung der Kapazitäten spricht zum einen für weitere Entlassungen und eine geringe Investitionsbereitschaft der Unternehmen. Zum anderen werden nicht nur Konjunktursorgen, sondern auch Deflationssorgen geschürt", urteilten die Commerzbank-Zinsstrategen Peter Müller und David Schnautz. Bereits am Dienstag hatten Konjunkturdaten für Aufsehen gesorgt: So gingen die Großhandelspreise im März gegenüber dem Vormonat um 1,2 Prozent zurück.

Empire-Index legt zu

Aus der Industrie gibt es aktuell aber auch gegenläufige Daten. Der Empire-State-Index, der am Mittwoch veröffentlicht wurde, kletterte im April auf Minus 14,65 Punkten von zuvor Minus 38,23 im März. Die Stimmungsumfrage der Fed in New York lag damit deutlich oberhalb der Erwartungen. Experten hoben hervor, dass die wichtige Auftragskomponente um rund 41 Punkte zulegte. "Die Subkomponenten zeigen ein gemischtes, jedoch überwiegend verbessertes Bild", sagte Ralf Umlauf, Renten- und Devisenstratege der Helaba.

Insgesamt warnen die Experten aber vor Euphorie. "Obwohl der Anstieg überaus deutlich und zudem auf recht breiter Basis erfolgte, ist es dafür noch zu früh. Denn sowohl der Gesamtindex als auch alle Teilkomponenten sind nach wie vor negativ und weisen damit auf eine schrumpfende Geschäftstätigkeit hin", sagte Thilo Heidrich, Volkswirt bei der Postbank. "Es bleibt abzuwarten, ob aus dem heutigen Ergebnis ein positiver Trend wird. Die Hoffnung darauf nähren jedenfalls die Erwartungen. Dort kam es nahezu überall zu Anstiegen und einige Komponenten befinden sich schon im positiven Bereich."

Die Vereinigten Staaten befinden sich seit Dezember 2007 in der Rezession. Nachdem das Bruttoinlandsprodukt (BIP) im vierten Quartal bereits um 6,3 Prozent schrumpfte, wird auch für das erste Quartal mit einem Einbruch gerechnet. Obamas Wirtschaftsberaterin Christina Romer ist sogar für das zweite Quartal skeptisch: "Die US-Wirtschaft ist immer noch krank. In den kommenden Monaten werden weiter Stellen verloren gehen. Die BIP-Zahlen für das erste und das zweite Quartal werden sicherlich sehr schlecht ausfallen."

Besonders heikel ist die Situation auf dem Arbeitsmarkt: Die Arbeitslosenquote liegt auf dem höchsten Stand seit 25 Jahren. Wegen der großen Jobunsicherheit halten die Haushalte ihr Erspartes zusammen und schränken ihren Konsum ein. Rabatte der Einzelhändler und Autofirmen verpuffen deshalb: So fielen die Einzelhandelsumsätze im März um 1,1 Prozent. Im Februar hatten sie noch um revidiert 0,3 Prozent zugelegt. Das verstärkt den Abwärtssog der Volkswirtschaft weckt Ängste vor einer Deflation nach japanischem Vorbild.

Wann ist der Wendepunkt erreicht?

Nicht alle Experten schätzen die Deflationsgefahr als hoch ein. "Auch wenn die Inflationsrate jetzt unter Null liegt, ist damit noch keine Deflation im engeren Sinne eingetreten. Hier ist unseres Erachtens eher die Kerninflationsrate maßgeblich, die jedoch mit 1,8 Prozent nach wie vor ein gutes Stück von der Nullmarke entfernt ist", sagte Matthias Huth, Anleihenexperte bei der Landesbank Baden-Württemberg. "Gleichwohl bleibt der Preistrend abwärtsgerichtet, weshalb wir auch in den kommenden Monaten mit fallenden Inflationsraten rechnen."

Fraglich ist, wann der Wendepunkt erreicht ist. Präsident Barack Obama äußerte sich mit Blick auf die Konjunkturpakete der Regierung in einer Rede am Dienstag verhalten optimistisch. "Unsere Stützungsaktionen ziehen erste Anzeichen einer wirtschaftlichen Erholung nach sich." Er hob konkret Schulen, Polizeidepartements, auf saubere Energien spezialisierte Unternehmen und Baufirmen hervor: Sie verzichteten auf Entlassungen beziehungsweise stellten Arbeiter wieder ein.


© 2009 ftd

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Quelle: FMH-Finanzberatung
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