Herr Delors, kaum jemand hat die Europäische Union so geprägt wie Sie. Derzeit stellt die schwerste Wirtschaftskrise der Nachkriegszeit die Gemeinschaft vor Zerreißproben. Schockieren die tagtäglichen Schreckensmeldungen den Monsieur Europe?
Delors: Vielleicht liegt es an meinem Alter, aber ich habe eine Abneigung gegen die negativen Superlative entwickelt, die jetzt überall herumgeistern. Wenn ich Leute höre, die sagen, nach dieser Krise wird nichts mehr so sein wie früher, muss ich sogar ein bisschen lächeln. Vor allem, da uns ja immer noch viele Informationen über das wahre Ausmaß der Probleme fehlen. Trotzdem kann ich nicht verhehlen: Auch ich bin sehr beunruhigt über das, was sich im Augenblick abspielt – in der Wirtschaft wie in der Politik.
Haben Sie ein Déjà-vu? Als Sie 1985 Ihr Amt als Präsident der EU-Kommission antraten, steckte Europa ebenfalls in Nöten. Die Wirtschaft litt unter den Folgen der Ölkrisen, die Nerven der Politiker lagen blank.
Delors: Die Vergangenheit kann uns helfen, die richtigen Schlüsse zu ziehen. Die aktuelle Krise ist ein großer Stresstest für die gesamte europäische Konstruktion. Aber Europa kann gestärkt daraus hervorgehen – wenn die EU-Staaten miteinander und nicht gegeneinander reagieren. Als ich in Brüssel anfing, herrschte zwischen den Mitgliedsländern eine Totalblockade, die europäische Familie war bei allen wichtigen Fragen zerstritten.
Trotzdem, es hat nur zwei, drei Jahre gedauert, um der EU neuen Schwung zu geben und große Projekte der ökonomischen Integration voranzutreiben – etwa den Binnenmarkt, die Unterstützung unterentwickelter Regionen und den Euro. Das Zusammenraufen hat uns für lange Zeit Wachstum, Stabilität und Wohlstand beschert. Diese Erkenntnis würde ich ins Zentrum rücken, wenn ich heute noch am Ruder wäre.
Das hört sich an, als ob Sie Lust hätten, das Schiff höchstpersönlich noch einmal durch den Sturm bringen.
Delors: Die Erlebnisse während meiner Amtszeit waren aufreibend und mitunter frustrierend, auch, weil der Handlungsspielraum des Kommissionspräsidenten begrenzt ist. Ich kenne das Gefühl, dass einem zum Heulen zu Mute ist. Das Gefühl, bei manchen Dingen versagt zu haben. Aber ehrlich gesagt: Die Herausforderung würde mich trotzdem immer noch reizen.
Ein Misstrauensvotum gegen die heute Amtierenden?
Delors: Jedenfalls zieht Europa bislang nicht an einem Strang. Zudem reagiert es langsam und behäbig – etwa bei neuen Regeln in der Finanzaufsicht oder beim Aufräumen in den Bilanzen der Banken. Und viele nationale Regierungen schrecken nicht einmal mehr vor Protektionismus zurück.
















