21.05.2008
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Foto: shutterstock.de

Steuern

Wir zahlen hier – und zwar anständig!

Steuern. Es ist eine kleine Sensation. Erstmals legen deut­sche Top-Entscheider für Capital offen, wie viel Geld sie ans Finanzamt abführen. Ihr Coming-out kann das erschütter­te Vertrau­en in die Moral der Elite stärken – und appelliert an die Politi­ker: Schafft endlich ein transparentes Steuerrecht.

Herbert Hainer reagierte prompt. Nicht mal eine Woche nachdem der Adidas-Chef einen Brief von Capital mit der Bitte erhalten hatte, die Höhe seiner Einkommensteuer zu verraten, war die Zahl schon eingetroffen. "Die Aktion ist sicher ungewöhnlich", schrieb Hainer zu­rück. "Doch ich habe in den vergange­nen Mona­ten die Diskussion über Managergehälter mit großem Unbehagen verfolgt, da sie einseitig geführt wurde. Deswegen bin ich gerne bereit, meine Steuern öffentlich zu machen, und hoffe, dass es damit gelingt, die Diskussion in eine neue Richtung zu lenken. Ich habe im Jahr 2006 in Deutschland 2,5 Millionen Euro Steuern gezahlt."

Respekt! Erstmals legen Hainer und andere Führungsspitzen für Capital offen, was die Deutschen sonst wie ein Staatsge­heim­nis ­hüten: wie viel Geld sie beim Fi­nanzamt lassen. In einem Land, in dem vor allem Gutverdiener eher über ihre Lie­bes- als über ihre Einkommensverhältnisse reden, ist das eine kleine Sensation. Doch die tiefe Vertrauenskrise zwischen Bürgern und Bossen, ausgelöst durch die Steu­er­hinter­ziehungs­affäre um Ex-Post-Chef Klaus Zum­winkel und befeuert durch den Dauer­streit über hohe Vor­stands­­bezüge, zeigt Wirkung: Politisch einfühlsame Fir­men­len­ker sehen in dem Steuer-Coming-out eine gute Möglichkeit, das ram­po­nier­te Image ihrer Zunft aufzupolieren.

"Ich mache gerne mit", verkündet etwa kurz und knapp MAN-Vor­stands­­vorsit­zender Håkan Samuelsson, der 2006 fast 1,6 Millionen Euro an den hiesigen Fis­kus abgeführt hat. Sogar einer der sonst besonders verschlossenen Familienunternehmer lüftet sein Steuergeheim­nis. "Ich habe zu­letzt 6,998 Millionen Euro ge­zahlt", enthüllt Götz Werner, Inhaber der DM-Drogeriekette. Insgesamt decken ein gutes Dutzend Befragte die Karten auf.

Tatsächlich kann die Veröffentlichung der sensiblen Daten hel­fen, verloren gegangenes Vertrauen zurückzugewinnen. Schließ­­lich verdeutlichen sie, dass die ­Un­ternehmens­führer nicht nur ordentlich ver­dienen, sondern auch anständig zahlen. Schon aus der amtli­chen Statistik geht hervor: Das bestverdie­nende Tausendstel der Bür­ger mit Jahreseinkünften ab 548.000 Euro trägt ein Zwölftel der ­gesamten Ein­kommen­steuerlast, das obers­te Hundertstel sogar mehr als ein Fünftel – obwohl es nur ein Zehntel der Einkünfte auf sich vereint. Jetzt erlaubt der Steuerstriptease, die ano­ny­men Daten mit Leben zu füllen.

So finanziert der Karlsruher Drogerie­un­ter­nehmer Werner mit seinen sieben Mil­lionen Euro rechnerisch ganz allein den Bau des geplanten Fachhochschul­campus im würt­tem­ber­gi­schen Tutt­lingen. Die 2,5 Millionen von Adidas-Chef Hainer reichen, um jedes Jahr das komplette Lehrerkollegium ei­nes Gymnasiums zu bezahlen. Und mit den 1,24 Millionen von Conti-Boss Manfred Wen­nemer kann der Staat 150 Langzeitarbeitslose ein Jahr lang unterstützen. "Ich bin überzeugt, dass der weitaus überwie­gen­de Anteil der deutschen Vor­stände erheb­lich zum Gemeinwohl bei­trägt", sagt Hainer daher. Die kleine Ein­schrän­kung, die er macht, verrät den Ärger über schwarze Schafe wie Zumwinkel, die ihr Geld im Ausland verstecken.

Die Politiker mauern

Die Steuerumfrage offenbart aber auch: Die Mehrheit der Elite misstraut den Folgen eines Coming-out. Über 100 Top-Entscheider aus Wirtschaft und Politik hat Capital angeschrieben und um Auskunft über die zuletzt festgesetzte Einkommen­steuer plus Solidaritätszuschlag gebeten – die 30 Vorstandschefs der Dax-Kon­zer­ne, die 30 größten Familienunternehmen, die 20 wichtigsten Aufsichtsräte, die 16 Mit­glieder des Bundeskabinetts, die 16 Regierungschefs der Länder sowie die Präsiden­ten der großen Wirt­schafts­verbän­de BDA, BDI, DIHK und ZDH. Aber nur zehn Befragte nennen ihren genauen Steu­er­betrag, drei wei­tere immerhin ihren ungefäh­ren.

So lässt Deutschlands bestverdienender Vorstandschef Wendelin Wiedeking von Por­­sche wissen, er zahle – "gerne und ausschließlich hier" – in "zwei­­stelliger Millionenhöhe" Geld an den Fiskus – was angesichts seines letzten Jahreseinkommens von geschätzten 60 Mil­lionen Euro nicht verblüfft. Der Stahlindus­trielle und RWE-Boss Jürgen Groß­mann gibt seine Abzüge mit "deutlich über zehn Millionen" an. Und der neu­e deut­sche Uni­cef-Vorsitzende und Tech­no­lo­gie­un­ter­nehmer Jürgen Herae­us schreibt von Steu­ern "im hohen sechsstel­li­gen Bereich".

Alle anderen halten sich bedeckt – ob Deut­sche-Bank-Chef Josef Ackermann oder Daimler-Boss Dieter Zetsche. Die größ­ten Geheimniskrämer sind aber ausge­rech­­net diejenigen, die nach dem Wirbel um Zum­winkel am lautesten über Steu­er­flücht­linge geschimpft haben: die Politi­ker und die Verbandspräsidenten. So lässt sich nur ein einziger der 32 Re­gie­ren­den in die Karten gucken – Saarlands Ministerpräsident Peter Müller, der 2006 knapp 36.000 Euro an den Fiskus zahlte. Umweltmi­nis­ter Sigmar Gabriel wäre immerhin dann zu persönlicher Steuerglasnost bereit gewesen, wenn auch jeder gleich nach den Bruttoeinkünften gefragt worden wä­re. Das hätte zwar die Aussagekraft noch gesteigert – aber auch die Hemmschwelle, sich zu ­offenbaren, viel zu hoch gelegt.

Von den vier obersten Wirtschafts­repräsen­tanten hielten drei nicht mal eine Antwort für nötig – nur BDI-Chef Jürgen Thumann meldete sich und sagte ab. Die mauernden Politiker erläutern zum Teil ­we­nigstens ihre Position, etwa Wolf­gang Schäuble. "Sie werden ver­ste­hen", schreibt er, "dass gerade ich als Bun­des­in­nenminis­ter, dem man ständig zu Unrecht vorwirft, alles und jeden über­wachen zu wollen, ­sicher nicht für die Abschaffung des Steuer­geheimnisses plädieren werde."

Doch von Finanz­minis­ter Peer Steinbrück, der die Bosse gern an deren Vorbild­rolle erinnert, hätte man mehr erwarten können als die zwischen allen Ressorts abgestimmte, bürokratisch korrek­te Mitteilung: "Da die steu­er­recht­lich be­deut­sa­men per­­sön­li­­chen Verhältnisse ei­ner Bun­desministerin oder eines Bun­des­mi­nis­ters be­kannt sind", sehe er "kei­nen Grund, dar­über hin­­aus­ge­hen­­de spezifi­sche Anga­ben zu ma­chen". Man­che Bun­des­­tags­ab­ge­ord­nete wie Stein­­brücks Parteifreund Dieter Wiefelspütz oder die Grüne Anna Lühr­mann sind viel weiter: Sie veröffentlichen ihren Steuer­bescheid im Internet.

Allerdings lehnt auch die Mehrzahl der Wirtschaftskapitäne jeden Einblick ab. "Wenn andere Leute Steuern hin­terzie­hen, ist es meiner Ansicht nach nicht notwendig, dass wir zum Ausgleich dafür die Hosen runterlassen", empört sich etwa Baustofffabrikant Baldwin Knauf. Die Industrielle Maria-Elisabeth Schaeff­ler hat sogar Angst, dass ein Coming-out nach hinten losgehen könnte: "Ich bezweifle, dass eine Darstellung der tatsächlichen Soli­dari­täts­leistungen von Unternehmern den gewünschten Effekt haben wird", schreibt sie. "Vielmehr steht zu befürchten, dass die Offenheit Wasser auf die Mühlen derer gießt, die sich anschicken, mit der Debatte um Steu­er­zahlun­gen und Managergehälter einen ide­o­logischen Angriff auf die Markt­wirt­schaft zu führen."

Ähnlich ar­gu­men­tiert der Mün­che­ner-Rück-Chef Ni­ko­laus von Bom­hard: Er sorgt sich, dass eine Ver­­knüp­fung von Top­-Ent­schei­dern mit ih­ren Steuerzahlungen "negativ besetzt" wä­re – "im Sinne von: Man muss erst mal so viel Steuern zahlen können." Im­mer­hin ver­rät er: "Ich nutze keine Steu­er­spar­mo­delle, und mein Geld liegt im Inland."


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Ratenkredite (36 Monate)6,96%4,70-11,61%
Quelle: FMH-Finanzberatung
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 Quelle: vwd netsolutions GmbH
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